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Serie Heimatreporter
Düsseldorf sollte Himmelgeist dankbar sein

Serie Heimatreporter: Düsseldorf sollte Himmelgeist dankbar sein
Alt und bedächtig: Schloss Mickeln in Himmelgeist. FOTO: ANDREAS BRETZ
Düsseldorf. Unser Autor besuchte unter anderem Schloss Mickeln, das Gästehaus der Heinrich-Heine-Universität. Denn sind wir nicht alle Gäste. Von Frank Lorentz

Himmelgeist - gibt es einen Düsseldorfer Stadtteil mit einem klingenderen Namen? Der außerdem voll und ganz hält, was er verspricht? Fangen wir mit der hinteren Silbe an, dem Geist. Ich stand vor der Eingangstür von Schloss Mickeln, einem Anwesen, das es schon im Mittelalter gab, das im 19. Jahrhundert abbrannte und vom damaligen Besitzer, einem Herzog, zu einer Sommerresidenz umgebaut wurde. Heute dient es als Gästehaus der Heinrich-Heine-Universität.

Auf einem Schild las ich, dass nur Befugte Zutritt hätten. Ich dachte, dass ich allein schon deshalb noch mal ein Studium beginnen sollte, um in diesem Anwesen, hinter dem sich ein Park erstreckt, Gast sein zu dürfen. Wie leicht wäre das Lernen, das schlau werden, das Aufsteigen in den Olymp der Wissenden, wenn man sich an diesem Ort, wo Himmel und Geist eine Einheit bilden und Großmeister Heine wie ein Schutzpatron über allem wacht, dem Geschäft des Denkens hingeben könnte.

Da öffnete sich die Eingangstür. Eine junge, klug aussehende Frau trat heraus. Lächelnd hielt sie mir die Tür auf - sie glaubte offenbar, ich sei befugt - und ging ihrer Wege. Drinnen kam mir ein junger, ebenfalls schlau aussehender Mann entgegen, der mich auf eine selbstverständliche Weise grüßte, als kennten wir uns schon lange. Die weltweite Gemeinschaft der Studierenden - hier ist es egal, ob du im dritten Semester Jura paukst oder im Studiengang lebenslanges Lernen eingeschrieben bist. Man sieht sich, man erkennt sich, man grüßt sich. Und man fühlt sich überall zuhause, vor allem in einem Gästehaus, denn: Sind wir nicht alle Gäste? Ist nicht jedes Haus auf Erden ein Gästehaus? (Sorry, mein Opa war Pastor, manchmal gehen die Gene mit mir durch.) Ich besah mir das Schloss eine Weile, lief in den ersten und den zweiten Stock, wo sich die Gästezimmer befinden, teilweise mit tollem Blick auf den Schlosspark, und ging wieder hinaus. Mit dem beruhigenden Gefühl, dass mein Wiedereinstieg in die Welt der Studierenden jederzeit möglich sei.

Düsseldorf sollte Himmelgeist dankbar sein, dass sich der Stadtteil, fast hätte ich geschrieben: herabließ, zu Düsseldorf zu gehören. Bereits 904 wurde Himmelgeist erstmals erwähnt, ist folglich älter als Düsseldorf und ließ sich 1908 eingemeinden; das ist okay so, nach einem Jahrtausend kann man sich schon mal binden. Der Stadtteil ist groß, aber dünn besiedelt und von dörflicher Anmutung. Er ist auch wohlhabend - das Durchschnittseinkommen soll bei 66.000 Euro liegen - und strahlt Großzügigkeit aus. Er hat nicht nur, er gibt auch, zum Beispiel Äpfel. Wie ich durch den Schlosspark spazierte, sah ich einen Mann, der mit einem Obstpflücker Äpfel aus den Baumkronen klaubte und in einen Korb tat. "Boskop", sagte er, nachdem ich ihn angesprochen hatte. "Perfekt für Apfelmus." Er streckte mir einen Apfel hin, sein Korb quoll bereits über. "Wo man mit der Hand hinreichen kann, ist schon alles weggepflückt", sagte er und erläuterte mir seinen neuen, meterlangen Pflücker mit dem, wie er betonte, genähten Erntesack. "Das ist was Besseres." Er habe auch schon anderswo wild gepflückt, sei oft weggeschickt worden. Hier aber gebe es keine Verbotsschilder. "Wollen Sie auch? Soll ich Ihnen ein paar Äpfel pflücken?"

