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Interview mit Ulrich Hennes
"Düsseldorf muss ich erst noch lernen"

Interview mit Ulrich Hennes: "Düsseldorf muss ich erst noch lernen"
Ulrich Hennes vor seinem Hildener Pfarrhaus. Ende Oktober zieht er an den Stiftsplatz in die Düsseldorfer Altstadt. FOTO: Olaf Staschik
Düsseldorf. Am 24. Oktober wechselt der Hildener Pfarrer Ulrich Hennes (53) als neuer Stadtdechant nach Düsseldorf.

Herr Hennes, Ihr Vorgänger Rolf Steinhäuser stammte aus dem Vringsveedel, machte Abitur am Kölner Schiller-Gymnasium. Auch Ihre Familie stammt väterlicherseits aus der Domstadt, Sie selbst machten Abitur am Dreikönigsgymnasium. Kölner Prägungen sind offenbar eine Voraussetzung für das Amt des Düsseldorfer Stadtdechanten...

Hennes (lacht) Sie schaden jedenfalls nicht. Ja, es stimmt. Ich bin zwar im pietistisch geprägten Siegen geboren. Aber nur deshalb, weil mein Vater als Bundesbanker dort gerade eine Station absolvierte. Ansonsten bin ich durch und durch kölsch und rheinländisch sozialisiert, auch wenn meine Mutter aus dem ebenfalls katholisch geprägten Münsterland stammt.

Nervt Sie die bisweilen überstrapazierte Frotzelei zwischen Düsseldorf und Köln?

Hennes Nein. Das gehört doch bei Nachbarstädten dazu. Tatsächlich wissen ja beide Metropolen und ihre Bürger, dass sie als Rheinländer sehr viel mehr Gemeinsames als Trennendes haben. Vor allem Offenheit, Freundlichkeit und Humor und eine gewisse Zugewandtheit stechen da hervor.

Aber Wählen funktioniert in Düsseldorf besser?

Hennes (schmunzelt) Sieht so aus. Aber im Ernst: Tatsächlich hat Köln eine Schlagseite, die so nirgendwo anders in unseren Breiten denkbar ist. Irgendwie ist es die am wenigsten typisch deutsche Stadt in Deutschland. Dazu zählen ein gewisser, an romanische Länder erinnernder Unperfektionismus, der prompt auch Pannen nach sich zieht. Viele Kölner sehen aber selbst haarsträubende Dinge wie die Wahlzettel-Panne relativ locker. Aber ehrlich gesagt: Ich schätze das besser Organisierte an Düsseldorf.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Hennes Gerne. Bei der Vorbereitung des Weltjugendtages traf ich 2004 und 2005 in Düsseldorf auf eine aufgeschlossene und effiziente Verwaltung. Mit diesem Rathaus konnte man arbeiten. In Köln dauerte vieles deutlich länger, oft war alles erst einmal ein Problem.

Hätte es nicht in der Priesterschaft und bei einigen Laien massive Widerstände gegeben, wäre wohl der Godesberger Dechant Wolfgang Picken neuer Stadtdechant geworden. Sind Sie zweite Wahl?

Hennes Nein, so fühle ich mich nicht, und das bin ich auch nicht. Durch die in dieser Form sicher überraschende Ablehnung gab es eine völlig neue Ausgangslage. Auf die hat dann der Kardinal reagiert.

Wann hat er Sie gefragt?

Hennes Am Donnerstag, den 2. Juli, um 11 Uhr.

Das wissen Sie aber auch nach fast drei Monaten noch ganz genau.

hennes Ja, ich war damals auf Exerzitien im Kloster Ettal, betete in der Kapelle und hatte das Handy in irgendeiner Schublade liegen. Als ich dann irgendwann später aufs Display schaute, entdeckte ich die Nachricht des Kardinals. Natürlich habe ich sofort zurückgerufen. Er sagte mir: ,Ich möchte Dich herzlich bitten, den Stadtdechanten in Düsseldorf zu machen.' Ich habe ihm nach einigen Rückfragen gerne Ja gesagt.

