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Düsseldorfer Rosenmontag
So entstand der "Charlie-Hebdo"-Wagen

Düsseldorf: Hier wird der "Charlie-Hebdo"-Wagen gebaut
Düsseldorf: Hier wird der "Charlie-Hebdo"-Wagen gebaut FOTO: Ricarda Hinz
Düsseldorf. Solch eine Karnevalszeit haben Jacques Tilly und die Spitze des Comitees Düsseldorfer Carneval noch nicht erlebt. Ukraine, Griechenland, die Anschläge von Paris und Kopenhagen - Herausforderungen bis zur letzten Minute. Ein Protokoll. Von Uwe-Jens Ruhnau

Die Anstrengung und die Anspannung sind Düsseldorfs obersten Narren anzusehen. Gestern Morgen treffen sie sich, ziehen im Gespräch mit unserer Redaktion die Bilanz der letzten Wochen. Gleich startet der Rosenmontagszug. Jacques Tilly spricht von unvergleichlichen Tagen. So viele bedeutende politische Ereignisse kurz vor dem Höhepunkt der Session, die noch in Mottowagen umzusetzen sind, hat es in seinen 31 Jahren als Wagenbauer nicht gegeben.

Noch schwerer wiegt die Verantwortung, die sich aus den Attentaten in Paris und ganz aktuell in Kopenhagen ergibt. Mordanschläge auf Satiriker und Zuhörer einer Diskussion über die Meinungsfreiheit zeigen, dass die Meinungs- und damit auch die Narrenfreiheit bedroht sind. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung. Diese Freiheit soll verteidigt werden, aber möglichst nicht zulasten Dritter. Für das CC und Jacques Tilly eine Herausforderung. Die Absage des Umzuges in Braunschweig wiegt schwer.

Fotos: Diese Motive von Jacques Tilly haben es nicht geschafft FOTO: Jacques Tilly

Phase 1: Themen mit Langzeitwirkung

Im Oktober und November gehen Tilly und seinen Gesprächspartnern die ersten Ideen durch den Kopf. Welche Themen haben Langzeitwirkung, beschäftigen die Gesellschaft seit Monaten und werden dies weiter tun? "Es sind vier bis fünf Wagen, die man zu diesem Zeitpunkt festlegen kann", sagt Tilly. Am 4. Januar sitzt er mit der CC-Spitze zusammen. Noch sechs Wochen bis Rosenmontag. Das europäische Flüchtlingsdrama steht schnell als Thema fest.

Presse: "Charlie-Hebdo"-Wagen: "Jacques, wie recht du hast!" FOTO: qvist /Shutterstock.com

Ein Schiff mit Schutzsuchenden versinkt im Mittelmeer - "das ist der wahre Untergang des Abendlandes", wird der Schriftzug auf dem Schiff lauten. Pegida muss sein, aber der erste Entwurf, der auch gebaut wird, bleibt am Ende in der Halle stehen. Der reitende Ritter mit Adolf Nazi im Schlepptau erscheint Tilly später überholt, in Version Nummer zwei hüpft das Unheil als Springteufel aus der in deutschen Farben lackierten Box. "Aktueller und gemeiner", urteilt er.

Google, der Big Brother unserer Gegenwart, ist auf jeden Fall einen Mottowagen wert. Christoph Joußen, Geschäftsführer des CC, ist begeistert. Tilly denkt zunächst an einen Menschen, der eine SMS schreibt und dabei von einem großen Auge beobachtet wird. Dann wird das Motiv verknappt, reduziert - auf ein riesiges Auge, das den Wagen beherrscht und sich dreht. "Das ist super", freut sich Tilly, "so fühlen sich die Zuschauer am Straßenrand beobachtet. Darum geht es." Ein solches bewegliches Motiv hat es im Zug noch nicht gegeben. Das mobilste war bislang ein Hubtisch, der rauf und runter fuhr. Über einen Freund bei der Rheinischen Garde Blau-Weiss besorgt Tilly einen Motor für die Konstruktion.

