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Bewegender Facebook-Aufruf
Dieb stiehlt Krebs-Patienten im Hospital das Handy

Düsseldorf: Dieb stiehlt Krebs-Patienten im Krankenhaus das Handy
Seit sein Handy gestohlen wurde, kann Stephan M. mit seiner Schwester nur noch mit Block und Stift kommunizieren. Mehrere OPs und viele Komplikationen seiner Krebserkrankung haben ihn sehr mitgenommen. FOTO: Pawlitzki, Helene
Düsseldorf. Stephan M. kann nach einer Krebs-Operation nicht mehr sprechen. Sein wichtigstes Kommunikationsmittel war sein Handy - doch das wurde ihm aus dem Krankenhauszimmer gestohlen. Seine Schwester postete einen Facebook-Aufruf. Die Anteilnahme im Netz ist groß. Von Helene Pawlitzki

Früher, erzählt seine Schwester Susanne, habe Stephan ununterbrochen geredet.

Jetzt ist es schwer, sich das vorzustellen. Stephan M. redet nicht mehr. Wenn man ihm einen guten Tag wünscht, nickt der Düsseldorfer. Wenn man ihn fragt, ob er manchmal vor die Tür geht, zeigt er mit Daumen und Zeigefinger: kaum. Wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, greift er zu einem Ringbuch und einem Kugelschreiber. "Ganz mies", schreibt er. "Ganz unten." Auf seinem Schoß sitzt seine Katze und lässt sich streicheln. An der Wand eine gerahmte Urkunde: Am ersten Juliwochenende war M. Freiwilliger bei der Tour de France. "Da war noch alles in Ordnung", sagt seine Schwester. "Bis auf den Knubbel am Hals."

Stephan M. ist sehr, sehr krank. Kurz nach der Tour ist er am Hals operiert worden. Hinten links wurde ihm ein Tumor entfernt. Seitdem trägt er eine Manschette um den Hals, darin ein Plastikröhrchen. Dadurch atmet der 43-Jährige. Er kann seitdem nicht mehr essen, nicht mehr trinken, nicht mehr sprechen.

Als M. aus dem MRT kam, war das Handy weg

Eigentlich hätte er schon längst eine Reha bekommen sollen, logopädisches Training, damit es mit dem Sprechen und Essen wieder klappt. Aber dann begann Stephan auf einmal doppelt zu sehen. Die Ärzte entdeckten einen weiteren Tumor, diesmal in seinem Kopf. Vor anderthalb Wochen brachte seine Schwester ihn deshalb für eine Biopsie in die Uniklinik. Am Mittwoch schickte er um 12.18 Uhr noch eine Textnachricht an eine Bekannte. Dann brachte ihn das Pflegepersonal für ein MRT in die Radiologie. Als er wiederkam, war sein Handy weg. Gestohlen aus der Schublade seines Nachtschranks. Das Portemonnaie und die lederne Hülle hatte der Dieb da gelassen.

"Bitter", schreibt Stephan M. in seinen Block, wenn man ihn fragt, wie er sich nach dem Diebstahl gefühlt hat. "Traurig. Weiß nicht mehr weiter. Ich habe in dem Moment meinen Mut verloren."

Denn das Handy war seine Verbindung zur Außenwelt. Täglich schrieben er und seine Schwester sich Nachrichten, er kommunizierte schriftlich mit Apothekern und bestellte sich Sondenkost. Das Handy bedeutete Unabhängigkeit. Es ermöglichte Stephan M., die Kontrolle über sein Leben zu behalten, trotz seiner Krankheit.

"Bitte gib es wenigstens anonym wieder ab!"

Auch bei seiner Schwester Susanne war der Schock groß. Am Abend des Diebstahls stand die Erzieherin am Bügelbrett, als ihr plötzlich eine Eingebung kam. In der Facebook-Gruppe "Nettwerk Düsseldorf" schrieb sie: "Wer auch immer heute ein Samsung-Handy in einem Nachtschrank auf Station Z23 der Uniklinik Düsseldorf 'gefunden' hat, der möge es doch bitte wieder abgeben. Es gehört meinem schwerkranken Bruder, der seit drei Monaten nicht mehr sprechen kann. Alle für ihn wichtigen Informationen sind darauf. Bitte gib es wenigstens anonym wieder ab." Mehr als 250 Nutzer teilten den Aufruf, viele schrieben darunter, wie empört sie so ein Diebstahl mache. Ein Mann bot ein Handy als Leihgabe an.

Inzwischen hat Stephan M. von einer Bekannten schon ein Handy bekommen, das er erst mal verwenden darf. Bis er sich daran gewöhnt hat, erledigt seine Schwester für ihn die Anrufe bei Ärzten und Apothekern. Fragt man den ehemaligen Handwerker, ob er noch Hoffnung hat, sein altes Handy wiederzubekommen, winkt er ab. Er wünsche sich, wieder normal essen zu können - egal was, schreibt er. Wieder etwas schmecken zu können. Durch seine Krankheit hat er stark abgenommen. "Und wenn Sie mal was für mich zu tun haben, was mich ablenkt, wäre ich auch sehr dankbar", schreibt er dann noch. Nahrung für den Geist - die braucht Stephan M. mindestens genau so sehr wie Nahrung für den Körper.

 
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