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Serie Düsseldorf International
"La dolce Vita" am Rhein

Düsseldorf: "La dolce Vita" am Rhein
Lidia Palermo (l.), Albino Casaluci und Carmela Antinoro singen italienische Popmusik mit der Gruppe "La Stella". FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Die ersten italienischen Gastarbeiter kamen in den 1950er Jahren. Geblieben ist eine starke Gemeinschaft mit regem kulturellem Austausch. Von Ute Rasch

"La dolce Vita" blüht in Gerresheim. Nirgendwo sonst hat Italien in Düsseldorf so tiefe Wurzeln geschlagen wie rund um die Heyestraße, seit 1957 die ersten "Gastarbeiter" in der Gerresheimer Glashütte anheuerten. Ihre Enkel backen Pizza oder versüßen deutschen Alltag mit eiskaltem Gelato - fast 7000 Italiener leben heute in Düsseldorf. Sie gelten als perfekt integriert, und die meisten träumen schon lange nicht mehr davon, eines Tages zurückzugehen nach Padua oder Palermo. Eine starke Gemeinschaft, deren Kinder in der eigenen Kirche heiraten und deren Neubürger auf tatkräftige Unterstützung zählen können. Und wenn die Seele Heimatgefühle braucht, gehen sie ins Kino und sehen Filme mit Originalton - dann ist die Welt fast so heiter wie in bella Italia.

Im Regal steht der Kupferkessel des Großvaters, an der Wand hängt das Hochzeitsbild der Eltern: Wenn Francesco da Forno am frühen Morgen das erste Eis des Tages anrührt, ist er von der Tradition seiner Familie umgeben. Großvater Pietro kam 1912 aus den Dolomiten nach Düsseldorf, zur Zeit der ersten großen Emigrationswelle aus Italien. "Eigentlich wollte er mit dem Schiff nach Amerika. Er stand an der Atlantikküste und ließ den Wind entscheiden." Der wehte schicksalhaft landeinwärts und trieb den Opa Richtung Germania.

Chiara Leonardi (rechts), die Vorsitzende des Vereins "Italia Altrove", der Neubürgern den Einstieg erleichtert. Hier zeigt sie einer Neu-Düsseldorferin den Kö-Bogen und den Hofgarten. FOTO: Andreas Endermann

In den ersten Jahren war er mit seinem Eiswagen auf den Straßen der Stadt unterwegs, bis er an der Schwerinstraße in Pempelfort seine "Eis- und Kaffeestube" eröffnete - und vor mehr als 100 Jahren den Grundstein des Familienbetriebs legte, der heute von Francesco und seinem Bruder Daniele geführt wird. Hierher kommen sie alle, Deutsche und Italiener, ein Treffpunkt für die Nachbarschaft, auch im Winter, wenn in den Tassen eine dickflüssige Schokolade dampft. Viele waren schon als Kinder Stammkunden, haben ihr Taschengeld ins "Da Forno" getragen und bringen heute ihre eigenen Kinder mit. "Schmeckt genau wie früher", lautet das kollektive Bekenntnis. Was nicht verwunderlich ist. Denn die 18 Sorten, darunter "Gianduia" (Nougat), "Marron Glaces" (Kastanie) und "Torrone" (Mandeln und Honig), werden immer noch nach Großvaters Rezepten angerührt, "mit frischen Zutaten und natürlich ohne Geschmacksverstärker."

Francesco da Forno im Eiscafé "Da Forno" an der Schwerinstraße in Pempelfort. Großvater Pietro kam im Jahr 1912 aus den Dolomiten nach Düsseldorf. FOTO: Hans-Jürgen Bauer

Es dauert etwa so lange, bis ein Eis aufgeschleckt ist, um einen anderen zentralen Ort des italienischen Lebens in Düsseldorf zu erreichen: die Missione Cattolica Italiana, die italienische Kirchengemeinde in Pempelfort. Sie wird von Alberto Bytner geleitet, den alle nur Don Alberto nennen. Er ist gebürtiger Pole, was niemanden stört, hat in Rom studiert und spricht fließend italienisch. "In der Muttersprache zu beten, ist eben doch anders, irgendwie direkter", sagt seine Assistentin Pina Di Paolo-Wiebke. Doch neben der wöchentlichen Messe gibt die Mission vielen Italienern das Gefühl von Familie - zumal, wenn die eigene in der Heimat lebt.

Bei den regelmäßigen Sprechstunden liegt das Buch "1. Schritte in Deutschland" immer griffbereit, praktische Lebenshilfe auf Italienisch. "Zu uns kommen viele, die gerade erst hier gelandet sind und nicht weiter wissen." Wie der junge Busfahrer, der neulich bei ihnen strandete. Er hatte in seiner Heimat seinen Job verloren und keine Aussichten auf einen neuen, nun will er sein Glück in Düsseldorf versuchen. Im Pastoralbüro bekam er erst mal einen starken Espresso und dazu Tipps, an wen er sich wenden kann.

Neben allen Alltagsproblemen ist die Gemeinde auch ein Ort für viele Feste: Hochzeiten und Taufen, Sommerfeste und der jährliche Weihnachtsbasar, für den die Vorbereitungen schon jetzt im September beginnen. Und der eigene Chor mit 20 stimmstarken Mitgliedern hat eine eigene CD mit religiösen Liedern aufgenommen. Gut bei Stimme ist auch der Vorsitzende des Gemeinderates Vincenzo Ciulla (42), auch wenn er meist andere Töne bevorzugt: italienische Popmusik. Mit seiner Band "La Stella" beherrscht er bei Straßen- und Stadtfesten die Bühne, und wenn die italienische (oder gelegentlich auch die deutsche) Seele "Azzuro" verlangt, dann greift die Band auch gern in die Oldie-Kiste.