Welche Fragen waren das?

Hennes Meine erste Frage war: Was ist mit Wolfgang Picken? Und die zweite Frage war: Traust Du mir das zu?

Kennen Sie Düsseldorf?

Hennes So wie man als Hildener, Ratinger oder Mettmanner Düsseldorf kennt. Ich habe ein Opern-Abo, bin mal bei einem Ausflug auf den Spuren Robert Schumanns gewandelt, habe die Weihnachtsmärkte besucht und war als Diözesan-Jugendseelsorger öfters in der Stadt. Von Kennen würde ich da nur bedingt sprechen. Salopp gesagt: Düsseldorf muss ich erst noch lernen.

Was wird anders sein?

Hennes Vieles. Eine Großstadt mit ihren urbanen Milieus, einem höheren Anteil kirchenferner Menschen und den sozialen Brennpunkten stellt auch für einen Seelsorger eine Herausforderung eigener Art dar. Das Milieu in den Mittelstädten, die direkt an Düsseldorf grenzen, ist da schon etwas anders. Übersichtlicher, vielleicht auch familiärer.

Haben Sie nicht zuletzt mit Blick auf die Themen Partnerschaft und eigene Kinder gezögert Priester zu werden?

Hennes Nein. Im neunten Schuljahr habe ich an meinem Gymnasium angefangen, Alt-Griechisch zu lernen. Schon damals konnte ich mir vorstellen, Priester zu werden. Mit 19 Jahren war es dann schon sehr klar.

Gab es Menschen, die davon abgeraten haben?

Hennes Nein. Meine Eltern haben mich und meinen Bruder dazu erzogen, selbstständig wohlbegründete eigene Entscheidungen zu treffen. Sie haben meinen Weg mit Wohlwollen begleitet, aber mich nie zu etwas gedrängt. Im Gegenteil: Gegen Ende des Studiums hat meine Mutter Elisabeth bei einem unserer häufigen Küchengespräche gesagt: ,Du musst keinen Weg gehen, der am Ende doch nicht Deiner ist, schon gar nicht, weil wir Dein Studium finanziert haben.' Das war gut. Priester zu werden, war eine Entscheidung in völliger Freiheit. Für meine Mutter - sie ist jetzt 88 Jahre alt - war sicher ein kleiner Wermutstropfen, auf leibliche Enkel verzichten zu müssen. Denn mein zwölf Jahre älterer Bruder, der eine Familie gegründet hat, stammt aus der ersten Ehe meines Vaters, der sehr früh Witwer geworden war.

Sie kennen Kardinal Woelki aus dem Studium.

Hennes Ja. Wir sind aus dieser Zeit befreundet, ich habe ihn als Weihbischof noch einmal ganz neu schätzen gelernt und mich dann sehr gefreut, als er unser Erzbischof wurde.

Sie waren Kaplan in Kaarst und Barmen, haben als Stadtjugend- und Schulseelsorger in Wuppertal gearbeitet, waren später Diözesan-Jugendseelsorger und haben den Weltjugendtag 2005 operativ mit vorbereitet. Ist es nicht ein Problem, dass viele Jugendliche bei Kirchen- und Weltjugendtagen oder an besonderen Orten wie Taizé begeistert mitmachen, sich im Alltag dann aber nur noch selten blicken lassen?

Hennes Auch auf solchen ,Events' mit besonderer Ausstrahlung treffe ich überwiegend die, die auch sonst ,dabei' sind. Sie kommen nur eben aus allen möglichen Orten und Himmelsrichtungen. Klar ist der Übergang in den Alltag nach so einem mitreißenden Ereignis nicht immer einfach.

Und wie bindet man junge Menschen an die Gemeinde vor Ort?

hennes Sicher nicht, in dem man auf das Sonntagsgebot hinweist und abstrakt herleitet, warum man in die Messe gehen muss.

Sondern?

