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Bettina Erlbruch
Auch reiche Kinder werden geschlagen

Düsseldorf: Auch reiche Kinder werden geschlagen
Bettina Erlbruch bietet Eltern beim Kinderschutzbund eine ganze Reihe an Angeboten. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Der Düsseldorfer Kinderschutzbund tritt seit 50 Jahren für die Rechte von Kindern ein. Wie der Verein dabei vorgeht, erklärt Geschäftsführerin Bettina Erlbruch. Eltern sollen so früh wie möglich Unterstützung bekommen, um Notlagen zu vermeiden.

Kinder spielen oft, indem sie sich etwas vorstellen. Wenn Sie sich vorstellen, eine Zeitreise machen zu können, um für einen Tag noch einmal Kind zu sein, zu welcher Zeit innerhalb der vergangenen 50 Jahre würden Sie gerne landen?

Bettina Erlbruch So ein großes Fest nur für Kinder wie am Weltkindertag am kommenden Sonntag, das finde ich wunderbar. Das gab es früher nicht. Aber in meiner Kindheit in den 70er Jahren haben wir am Rhein Feuer gemacht und viel draußen gespielt, konnten uns ausprobieren. Die Kinder heute sind eingeschränkter und oft fest eingebunden. Das freie Spiel wird meist ersetzt durch technisches Spielzeug. Das hat auch seinen Reiz. Aber diese unmittelbaren Erlebnisse zu haben, fehlt heute vielen Kindern. Ich finde es schwierig, früher und heute zu vergleichen.

Sie leiten als Geschäftsführerin seit 22 Jahren den Düsseldorfer Kinderschutzbund. Können Sie aus dieser Zeit ein Erlebnis nennen, das widerspiegelt, warum Sie diese Arbeit machen?

erlbruch Wir haben einmal einen Ausflug mit Kindern an den Rhein gemacht. Als ein neunjähriges Mädchen das Wasser gesehen hat, sagte sie: "Boah, ist das das Meer?" Das hat mich sehr berührt. Denn auch wenn es in Düsseldorf ein großes Angebot an Unterstützung und Förderung gibt, so gibt es trotzdem Familien, die es nicht erreicht, weil sie sich in einer sehr begrenzten Lebenswelt befinden.

Was können Sie als Kinderschutzbund tun, um solche Familien zu erreichen?

erlbruch Wir haben beim Kinderschutzbund eine ganze Reihe von Angeboten, die sehr gute Türöffner sind. Das ist zum Beispiel unsere Kinderkleiderkammer, die einmal in der Woche parallel zu unserem Familiencafé für Flüchtlingsfamilien geöffnet ist. Dann ist auch immer vor Ort eine Sozialpädagogin ansprechbar. Außerdem haben wir im Evangelischen Krankenhaus und im Sana-Krankenhaus Gerresheim ebenfalls ein Familiencafé. Unser Ansatz ist dabei, Eltern so früh wie möglich Unterstützung anzubieten, damit es erst gar nicht zu Notlagen für das Kind kommt.

Welche Hilfen sind das?

Erlbruch Das reicht von der Einzelberatung bis zu Seminaren wie "Starke Eltern - starke Kinder". In unseren Räumen nutzen Eltern in besonders schwierigen Trennungssituationen die Möglichkeit des begleiteten Umgangs. Und schließlich bieten wir eine U-3-Betreuung in unserem Haus an, die Posener Pänz.

Das Thema Kinderrechte ist heute in der Öffentlichkeit viel präsenter als früher. Wie macht sich das bei Ihrer Arbeit bemerkbar?

Erlbruch Durch das Bundeskinderschutzgesetz ist eine großartige Entwicklung auf den Weg gebracht worden. Seitdem gibt es ein strukturiertes Vorgehen, wenn das Kindeswohl gefährdet ist, Lehrer und Ärzte haben feste Ansprechpartner. Die Gefahr, dass ein Kind durch die Maschen fällt, ist deutlich geringer als vor 20 Jahren.

Wie oft kommt es vor, dass sich jemand an den Kinderschutzbund wendet, weil er Sorge um das Wohl eines Kindes hat?

erlbruch Jede Woche! Wir versuchen herauszufinden, ob die Sorge berechtigt ist. Manche Eltern sind auch dankbar, dass wir sie ansprechen. Denn hinter Gewalt, nicht nur körperlicher, sondern auch verbaler, steckt oft Überforderung.

Ist Gewalt in der Erziehung vor allem in sozialen Brennpunkten ein Thema?

Erlbruch Nein, das geht durch alle Schichten und unsere Beratungsangebote werden von den Bürgern aller Stadtteile wahrgenommen. In den Seminaren lernen Eltern, wie sie Konflikte ohne Gewalt lösen und wie sie mit ihren Kindern sprechen und klare Grenzen setzen können, so dass auch diese verstehen, dass ein Nein ein Nein ist.

Inzwischen gibt es viele Aufklärungskampagnen und Theaterstücke, die Kinder für sexuellen Missbrauch sensibilisieren. Was hat es gebracht?

Erlbruch Vor 30 Jahren gab es das Thema nicht. Kinder, die über sexuellen Missbrauch sprechen wollten, galten als Lügner. Das ist heute anders. Aber für das einzelne betroffene Kind ist es nicht einfacher geworden, darüber zu sprechen. Es ist angewiesen auf Menschen, die zuhören, sensibel und nicht überstürzt reagieren.

Mit welchen Themen wenden sich Kinder und Jugendliche an das Sorgentelefon?

Erlbruch Es ist die Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen, die anruft. Angesprochen werden viele Themen rund um die Pubertät. Wenn es um Liebe und Sexualität geht, müssen die Mitarbeiter schon in allen Fragen richtig fit sein. Zwar gibt es die Informationen auch im Netz, aber den Jugendlichen ist es wichtig, persönlich darüber zu sprechen, allerdings nicht mit den Eltern. Oft haben die auch nicht die Zeit. Häufige Themen sind auch Konflikte in der Familie oder in der Schule, sei es durch Mobbing oder Leistungsdruck.

In der Stadt sind in den vergangenen Jahrzehnten viele Hilfsprojekte und -organisationen dazugekommen. Bekommen Sie das bei dem Werben um Spenden, Mitglieder und Ehrenamtler zu spüren?

Erlbruch Ja. Wenn es zum Beispiel um kranke oder sterbende Kinder geht, berührt das Menschen verständlicherweise mehr als Kinderrechte allgemein. Trotzdem, aktuell sind 78 ehrenamtliche Mitarbeiter bei uns im Einsatz. Sehr, sehr freuen wir uns über die engagierte Unterstützung einiger Düsseldorfer Prominente, insbesondere unserer Schirmherrin im Jubiläumsjahr, Vera Geisel. Denn es müssen etwa 35 Prozent unserer Mittel über Spenden reinkommen. Das sind pro Jahr 160 000 Euro, immer wieder aufs Neue eine große Herausforderung.

Wenn eine Fee käme und Sie hätten drei Wünsche frei, was würden Sie sich wünschen?

Erlbruch Als Erstes die gewaltfreie Erziehung für alle Kinder, auch wenn das ein naiver Wunsch ist. Dann wünsche ich mir, dass wir immer wieder aufs Neue Menschen finden, die bereit sind, sich mit Herz und Verstand für die Kinderrechte und den Kinderschutzbund einzusetzen, gerne als Ehrenamtliche, Mitglieder oder Spender. Als Drittes: ein eigenes Haus für Kinder, gerne mit einem Kinderrechte-Auto vor der Tür.

SONJA SCHMITZ FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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