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Prozess um Bilker Doppelmord
Übersah die Düsseldorfer Polizei noch mehr Morde?

Prozess in Gießen wegen Bilker Doppelmordes
Prozess in Gießen wegen Bilker Doppelmordes FOTO: Geilhausen, Stefani
Düsseldorf. Neue Vorwürfe gegen die Düsseldorfer Polizei: Im Prozess um den Bilker Doppelmord hat am Mittwoch ein Rechtsmediziner ausgesagt. Er spricht von insgesamt zwölf Fällen, in denen die Kripo keine weiteren Untersuchungen in einem Todesfall wollte. Von Stefani Geilhausen

Im Dreifachmordprozess im hessischen Gießen nimmt die Kritik an der Düsseldorfer Kripo, die den Tod zweier Opfer zunächst als erweiterten Suizid eingestuft hatte, kein Ende. Am Mittwoch sagte ein Rechtsmediziner im Zeugenstand, der Tod der beiden Frauen in Bilk sei "nicht der einzige Fall, in dem es um ein Tötungsdelikt ging und wo die Kripo das anders gesehen hat". Der Gutachter sagte, es habe "ein Dutzend Fälle" gegeben, in denen den Hinweisen der Rechtsmediziner nicht weiter nachgegangen worden sei.

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft kündigte am Mittwoch ein Gespräch mit dem rechtsmedizinischen Institut an, "um zu prüfen, ob es Todesfälle gibt, in denen weitere Ermittlungen zu veranlassen" seien. Staatsanwalt Christoph Kumpa bestätigte auf Anfrage, dass es "in Einzelfällen bei Todesermittlungsverfahren zu unterschiedlichen Bewertungen" gekommen sei. Sofern die Staatsanwaltschaft davon erfahren habe, seien dort die Akten geprüft und weitergehende Ermittlungen angeordnet worden.

"Hinweise auf eine Kampfsituation"

Der Rechtsmediziner, der inzwischen nicht mehr in Düsseldorf arbeitet, hatte im Mai 2016 die Leichen von Jole G. (86) und Silvia F. (54) obduziert. Die Mordkommission, die den Fall untersuchte, ging seinerzeit davon aus, dass Silvia F. ihre Mutter erdrosselt und sich selbst mit Medikamenten getötet hatte. Als Zeuge sagte er am Mittwoch, er habe "erhebliche Zweifel" an dieser Theorie gehabt. "Es gab Hinweise auf eine eindeutige Kampfsituation."

Silvia F. habe Abwehrverletzungen an den Händen und ein sogenanntes Brillenhämatom gehabt, das nicht mit einem Sturz auf den Hinterkopf erklärbar gewesen sei. In seinem Obduktionsbericht hatte der Mediziner seinerzeit notiert, die These eines erweiterten Suizids sei zwar denkbar, doch rate er dringend zu weiteren Ermittlungen hinsichtlich der offensichtlichen Gewaltspuren. Mit dem Leiter der MK habe er das ausführlich diskutiert, doch der habe "abgewunken und gesagt, er wolle das toxikologische Gutachten abwarten".