Hennes Menschen, nicht nur junge, sollten das Gefühl bekommen, dass Gottesdienst und Glaube etwas mit ihrem Leben zu tun haben. Deswegen sind die Gestaltung der Liturgie und die Predigt eine ganz herausragende Aufgabe. Menschen suchen heute bewusst Angebote, die sie in ihrem persönlichen Leben und im Glauben weiterbringen. Die Generation, die aus reiner Gewohnheit jeden Sonntag in die Pfarrkirche um die Ecke geht und damit zufrieden ist, ist meist älter als 60 Jahre. Die besonderen und erfolgreichen Angebote der Düsseldorfer City-Pastoral rund um St. Lambertus, der Max- und der Andreaskirche zeigen, wie so ein moderner Ansatz gut gelingen kann.

Schmerzt Sie der Abschied von der Volkskirche?

Hennes Schon. Das Milieu, das wir aus der Kindheit gut kennen und das wir das "rheinisch-katholische" nannten, bröckelt. Vor allem die leereren Kirchen tun weh. Zwischendurch fragt man sich: Was mache ich falsch? Klar ist auch, dass wir bei der Fusion von Gemeinden oder durch geänderte Gottesdienst-Ordnungen Menschen zurücklassen, die den neuen Weg nicht mitgehen wollen.

Die Kirche der Zukunft - ein harter Kern wirklich Aufrechter und Gläubiger?

Hennes Nein. Auch wenn die Volkskirche so nicht mehr wiederersteht, dürfen wir uns nicht einigeln, zu einem selbstgenügsamen ,closed shop' werden. Das würde unserem missionarischen Auftrag widersprechen. Wir müssen auf möglichst viele - beispielsweise anlässlich von Taufen oder Ehevorbereitungen - zugehen, gerade auch auf solche, die nur noch über bruchstückhafte oder diffuse religiöse Vorstellungen verfügen. Wir müssen den Blick, der mir momentan zu oft auf Defizite gerichtet ist, wieder ändern und mit Freude neue Gottesbegegnungen vermitteln, dabei aber als katholische Kirche im Profil klar bleiben.

Das Land und damit auch Düsseldorf stehen beim Thema Flüchtlinge vor einer Jahrhundert-Herausforderung. Welchen Beitrag kann Kirche leisten?

Hennes Menschen in Not zu helfen, ist die originäre Aufgabe der Kirche. Die vielen Zufluchtsuchenden erinnern uns an den Kern unseres Glaubens.

Es gibt, vor allem in Osteuropa, Menschen und Politiker, die sagen, nur Christen sollen ins Land kommen...

Hennes Wer das sagt, hat das Evangelium nicht verstanden. Es macht keinen Unterschied, sondern sieht den Menschen an sich. Wer das noch nicht verstanden hat, dem muss man es erklären.

Und die Praxis?

Hennes Wir tun sehr viel. Ich will ein Beispiel nennen. In Hilden haben Christen aus der Gemeinde Verpflichtungserklärungen, also Bürgschaften, übernommen, damit syrische Flüchtlinge ihre Familienangehörigen nachkommen lassen konnten. Doch das ist nur ein Mosaikstein in einem beispielhaften Engagement.

Und was ist mit denen, die vor Überforderung warnen?

Hennes Die Kirche gibt es auf der ganzen Welt. Alle, nicht nur in Deutschland lebende Christen, sind zur Solidarität aufgerufen. Eine Lastenteilung ist selbstverständlich und darf politisch auch gefordert werden.

Was wollen Sie als neuer Düsseldorfer Stadtdechant ändern?

Hennes Das ist für mich nicht die erste Frage und auch nicht meine Mentalität. Kontinuität ist mir wichtig. Mein Vorgänger Rolf Steinhäuser hat das in Düsseldorf und in seiner Pfarrei und der City-Pastoral exzellent gestaltet. Natürlich wird es Fragen geben, die sich uns neu stellen werden. Auch Dinge, von denen Ansprechpartner sagen: Da ist schon lange nicht mehr hingeguckt worden. Welche Themen das sind, wird sich zeigen. Ich möchte erstmal in Düsseldorf und bei den Düsseldorfern ankommen.

JÖRG JANSSEN FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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