Ebenfalls am 4. Januar gesetzt: Putin, der militärisch über dicke Muckis verfügt, aber dessen wirtschaftlicher Arm unterentwickelt ist. Eine Folge der Sanktionen und die Fortentwicklung des Motivs vom vorigen Jahr, als der Bizeps des Kreml-Herrschers anschwoll zur Bombe, an der die Krim-Lunte kokelt. Vorerst last, not least: Als Mottowagen mit Düsseldorf-Bezug wird der neue Oberbürgermeister identifiziert, der einem leeren Sparschwein in den Rachen schaut. War wohl nix mit der üppigen Rücklage, welche die alte Stadtregierung hinterlassen hat. Den Wahlkampf und den Absturz des CDU-Mannes Dirk Elbers will Tilly nicht mehr aufgreifen, das Ganze ist zu lange her, findet er, und der abgewählte Oberbürgermeister hat in den letzten Monaten genug Watschn bekommen.

Phase 2: Charlie Hebdo

Jacques Tilly enthüllt seinen "Charlie Hebdo"-Wagen FOTO: Saskia Nothofer

Nur drei Tage nach dem Treffen ereignet sich am 7. Januar das Attentat von Paris. Die Düsseldorfer Narren sind schockiert wie alle anderen auch. Zugleiter Hermann Schmitz, Karnevals-Urgestein, ruft seine CC-Freunde an. "Wir müssen sensibel sein", mahnt er. "Der Erdogan-Wagen kann nicht fahren." Gemeint ist ein weiteres Motiv, das zunächst gute Chancen auf Realisierung hatte. Tilly hatte den türkischen Präsidenten als reichlich überdrehten "Erdowahn" gezeichnet, der eine Knarre in der Hand hält. Die Aufschrift darauf lautet: "Islamisierung der Türkei". "Das geht jetzt nicht mehr", findet auch CC-Präsident Josef Hinkel, "wir können Erdogan nicht in die Nähe der Terroristen von Paris stellen". Aussortiert.

Als Nächstes muss die Linie festgelegt werden, die das CC und Tilly nach außen vertreten. "Wir mussten klären, wie wir mit Presseanfragen umgehen", sagt Hinkel. Die Marschroute: Die Düsseldorfer Narren halten sich mit weitreichenden politischen Kommentaren zurück, um sich nicht angreifbar zu machen, sie machen weiter wie bisher, verraten ihre Entwürfe wie immer nicht, und sie reden nicht schlecht über Konkurrenten. Tilly gibt viele Interviews, erklärt seine Philosophie, Menschen und Täter zu kritisieren, aber nicht Götter und Propheten.

Phase 3: Die nächsten Treffen

Parallel schmieden die Jecken Pläne. Am 18. Januar sitzen sie bei Christoph Joußen in der Küche. Jacques Tilly hat neue Entwürfe mitgebracht. Hinkel: "Natürlich war von Anfang an klar, dass wir einen Wagen zu ,Charlie Hebdo' würden machen wollen. Denn der Karneval ist ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft, also gehört dieses Thema dazu." Joußen ergänzt: "Das Beispiel des zurückgenommenen Kölner Wagens hat anschaulich gezeigt, dass es gut ist, vor Rosenmontag keine Entwürfe bekanntzumachen. Die Ideen sollen beim Umzug zünden, nicht vorher, sonst verglühen sie, werden zerredet und verlieren so oder so ihre Kraft. Und wir hatten den Anspruch, einen Umzug mit so treffenden wie hervorragenden Wagen zu verwirklichen."

Das CC-Team empfindet seine Arbeit laut Hinkel jetzt als ambivalent: "Wir gehen durch diese Tage mit einiger Last, aber auch mit Lust." Joußen bietet Tilly an, auf einen Wagen zu "Charlie Hebdo" zu verzichten. "Tilly hat Frau und Kinder. Es ist allein seine Entscheidung." Die Meinungsfreiheit sei gefährdet, sagt Joußen, wenn man ausschließen wolle, mit einer künstlerischen Äußerung Terror auszulösen. Der Wagenbaumeister wiederum sieht "die Meinungsfreiheit nicht durch Terroristen bedroht, sondern von denen, die sie nicht verteidigen".