Der Vorteil von dünn besiedelten Gegenden besteht darin, dass die Einzelheiten viel stärker zur Geltung kommen. Wo weniger ist, fällt das Wenige deutlicher auf. Ein Spaziergang durch Himmelgeist ist wie ein Kurs in Achtsamkeit, die ja super hip ist. Meiner Ansicht nach ist es jedoch vollkommen überflüssig, Geld für einen solchen Kurs auszugeben. Ich empfehle, Himmelgeist zu besichtigen. Diese Ruhe. Diese Entspanntheit. Als falle man aus der Zeit und lande weich. Ich sah ein Geschäft namens "Tabak-Börse" - wo gibt's denn so was noch? Ich ging durch eine Straße, auf einmal roch die Luft nach Eukalyptus. Ich lief an einer Hecke vorbei, hinter der drei prächtige Sonnenblumen standen. Sie hatten ihre Hälse elegant wie Giraffen vorgebeugt und die Köpfe sanft auf die Hecke gebettet. In Himmelgeist ist es so friedlich, dass sogar die Sonnenblumen ein Nickerchen machen. Unmittelbar am Rhein entdeckte ich eine Reihe frei stehender, luxuriös wirkender Häuser mit einem gemeinsamen Garten, ungefähr so groß wie ein Fußballfeld. Die Hinteransicht machte mich neugierig auf die Vorderansicht. Und jetzt kommt's: Sie ist total unspektakulär. Hinten hui, vorne pfui. Eines der Prachthäuser sieht von vorne aus, als wollte es überhaupt nicht aussehen. Es ist quasi nicht sichtbar. Nur eine weiße Wand mit mittendrin einem dunklen Spalt, von dem du nie denken würdest, dass sich dahinter zwei Türen verstecken und Zugang zu himmlischen Häusern ermöglichen.

Himmelgeist: Dieser Stadtteil und kein anderer. Wo die Schönheit kein Aufhebens von sich macht und es nach Eukalyptus duftet. Wo der Geist und das himmlische Leben zu Gast sind und man dir frisch gepflückte Äpfel schenkt. Am Rheinufer kam ich ins Gespräch mit einer älteren Dame, die, wie sie erzählte, seit 50 Jahren in Himmelgeist lebt. "Damals gab es hier nur drei Gutshöfe und sieben Spitzbuben, wie man so sagt." Die Dame führte ihren Hund Gassi und war schick gekleidet. Unter den Augen hatte sie einen dicken Kajalstrich, das eisgraue Haar trug sie wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Kreisvorsitzende der Düsseldorfer FDP. In den vergangenen Jahren habe ein unglaublicher Bauboom in Himmelgeist eingesetzt, erzählte die Dame, weshalb der Stadtteil im Grunde nicht wiederzuerkennen sei. Und das Bauen höre nicht auf.

Welche Dimensionen von Ruhe und Frieden muss es geben, wenn das, was ich für beschaulich hielt, offenbar die rummelige, aus dem Nähten platzende Version war von etwas, das vor einem halben Jahrhundert so richtig, richtig beschaulich war? Anschlussfrage: Kann man an der Heinrich-Heine-Uni Düsseldorfer Stadtgeschichte studieren, Schwerpunkt vergleichende Friedlichkeitskonzepte am Beispiel von Himmelgeist? Falls ja, bewerbe ich mich hiermit um einen Platz als Gaststudent. Als Gästezimmer in Schloss Mickeln hätte ich am liebsten eins im zweiten Stock mit Blick auf den Park.

Quelle: RP
 
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