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Interview mit Katharina Jegg
"Düsseldorf hat sich noch nicht gefunden"

Interview mit Katharina Jegg: "Düsseldorf hat sich noch nicht gefunden"
Katharina Jegg beim Interview im Medienhaus Düsseldorf. Seit gut einem Jahr ist sie die Leiterin des Apollo-Varietes. FOTO: David Young
Düsseldorf. Die Leiterin des Apollo-Varietés ist Tourismusexpertin. Sie ist positiv von Düsseldorf überrascht, sieht aber Vermarktungsdefizite.

Frau Jegg, Sie sind viel in der Welt herumgekommen. Was haben Sie von Düsseldorf gewusst, bevor Sie voriges Jahr an den Rhein zogen?

Jegg Offen gesagt: Kaum etwas. Ich wusste, dass hier intensiv Karneval gefeiert wird und es die Konkurrenz mit Köln gibt. Ansonsten war Düsseldorf für mich wie für viele Menschen in Bayern eine Stadt im Ruhrgebiet, das in unserer Vorstellung eine Ansammlung von Städten ist, in der komischerweise nicht viel Natur vorkommt. Mir war aber die Lage bewusst, die Nähe zu Belgien und Holland und damit zum Wasser.

Wenn Sie Düsseldorf als Auto hätten beschreiben müssen, welches Modell wäre es?

Jegg Eine Limousine im gehobenen Mittelklassebereich, eher ein 525er BMW als ein großes Coupé, ein Modell schon mit Vorzügen, aber nicht das Vorzeigeauto, von dem alle sprechen. Für die Unverwechselbarkeit fehlen noch ein paar Extras. Übertrüge man dieses Bild auf die Stadt, so stellt man keine herausragende Besonderheit fest. Kein Alleinstellungsmerkmal, welches erkennen lässt, warum die Stadt schöner oder anders ist als andere Städte. Was dazu führt, dass man in einiger Entfernung nicht viel über Düsseldorf weiß. Ich habe mich dann natürlich informiert und im Internet nachgeschaut, denn ich wollte ja wissen, in welche Stadt ich vielleicht ziehe und ob ich mich dort wohlfühlen könnte.

Das kann Düsseldorf von anderen lernen FOTO: dpa, axs

Was haben Sie vorgefunden?

Jegg Ich habe sehr viel über Museen erfahren - und die Altbier-Safari fiel auf. Ansonsten gibt es im Internet, wenn ich ehrlich sein darf, im Hinblick auf Freizeitvergnügen nicht allzuviel zu entdecken. Als ich mir dann vor Ort einen persönlichen Eindruck verschaffen wollte, war der Termin nicht so günstig gewählt - es war der Tag nach Rosenmontag.

Und?

Jegg Ich war erstaunt und überrascht, wie sauber Düsseldorf einen Tag nach diesem Großereignis aussieht. Eine sehr schöne, mittelgroße Stadt, gepflegt, mit Alt- und Carlstadt auf der einen und modernen Architekturen auf der anderen Seite, sehr grün und - für mich wichtig - am Wasser gelegen, insgesamt ein sehr positiver Eindruck. Ich hätte auch andere Städte als Option gehabt, aber ich war sicher, dass ich mich hier wohlfühlen würde.

Fotos: Die bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Düsseldorf FOTO: Hans-Juergen Bauer

Was fehlt Düsseldorf aus Ihrer Sicht als Tourismusexpertin, um besser wahrgenommen werden?

Jegg Die Stadt müsste sich klar darüber werden, wie sie sich selbst sieht und wie sie wahrgenommen werden möchte. Leider hat Düsseldorf nicht die klassischen Sehenswürdigkeiten, die man gut vermarkten könnte. Köln oder Münster tun sich da leichter. Es gibt auch keine außergewöhnlichen Sportereignisse, die ihre Schatten vorauswerfen. Es gibt auch nichts, was künstlich geschaffen wurde, wie in Hamburg die Musicalstadt. Was ich oft gelesen und noch öfter gehört habe, ist der Slogan von der längsten Theke der Welt - ich weiß nur nicht, ob man damit auf eine Zielgruppe einwirkt, die das Geld für schöne Städtetrips im Portemonnaie hat.