Im Rückblick sagt der CC-Geschäftsführer: "Ich habe großen Respekt vor Tilly." Denn der will weiter seine kritischen Wagen bauen, weil er sonst nicht mehr derselbe ist. "Wir stehen an der Cecilienallee", sagt Tilly, "wenn die Polizei entscheidet, wir können fahren, dann fahren wir. Wenn nicht, dann nicht." Angst habe er allenfalls um die Menschen am Straßenrand, nicht um sich selbst. Die hat er aufgegeben, seit es 2006 zum heftigen Streit um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitschrift Jyllands-Posten kam. Abgesehen davon, dass er beim Umgang mit Religionen "nicht Götter und Propheten auf den Wagen zeigt, sondern nur das Bodenpersonal", will er nicht beim Gang nach Hause Angst vor seinem Schatten haben.

Tilly legt seine Entwürfe zum Terror auf den Tisch. Gleich vier Wagen zu diesem Thema sollen fahren. Politische Karikaturen, die beispielsweise das Kräftemessen der Mörder von IS und Al Kaida zeigen und den Islamischen Staat als Ausgeburt des Irakkriegs. Auch zwei Entwürfe zu "Charlie Hebdo" sind dabei. Der Geköpfte lacht seinem Henker entgegen, der Humor überlebt den Terror. Am 5. Februar kommen die drei erneut zusammen, diesmal in Joußens Büro, und legen dieses Motiv als Favorit fest. Die sich verschlingenden Fische, bei der das jecke das Terror-Tier verschluckt, wird mit Fragezeichen versehen. Es ist zu viel los auf der Weltbühne der Politik. "Wir müssen abwarten, was sich mit Griechenland tut und der Ukraine", sagt Joußen.

Phase 4: Die Woche vor Rosenmontag

So viel haben Tilly, Schmitz, Joußen und Hinkel selten miteinander gesprochen. Es wird festgelegt: Statt der üblichen zehn gibt es nun zwölf Mottowagen. Vier Tage für drei noch offene Wagen. "Sehr wenig Zeit, um die politische Situation abzuwägen und zu entscheiden, was am Rosenmontag das richtige Motiv ist", sagt Tilly. Beispiel Ukraine: Mittwoch auf Donnerstag die Konferenz in Minsk, aber dominiert dort die Kanzlerin und bestimmt sie deswegen auch in XXL den Wagen? Was, wenn der Waffenstillstand nicht hält? Die Entscheidung fällt gegen die übergroße Friedensstifterin Merkel, ein Taube fliegt im Zug einer Rakete entgegen. Und Griechenland: Das Land droht in die Pleite zu schlittern, der Supermann Tsipras wird folglich nicht fliegen.

Es waren fast selige Zeiten, als die Wagenbauer in den neunziger Jahren ihre Unabhängigkeit eroberten, zunächst die breite Öffentlichkeit und dann auch die Stadtpromis aus der Halle für Mottowagen warfen und Sicherheitskräfte vor die Tür stellten. Nun gebiert die Realität selbst die Bedrängnis. Als am Samstagabend in Kopenhagen die Schüsse fallen, findet kurz darauf in der Wagenbauhalle eine Krisensitzung statt. Fährt der Charlie-Wagen noch? Ja, heißt es nach einiger Diskussion. Aber nun ruft der Geköpfte seinem Peiniger nicht mehr ein Lachen entgegen. Der Wagen wird abgeändert. Es ist der Tag für ein schlichtes Bekenntnis: "Satire kann man nicht töten."

Phase 5: Rosenmontag

Der Charlie-Hebdo-Wagen fährt zum Rheinufer. Eingepackt. Erst als das Startsignal ertönt und die ersten Räder rollen, wird Wagen 23 enthüllt.

Quelle: RP
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