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Polizeihauptkommissare im Interview
Verkehrserziehung beginnt im Kinderwagen

Düsseldorf: Verkehrserziehung beginnt im Kinderwagen
Janine Eller und Michael Wollziefer gehören zum Präventionsteam der Verkehrspolizei in Düsseldorf. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Die Polizeihauptkommissare erleben in Grundschulen, was Kindern im Straßenverkehr und vor allem beim Radfahren Schwierigkeiten bereitet. Eltern können den Lernprozess begleiten und fördern. Von Sonja Schmitz

Sie schulen in Düsseldorf seit Jahren Kinder zum Thema Verkehrssicherheit. Vorige Woche ist ein neunjähriges Mädchen auf dem Schulweg tödlich verunglückt. Was geht dann in Ihnen vor?

Janine Eller Das tut sehr weh. Wir haben ja selbst Kinder, aber was die Eltern des Mädchens durchmachen, kann man, glaube ich, nur ermessen, wenn man es selbst erlebt hat. Und das ist der Grund, warum wir unsere Arbeit machen: Wir wollen verhindern, dass so etwas passiert.

Viele Eltern fragen sich, ob Sie bei der Verkehrserziehung ihres Kindes alles richtig machen. Was raten Sie denen?

Michael Wollziefer Zum einen können Sie sich bei uns Rat holen. In welchem Alter Kinder welche Fähigkeiten haben, ist im Einzelfall unterschiedlich. Klar ist aber: Je mehr ich mit ihnen trainiere, umso sicherer werden sie. Vier Verkehrssicherheitsberater bieten in allen Grund- und Förderschulen für Viertklässler eine dreitägige Ausbildung für den Fahrradführerschein an. Im Vorfeld müssen die Kinder ihr Fahrrad motorisch gut beherrschen. Nach der Ausbildung ist es wichtig, dass das Gelernte durch regelmäßiges Training mit den Eltern verinnerlicht wird, sonst funktioniert es nicht. Zweimal im Jahr mit den Kindern zur Eisdiele fahren, reicht nicht.

Warum gibt es die Radfahrausbildung erst in der vierten Klasse?

Eller In der zweiten Klasse führen die Lehrer bereits auf dem Schulhof ein motorisches Radfahrtraining durch. Das unterstützen meist die Bezirksdienstbeamten. In der vierten Klasse kommt die Radfahrausbildung dazu, die das Fahren im öffentlichen Verkehrsraum im Fokus hat. Das ist angelehnt an die Gesetzgebung, da Kinder ab dem vollendeten zehnten Lebensjahr auf der Straße fahren müssen.

Welche Erfahrungen machen Sie da?

Eller Es ist ein Problem, dass sich Kinder heutzutage weniger bewegen als früher. Wenn beim Radfahren die Motorik noch nicht so ausgeprägt ist, sind die Kinder mit den komplexen Vorgängen im Straßenverkehr überfordert. Die Kapazität reicht dann nicht aus, um sich auf die Regeln und die Verkehrssituation einzustellen. Die Motorik ist also die Grundvoraussetzung. Abgesehen davon kann auch die falsche Größe des Fahrrads oder ein ungünstiger Transport des Schulranzens zur Überforderung führen.

Inwiefern?

Eller Ich habe eben zwei Mädchen einer weiterführenden Schule auf viel zu großen Fahrrädern gesehen. Das ist problematisch, denn wenn man mit den Füßen nicht auf den Boden kommt, ist sicheres Anhalten kaum möglich. Hinzu kommt: Die Tornister sind heute oft sehr schwer. Wenn sie auf dem Gepäckträger oder im Fahrradkorb etwas wackelig untergebracht sind, ist das ein Unsicherheitsfaktor. Das Gewicht zieht mit. Das sind Kräfte, die dazu beitragen können, dass man die Kontrolle über das Rad verliert und es zum Unfall kommt.

Was sagen Sie, wenn besorgte Eltern ihre Kinder lieber wieder mit dem Auto zur Schule bringen?

