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Düsseldorfer Flüchtlingsbeauftragte
"Wir rechnen 2016 mit 12.000 Flüchtlingen"

Düsseldorf: Interview mit der Flüchtlingsbeauftragten Miriam Koch
"Die drei Säulen der Integration sind Sprache, Arbeit, Wohnen", sagt Miriam Koch, Flüchtlingsbeauftragte der Stadt. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Seit einem Jahr hat die Stadt eine Flüchtlingsbeauftragte. Die Hauptaufgabe von Miriam Koch seitdem: Unterkünfte schaffen und das den Bürgern vermitteln.

Frau Koch, vor einem Jahr hat Oberbürgermeister Thomas Geisel Sie zur Flüchtlingsbeauftragten ernannt. Hätten Sie damit gerechnet, dass die Aufgabe so umfangreich wird?

Koch Überhaupt nicht. Als Thomas Geisel anrief, sagte er, dass es um eins der schwierigsten Themen der Stadt geht. Da habe ich sofort an Flüchtlinge gedacht. Aber niemand hat damals vermutet, wie sich die Situation entwickeln würde.

Finden Sie die Entscheidung von Kanzlerin Merkel zur unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen richtig?

Fotos: Traglufthalle für Flüchtlinge in Düsseldorf aufgebaut FOTO: dpa, fg jai

Koch Ja. Man muss Leuten Schutz gewähren, die das dringend brauchen. Erst war ich zuversichtlich, dass es eine Einigung aller europäischen Länder bei der Verteilung geben wird. Das hat sich leider anders entwickelt.

Ist es das wert, dass Europa womöglich an dieser Frage zerbricht?

Hintergrund: Flüchtlinge in Turnhallen

Koch Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen, sehe die Gefahr aber auch. Was jedoch von einigen europäischen Staaten formuliert wird, ist nicht Bestandteil der Grundwerte, die dieses vereinigte Europa symbolisieren.

NRW nimmt einen großen Teil der Flüchtlinge in Deutschland auf. Wie viele werden es am Jahresende in Düsseldorf sein?

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

Koch Aktuell sind rund 5400 Flüchtlinge in kommunalen Einrichtungen untergebracht. Wir rechnen mit 900 Zuweisungen pro Monat und - abzüglich der Wegzüge - zum Jahresende mit 12.000. Hinzu kommen derzeit rund 1500 Plätze in Landesunterkünften und weitere 1000 in der geplanten Notunterkunft in der Bergischen Kaserne.

Bislang galt eine Zahl von 200 Plätzen immer als Grenze für einen Standort. Die Stadt plant jetzt mit bis zu 500 Plätzen. Sinkt dadurch nicht die Akzeptanz in der Nachbarschaft?

Koch Die Größe der Unterkunft ist nicht das einzige Kriterium. Die Art der Betreuung ist entscheidender. Wir sorgen in Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverbänden immer für eine gute Qualität in der Unterbringung, so dass Konflikte weitgehend vermieden werden. Die Unterkunft an der Oberlöricker Straße, wo wir bis zu 500 Plätze planen, wird zudem anders gebaut als die bisherigen Modulanlagen. Dadurch ist eine Nachnutzung möglich, wenn die Flüchtlingszahlen wieder sinken.

Reichen die bisher geplanten Plätze?

Koch Wir brauchen weitere Unterkünfte. Die Stadtverwaltung akquiriert ständig Gebäude und Grundstücke. Wir starten nun einen Aufruf an private Grundstückseigentümer. Denn mit den städtischen Grundstücken sind wir am Ende.

Haben Sie Verständnis für die Kritik aus dem Stadtbezirk 6, weil dort überproportional viele Flüchtlinge zugeteilt werden?

Koch Ich habe gerade ein Gespräch mit den Bezirksvertretern geführt und wir haben eine Einigung gefunden. Wenn dort im Sommer neue Unterkünfte in Betrieb gehen, fallen auch andere weg.

Dennoch sind die Flüchtlinge nicht gleichmäßig verteilt. Der Bezirk 6 hat selbst soziale Probleme, schürt so etwas nicht erst Konflikte?

Koch Ich glaube grundsätzlich nicht, dass der soziale Sprengstoff dort steigt, wo mehr Flüchtlinge untergebracht sind. Klar ist aber: Das Drumherum muss stimmen. Deshalb ist auch der "Welcome Point" im Stadtbezirk 6 so wichtig.