Vincenzo Ciulla gehört zu den Italienern, die sich nicht mehr vorstellen können, wieder in ihrer Heimat zu leben, "Urlaub immer wieder gern, mehr nicht." Das gilt auch für Chiara Leonardi aus Mailand, Mitgründerin des Vereins Italia Altrove (Italien woanders), der italienischen Neubürgern den Einstieg in Düsseldorf erleichtern möchte. "Wir zeigen ihnen die schönen Seiten der Stadt", so Leonardi, "bieten aber auch Informationen für den Alltag, wo man das Auto anmelden kann oder wo eine italienische Schule in Düsseldorf zu finden ist." Und da viele Landsleute die aktuelle Kultur ihrer Heimat vermissen, holt der Verein ein Stück Italien nach Düsseldorf. Chiara Leonardi: "Ich war immer traurig, wenn ich gelesen habe, dass einer meiner Lieblingsautoren zu einer Lesung in Mailand war." Nun organisiert "Italia Altrove" selbst Konzerte und Lesungen, neulich las Francesco Carofiglio in der Buchhandlung Schultz & Schultz aus seinem neuen Roman.

Willkommen an solchen Abenden sind alle Düsseldorfer, die italienisch sprechen. Wie die Mitglieder der "Deutsch-Italienischen Gesellschaft Dante Alighieri", ein Club von Menschen, die sich eher der klassischen Kultur Italiens verbunden fühlen und die soeben den 650. Geburtstag des Dichters gefeiert haben. Lauter Italien-Verliebte wie der Journalist Robert Himmrich, Präsident der Gesellschaft, der mit seiner Familie lange in Rom gelebt hat und aus dem derzeitigen Urlaub "Cordiali Saluti" schickt. Die überwiegend deutschen Mitglieder treffen sich zu regelmäßigen Zirkeln, in denen sie italienisch parlieren, sie organisieren Vorträge und Lesungen (meist in deutscher Sprache), gehen gemeinsam in die Oper und planen Reisen wie im nächsten Jahr nach Palermo, Düsseldorfs neuer Partnerstadt.

Ganz klar, dass sie italienische Filme am liebsten in der Originalsprache sehen. Dieses Vergnügen bietet der "Italienische Filmclub", der ein Mal im Monat in der "Black Box" im Filmmuseum Klassiker wie "Der Leopard" zeigt, aber auch aktuelle Film-Perlen des italienischen Kinos. Organisiert werden die Abende von Joachim und Marisa Manzin, einem Übersetzer-Paar, das in der deutschen und italienischen Kultur gleichermaßen zuhause ist. "Der Filmclub ist keine geschlossene Veranstaltung von Eingeweihten, sondern ein Treffpunkt für Liebhaber des italienischen Films, die sich nach der Vorstellung austauschen", so Marisa Manzin.

Da alle Filme mit deutschen Untertiteln gezeigt werden, sitzt in den Reihen auch ein deutsches Publikum. Man sollte also nicht meinen, die deutsche Italienliebe würde ihren Weg nur durch die Küche finden. Zwar hat jeder Düsseldorfer seinen Lieblingsitaliener, der seine Gäste mit unerschütterlich guter Laune und einem "Ciao Bella" beschenkt und der die weltbesten Spaghetti Carbonara zubereitet, oder das zart-schmelzendste Tiramisu. Doch nach Einschätzung von Insidern verändert sich die Ausgeh-Szene. Von den schätzungsweise 150 Restaurants und Pizzerien haben etliche - auch Traditionsbetriebe - in den letzten Jahren geschlossen, neue sind hinzugekommen. "Allerdings sind das immer mehr Schnellrestaurants", lautet die Einschätzung von Giuseppe Saitta, selbst Inhaber mehrerer Restaurants und Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes. "Früher haben eben viele Geschäftsleute auf Spesen gegessen, ein sicheres Geschäft, das mittlerweile weggebrochen ist." Ein Problem, dass die Italiener bei allen Unterschieden mit ihren deutschen Kollegen teilen.

Bei Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der Geschäftswelt beider Länder kennt sich kaum jemand so gut aus wie Eckart Petzold, Vorsitzender der Deutsch-Italienischen Wirtschaftsvereinigung Mercurio. Sie vergibt jedes Jahr einen Preis (in diesem Jahr an die international renommierte italienische Repley-Gruppe mit Sitz in Düsseldorf), aber vor allem fördert die Gesellschaft seit 30 Jahren Kontakte zwischen Unternehmen beider Länder. Dabei räumt Petzold auch so manchen Stolperstein aus dem Weg. "Die Mentalität im Business ist total unterschiedlich." Ein italienischer Geschäftsmann sei auch bei schwierigen Verhandlungen grundsätzlich heiter und freundschaftlich im Umgang. "Man trinkt erst mal einen Espresso, plaudert über dies und das, macht Witzchen." Die Deutschen würden normalerweise mit exakten Zielvorstellungen und einer Powerpoint-Präsentation anreisen, "sie überreichen ihre Visitenkarte und legen los." La dolce Vita geht anders.

Quelle: RP
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