Eller Die Konsequenz sollte eher sein: Jetzt üben wir noch mehr. Denn es führt kein Weg daran vorbei, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen. Verkehrserziehung ist ein jahrelanger Prozess, bei dem die Eltern ihre Kinder unterstützen müssen. Das fängt schon im Buggy oder auf dem Laufrad an. Auch da kann man sich angewöhnen, dem Kind Verkehrssituationen zu erklären und mit ihm darüber zu sprechen: 'Unsere Ampel ist jetzt grün, aber wir gucken noch einmal, ob wirklich keiner kommt, weil es auch Leute gibt, die das Rotlicht übersehen.'

Wollziefer Verkehrserziehung fängt zu Hause an - in kleinen Häppchen und das kontinuierlich. Auf dem Weg zur Grundschule kann man beispielsweise an Verkehrszeichen Halt machen und fragen: Was bedeutet das?

Welche Tipps haben Sie für das Verkehrstraining mit Kita-Kindern?

Eller Der Ablauf, über die Straße zu gehen, ist für diese Altersstufe so komplex, dass er schrittweise durchgeführt werden muss. Deswegen sagen wir den Kitakindern: Du bleibst erstmal stehen. Dann guckst du in jede Richtung, aus der ein Fahrzeug kommen kann. Denn anders als Erwachsene können Kinder nicht gleichzeitig schauen, entscheiden und gehen.

Wollziefer Sie haben einen eingeschränkteren Blickwinkel. Während Erwachsene 180 Grad überblicken können, sind es bei Kindern nur etwa 120 bis 140 Grad. Sie müssen daher zum Schauen stärker ihren Kopf bewegen. Bis zum 14. Lebensjahr erhöht sich der Blickwinkel dann.

Eller Bei Vorschulkindern sagen wir auch: Egal, wie weit weg ein Fahrzeug ist: Du gehst nicht rüber. Sie können Geschwindigkeiten und Entfernungen nicht einschätzen.

Was ist , wenn der Weg zu weit ist und doch das Elterntaxi hermuss?

Wollziefer Dann hat man die Möglichkeit, weiter entfernt zu parken, um den Rest des Weges gemeinsam mit dem Kind zu Fuß zurückzulegen und dabei die Überquerung der Straße zu üben. Im Laufe der Zeit steigert man den Grad der Selbstständigkeit, indem man das Kind auch einen Teil alleine gehen lässt. Aber es braucht Zeit, um dies zu verinnerlichen. Es heißt, um eine neue Sache zu lernen, benötigt man etwa 100 Wiederholungen.

Eller Wichtig ist auch, dass man es selber altersentsprechend richtig vormacht, denn Kinder ahmen uns nach, ohne darüber nachzudenken. Wenn wir selbst total im Stress mit dem Kind an der Hand über die Straße rennen, obwohl ein Auto herannaht, wird das das Kind später wahrscheinlich auch tun, wenn es alleine unterwegs ist.

Neulich wurde ich von einer Autofahrerin geschnitten, die auf der Autobahn am Steuer ihr Müsli löffelte.

Wollziefer Schon wenn ich bei 50 Stundenkilometern eine Sekunde in die Müslischale schaue, fahre ich 14 Meter im Blindflug.

Eller Niemand will jemanden tot fahren. Aber ein kleiner Fehler von mir kann dazu führen, dass ein Mensch stirbt. Das verfolgt einen das ganze Leben, auch wenn man alles richtig gemacht hat. Deshalb muss ich mich jeden Morgen fragen, ob ich dieses Risiko eingehen will und ob ich mir nicht lieber die Zeit für diese Dinge wie Müsli-Essen zu Hause nehme.

Haben Sie den Eindruck, dass die Präventionskampagnen wirken, mit denen Verkehrsteilnehmer für Risiken ihres Verhaltens sensibilisiert werden sollen - sei es, dass das Smartphone in der Tasche bleiben soll oder Autofahrer nicht auf Radwegen parken sollen?

Wollziefer Steter Tropfen höhlt den Stein. Wenn wir es nicht machen würden, sähen die Unfallzahlen möglicherweise anders aus. Das ist nicht messbar, aber ich halte das für wichtig.

Eller Wenn wir nur einen einzigen schweren Unfällen damit verhindern, der so viel Leid über Angehörige und Freunde bringt, dann ist es das wert.

Quelle: RP
 
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