Setzt man die bisherige Entwicklung fort: Wird es 2017 kommunale Standorte mit 1000 Plätzen geben?

Koch Ich glaube nicht, das ist aber Glaskugelleserei. Vermutlich wäre das in kommunalen Unterkünften, in denen die Menschen längere Zeit bleiben, nicht mehr sozialverträglich.

Wie steuern Sie gegen?

Koch Wichtig ist, dass wir Unterkünfte gut in die Nachbarschaft integrieren und es unter den Bewohnern kein großes Konfliktpotenzial gibt. Deshalb wollen wir die Gestaltung der Grünflächen verbessern.

Wie?

Koch Wir planen Urban Gardening mit Gemüseanbau, bei dem die Bewohner eingebunden werden. Dabei wollen wir auch die Gartenkultur aus den Herkunftsländern der Menschen berücksichtigen. Zunächst ist ein Modellprojekt vorgesehen. An einem Standort soll eine Gruppe von Flüchtlingen dafür qualifiziert werden und das Wissen dann an Bewohner anderer Unterkünfte weitergeben.

Die spannendere Frage beim Thema Flüchtlinge ist die der Integration. Wie ist die Stadt da aufgestellt?

Koch Wir schreiben gerade an einem Flüchtlings-Konzept - und zwar in einem Netzwerk aus Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, Gewerkschaften, Kammern, Unternehmerschaft, Schützenvereinen und Düsseldorfer Jonges. Wir müssen bei der Integration an drei Säulen arbeiten: Sprache, Arbeit, Wohnen.

Wie sieht es denn mit Arbeit aus?

Koch Mit dem Integration Point haben wir mit der Arbeitsagentur ein hervorragendes Instrument geschaffen, um Flüchtlinge schneller in Arbeit zu bringen. Dort sitzen die zuständigen Behörden gemeinsam am Tisch. Weitere rechtliche Barrieren müssten fallen, wie die Drei-Monats-Sperre nach Anerkennung.

Wichtige Voraussetzung für Qualifizierung ist der Schulbesuch. Warum warten viele Kinder und Jugendliche unter den Flüchtlingen so lange auf Plätze in den Klassen?

Koch Die Schulen müssen einen enormen Anstieg der Schülerzahlen bewältigen. Ich plädiere deshalb für mehr Flexibilität im System. Wir brauchen auch außerschulische Lernformen, die während der Wartezeit zumindest auf das Schulsystem vorbereiten. Davon profitieren später auch die Lehrer. Es ist schlecht, wenn Kinder und Jugendliche mehrere Monate unbeschäftigt warten müssen. Da wünsche ich mir pragmatische Lösungen.

Wohnen nennen Sie als drittes Integrationskriterium. Doch der Markt ist in Düsseldorf angespannt. Werden andere Bedürftige benachteiligt, wenn die Stadt sich so stark auf Flüchtlinge konzentriert?

Koch Wir müssen langfristig nutzbaren Wohnraum schaffen. Ein Pilotprojekt wird die Lacombletstraße in Düsseltal, wo auf dem Gelände der ehemaligen Schule, die derzeit als Unterkunft genutzt wird, Neubauten entstehen. Dafür muss niemand zurückstecken, weil wir zusätzliche Fördermittel nutzen. Bezahlbarer Wohnraum ist dennoch ein grundsätzliches Thema für eine wachsende Stadt, das betrifft nicht nur Flüchtlinge. Wir müssen aber Neid-Debatten verhindern.

Spüren Sie seit den Silvester-Vorfällen in Köln und Düsseldorf, bei denen Hunderte Migranten Frauen belästigten und missbrauchten, einen Stimmungsumschwung?

Koch Nein. Aber das Jahr 2015 war sicher einfacher. Da wurden Flüchtlinge am Bahnhof mit Kuscheltieren empfangen. 2016 wird anders. Ich bemerke jedoch keinen generellen Umschwung der Stimmung. Bei den Bürgerforen höre ich dieselben Fragen und Sorgen wie vor Silvester auch schon. Und bei den Ehrenamtlern ist das Engagement immer noch enorm.

Mit der Kanzlerin gefragt: Schaffen wir das?

Koch Auf alle Fälle. Der überwiegende Teil der Flüchtlinge will die Sprache lernen und Arbeit finden. Wir haben ein großes Bündnis und viele Ideen. Ich mache mir keine Sorgen.

ARNE LIEB UND DENISA RICHTERS FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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