Ist der Slogan für Sie anziehend?

Jegg Für mich persönlich als Nicht-Biertrinkerin nicht.

Niedrigwasser: Der Rheinpegel in Düsseldorf sinkt FOTO: Hans-Jürgen Bauer

Wir haben in Düsseldorf aber viele Junggesellenabschiede.

Jegg Damit spricht man aber wohl nicht die Wunsch-Klientel an. Gut, Düsseldorf hat die schöne Königsallee, aber es wird der Stadt in keiner Weise gerecht, nur über exklusives Shopping definiert zu werden. Unter dem Strich ist es für Düsseldorf schwer, sich mit Alleinstellungsmerkmalen zu vermarkten, weil die Ressourcen dafür begrenzt sind.

Welche Chancen hat man denn, wenn kaum Ressourcen da sind?

Jegg Vielleicht lassen sich neue schaffen. Düsseldorf hat ja Auszeichnungen für seine Architektur erhalten, beim Kö-Bogen und im Medienhafen. Das ist nicht besonders herausgestellt worden, das könnte man sicher stärker hervorheben. Wenn ich Düsseldorf sehe, vergleiche ich es oft mit Valencia. Die Stadt hatte ein ähnliches Wahrnehmungsproblem und ist einen mutigen Weg gegangen. Eine Segelregatta und die Formel 1 wurden geholt. Zudem baute man die "Ciudad de las Artes y de las Ciencias", einen Stadtbereich, in dem kulturelle Nutzungen wie das ozeanographische Museum und ein Park angesiedelt wurden. Dadurch erfuhr Valencia eine unglaubliche Aufwertung, die Bevölkerung ist darauf sehr stolz.

Ein Vorbild für Düsseldorf?

Jegg Ich finde schon, weil Düsseldorf schon durch seine Lage ein großes Potenzial hat. Im Zentrum eines potenten Wirtschaftsraumes und im Dreiländereck gelegen, mit einem eigenen Flughafen. Da ließe sich mehr draus machen. Die Infrastruktur passt, aber man sollte noch mehr Gründe nennen, warum es sich lohnt herzukommen. Mit dem Weihnachtsmarkt, der Holländer anzieht, sollte man sich nicht zufrieden geben.

Sagt das die Chefin des Apollo-Varietés auch aus Eigeninteresse?

Jegg Jeder, der hier kulturelle Angebote macht, sei es Apollo, Capitol oder eine andere kulturelle Einrichtung, würde es begrüßen, wenn die Vermarktung der Stadt breiter aufgestellt würde. Wir holen viele Geschäftsleute nach Düsseldorf, aber ich kenne kaum eine Stadt, wo das Publikum sich so auf diese Gruppe konzentriert. Es gibt nur wenige Fahrten von Busreiseveranstaltern nach Düsseldorf als Tagesziel. Es gibt kaum Flussreisen nach Düsseldorf, aber viele nach Köln.

Dann bräuchte man noch einen guten Slogan. Die FDP schlägt "Stadt der kreativen Köpfe" vor.

Jegg Das zielt wieder eher auf die Business-Zielgruppe. Ich habe ja lange in München gelebt. Das ist die Weltstadt mit Herz - und wird seit Jahrzehnten so vermarktet. Der Slogan ist weltweit bekannt, die Bayern stehen für Gemütlichkeit. Die Rheinländer stehen für Fröhlichkeit und Weltoffenheit, das wird allseits positiv vermerkt. Vielleicht sollte man darüber mal nachdenken.

Wie reagieren Freunde, wenn sie heute zu Besuch kommen?

Jegg Sie reagieren alle positiv überrascht. Die Stadt gefällt ihnen. Sie alle haben mit dieser Lebensqualität nicht gerechnet, viele schöne Ziele in der Stadt liegen nah beieinander. Sie hinterlässt ein attraktives Bild.

Nicht so schlecht, oder?

Jegg Auf jeden Fall. Düsseldorf ist eine schöne Stadt, die nur noch nicht zu sich selbst gefunden hat - und sich fragen muss, wie sie ihr Potenzial optimal ausschöpfen und ihr Image weiterentwickeln kann.

UWE-JENS-RUHNAU FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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