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Schreibwarengeschäft in Düsseldorf
Trauriger Abschied von Hennig nach 129 Jahren

Schreibwarengeschäft Hennig in Düsseldorf schließt
Schreibwarengeschäft Hennig in Düsseldorf schließt FOTO: Jens Krugmann
Düsseldorf. Das familiengeführte Schreibwarengeschäft am Jan-Wellem-Platz in Düsseldorf, das 1889 von Emil Hennig gegründet wurde, macht Mitte Mai zu. Mit ihm verschwindet ein Stück Düsseldorfer Tradition. Von Laura Kurtz

Noch wirkt es so, als ob das Geschäft ganz normal läuft. Es stöbern sogar mehr Kunden durch den Laden als in den letzten Wochen. Vielleicht möchten sie noch ein letztes Souvenir bei Hennig kaufen, vielleicht wurden sie lediglich durch die Rabattschilder angelockt und möchten ein Schnäppchen machen. Trotzdem: Mitte Mai schließt das Geschäft für immer die Türen.

Schulranzen oder der erste Füller

In vier Generationen hat Hennig die Kunden mit "Schönen Dingen zum Leben und Arbeiten" versorgt und erfreut. So manch einer hat dort einst seinen Schulranzen gekauft oder den ersten Füller, andere deckten dort ihren Glückwunschkartenbedarf.

Für Düsseldorfer war das Fachgeschäft einfach schon immer da, Teil der Stadt, ein Stück Tradition. Aber wie viele Einzelhändler hat auch Hennig starke Umsatzverluste gemacht, unter anderem der Dauerbaustelle am Jan-Wellem-Platz geschuldet. Daher hat sich das Geschäft jetzt für einen würdevollen Abgang entschieden.

Würdevoller Abgang nach vier Generationen

Der Geschäftsführer tut sich schwer, Worte zu finden. "Es tut mir unendlich leid, vor allem für das Personal", sagt Jens Krugmann. Seit er das Geschäft vor fünf Jahren von seinem Onkel übernommen hat, hat der 36-Jährige alles versucht: Online-Auftritt, Umbau, Gewinnspiele und Rabattaktionen – doch letztlich führte das bloß zu kurzzeitigen Aufschwüngen. "Wir haben alles investiert, eine Summe im siebenstelligen Bereich", so der Geschäftsführer. "Vor allem aber haben wir an die Sache geglaubt, wir haben gedacht, dass es funktioniert."

Die Erkenntnis, dass das Geschäft einfach nicht mehr tragbar war, kam ihm beim Jahresabschluss: 300.000 Euro Verlust. Die Umsätze gingen mit jedem Jahr zurück. "Wir haben viel Laufkundschaft verloren", sagt Krugmann. Schuld daran aus seiner Sicht: die nicht enden wollende Baustelle direkt vor der Tür. Nachdem sich das Geschäft verkleinert und den Eingang an der Schadowstraße verloren hatte, seien die spontanen Kunden deutlich weniger geworden.

Doch es ist nicht nur das, ist dem Geschäftsführer klar. "Die Leute bestellen lieber, als in ein Fachgeschäft zu gehen. Das ist schneller und oft günstiger und einfacher", erklärt er. "Aber was online fehlt, ist die fachliche Beratung – und das ist unser kostbarstes Gut." Die Einrichtung des Online-Shops habe zwar zu einem kurzen Hoch im ständigen Auf und Ab geführt, hätte aber langfristig kein Ausgleich sein können.

Was sich fast 130 Jahre lang bewährt hat, scheint heute nicht mehr angenommen zu werden – für den Geschäftsführer nur schwer verständlich. "Alles wird digital, das ist doch Quatsch. Handschrift ist so viel persönlicher: Glückwunschkarten zum Geburtstag, eine Postkarte aus dem Urlaub statt einer SMS – in den jungen Generationen hat sich daran einiges geändert."

Online-Shop ist keine Alternative

Das Geschäft nur noch online weiterzuführen, sei keine Alternative gewesen. "In dem Laden steckt so viel Liebe und Herzblut", sagt Krugmann. "Ich kenne den Laden, seit ich ein kleiner Steppke bin", erzählt er. "Damals haben wir hier Bürostuhl-Rennen gemacht. Und hier hinter dem Regal ist ein Baum an die Wand gemalt." Er lächelt, als er auf das Künstlerfarben-Sortiment zeigt.

Dass er das Geschäft von seinem Onkel Helmut Eisenreich übernehmen würde, stand zunächst gar nicht zur Debatte. Nach der Ausbildung zum Hotelfachmann arbeitete er in verschiedenen Branchen, vom Betrieb über Eventmanagement bis in die Gastronomie, "immer an der Front", so Krugmann, das mache ihm Spaß. Dann gab es ein Gespräch mit seinem Onkel: "Er war damals schon 70 und auf der Suche nach einem Nachfolger für sein Geschäft", berichtet Krugmann. "Bei einem Gläschen Wein haben wir im Spaß darüber geredet, dass ich den Laden übernehme – und aus Spaß ist dann Ernst geworden."

Eines der letzten unabhängigen Familienunternehmen

Onkel wie Neffe sind untröstlich, dass es nun vorbei ist. "Ich habe viele Nächte schlecht geschlafen", sagt Krugmann über die Entscheidung. "Das ist eine Familientradition, die einfach wegbricht." Seitdem Emil Hennig 1889 das damalige Künstlerfarben-Fachgeschäft "Bock's Magazin" von der Firma Schmincke gekauft hatte, wurde der Laden von Generation zu Generation weitergegeben. Es war eines der letzten unabhängigen Familienunternehmen der Stadt. Das Auf und Ab der letzten Jahre wurde schließlich zum steten Ab. "Wir haben alle viel geweint, als der Beschluss feststand", so Krugmann. Und doch sei es die richtige Entscheidung gewesen: "Mir – uns – war wichtig, dass wir nicht insolvent gehen. Es war eine Unternehmerentscheidung", betont der Geschäftsführer. "So machen wir zumindest einen sauberen Schnitt."

Keine Unterstützung durch die Stadt

Was wären die Alternativen gewesen? "Wir haben gehofft, dass die Stadt uns unterstützen würde, aber da kam nichts", so Krugmann. Angestellte zu entlassen oder die Preise zu erhöhen, damit sei das Ziel nicht erreicht. Zudem soll das Gebäude, in dem Hennig momentan ist, demnächst abgerissen werden. Um noch mal umzuziehen, fehlt das Geld – der Geschäftsführer ist realistisch.

"Ich stehe genauso auf der Straße wie die anderen Angestellten, auch wenn ich mit meinem Alter vielleicht bessere Chancen habe." Der älteste Mitarbeiter, heute 63, arbeitet seit 1972 bei Hennig. Krugmann will am liebsten in der Branche bleiben, etwas Neues aufbauen, selbstständig sein. "Das hier ist mein Leben", sagt er.

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Bis zum 31. Mai muss das Geschäft aus dem Gebäude ausgezogen sein, Mitte Mai wird Hennig schließen. "Der richtige Schlag", glaubt Krugmann, "kommt erst, wenn wir den Laden ausräumen." Die Reaktionen auf die Schließung auf der Facebook-Seite von Hennig, die zahlreichen lieben Kommentare, hätten ihn überwältigt. Für ihn ist es der Beweis, wie wichtig das Geschäft den Düsseldorfern trotz allem war: "Hennig ist emotional hier verankert gewesen."

 
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