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Kolumne Auf Ein Wort
Dürfen wir Christen Angst haben?

Kolumne Auf Ein Wort: Dürfen wir Christen Angst haben?
Jochen Schumacher ist Kaplan der Katholischen Kirchengemeinde Heilige Familie. FOTO: hjba
Düsseldorf. Gerade war der erste Jahrestag des Amoklaufs in München. Am Abend des 22. Juli 2016 tötete dort ein 18-Jähriger an einem Einkaufszentrum neun Menschen, verletzte etliche und erschoss sich später selbst. Innerhalb weniger Minuten hatte er Schmerz und Leid über viele Familien gebracht, auch über seine eigene. Verstehen kann man das nicht, nur hoffen, dass die Betroffenen Hilfe erfahren.

Außerhalb Münchens werden wohl wenige an diesen Jahrestag gedacht haben. Ich habe mich daran erinnert, weil ich, als der Amoklauf geschah, selbst noch in München wohnte. Eine ganze Stadt war im Ausnahmezustand. An vielen verschiedenen Stellen der Innenstadt entstand Panik. Ich selber war verängstigt und erwartete jeden Moment einen der Terroristen die Straße entlang laufen. Werde ich hilflos zusehen müssen, wie Menschen erschossen werden? Wird der Schütze mich oben am Fenster bemerken? Werde ich ihn erkennen und rechtzeitig in Deckung gehen können, falls er auch auf mich zielen sollte? Diese Fragen gingen mir blitzschnell durch den Kopf, während ich in einer Art Schockstarre unbeweglich am offenen Fenster stand.

Wir müssen mit der Gefahr des Terrors leben, in Europa, in Deutschland, auch bei uns in Düsseldorf. Wir müssen vor allem bei Großveranstaltungen und an belebten Orten Maßnahmen und Vorkehrungen treffen, um Gewalttaten zu verhindern, die Gefahr einzudämmen. Das ist richtig und wichtig. Aber sollen wir auch Angst haben? Dürfen wir überhaupt Angst haben als Christen? Es gibt genügend Stellen in der Bibel, wo es gerade heißt, dass wir keine Angst haben sollen. Der Satz "Füchte dich nicht" oder "Fürchtet euch nicht" kommt im Neuen Testament über 20 mal vor, meistens von Christus selber gesprochen. Ist also Angst haben etwa "unchristlich"?

Die Angst ist menschlich, keine Frage, aber sie ist sicher in den meisten Lebenssituationen kein guter Berater. Angst lähmt, verunsichert und verleitet oft dazu, Fehler zu machen. Das wird jeder wissen, der ängstlich in Prüfungen geht. Vor einigen Wochen hatten wir in einem Schulgottesdienst einer Grundschule das Thema Angst. Auf meine Frage, was man tun kann, um keine Angst mehr zu haben, sagte ein Kind: "Sich selbst Mut machen und sagen, so schlimm ist das nicht. Dann hört die Angst auf und man sieht, ob etwas gefährlich ist oder nicht".

Die Antwort hat mich schwer beeindruckt. Aber es stimmt. Statt Angst haben sollte man vorsichtig sein. Die Vorsicht lässt mich abwägen, ob alles in Ordnung ist oder ob ich besser das Feld räume. Natürlich kann ich auch falsch entscheiden. Aber ich habe mehr Chancen, das Richtige zu tun, wenn ich vorsichtig bin, als unter Angst zu handeln.

Quelle: RP
 
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