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Karneval in Düsseldorf
"Die Werbekarawane ist nicht gestorben"

Düsseldorf: Werbekarawane zu Karneval ist noch nicht  gestorben
Hans-Jürgen Tüllmann ist Geschäftsführer des Comitee Düsseldorfer Carneval. FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Warum die TV-Sitzung so wichtig ist, die Zug-Reihenfolge inzwischen ausgelost wird und Hans-Jürgen Tüllmann, der Geschäftsführer des Comitee Düsseldorfer Carneval, am liebsten seinen Anzug gegen das bodenständige Outfit eines Bauern eintauschen würde. Von Brigitte Pavetic

Geboren wurde Hans-Jürgen Tüllmann (60) in Warstein, doch seit nunmehr 35 Jahren ist er glücklicher Wahl-Düsseldorfer. Er ist der kampferprobte Geschäftsführer des Comitee Düsseldorfer Carneval (CC). Manche sagen: ein harter Job in jecken Zeiten.

Herr Tüllmann, im Mai sind Neuwahlen, Sie gehen schon ins dritte Jahr. Wie kamen Sie zu Ihrer Hauptrolle im Narren-Zirkus?

Hans-Jürgen Tüllmann Ich saß damals mit Ex-CC-Präsident Josef Hinkel zusammen, und wir sprachen über seinen Rücktritt usw. Da fragte er mich aus heiterem Himmel: Willst Du nicht Präsident werden? Und ich antwortete: Auf gar keinen Fall, wenn, dann nur Geschäftsführer. Dies war aber auch nur ein Scherz. Dann ging es aber ganz schnell. Sofort riefen mich alle an: Michael Schweers, Engelbert Oxenfort und noch ein paar, die ich vorher gar nicht kannte, und ermunterten mich. Ich wäre für den Geschäftsführer-Posten prädestiniert. Ich bin gerne dabei, aber auch viel im Hintergrund. Was aber nicht heißt, dass ich nicht gerne mit dem Prinzenpaar durch die Säle und Veranstaltungen tingele.

Werbekarawane durch Düsseldorf zur Tour de France am 1. Juli FOTO: Bretz, Andreas

Wie lautet Ihr Resümee nach drei Jahren?

Tüllmann Es macht wahnsinnig viel Spaß. Auch, wenn es mitunter ganz schön stressig war, habe ich nie etwas wirklich Schlimmes "abmanagen" müssen. Dass wir mal den Rosenmontagszug wegen Sturm absagen mussten, damit kann ich gut leben, aber wenn der Klüngel zu Intrigen ausartet unter den Karnevalisten, das trifft mich schlimmer.

Die 20 besten Bilder vom Rosenmontagszug in Düsseldorf 2017 FOTO: Bretz, Andreas

Was bedeutet Ihnen Ihre Aufgabe, die ja auch eine Schlüsselposition im Düsseldorfer Karneval ist?

Tüllmann Meine größte Freude ist das Netzwerken, ich spreche mit Sponsoren, ich versuche, sie zu überzeugen, ich kann ein Menschenfänger im positiven Sinne sein. Ich kenne viele Leute persönlich. Niemand blockt mich ab, ich kann überall anrufen. Mein persönliches Erfolgsprojekt ist zum Beispiel die Wagenbauhalle. Als ich gerade einmal zwei Wochen Geschäftsführer war, da legte das Amt für Gebäudemanagement ein Gutachten für die Renovierung in Höhe von einer Million Euro vor. Wir waren geschockt. Wir dachten, damit ist der Karneval gestorben. Flucht nach vorn: Ich rief den Oberbürgermeister Thomas Geisel an, und er sagte mir spontan 200.000 Euro für die Renovierung zu. Wir fanden weitere Unterstützer wie die Stadtsparkasse, die Messe, und am Ende kostete das Ganze durch harte Verhandlungen mit den Handwerkern auch nur knapp 400.000 Euro. Der Karneval war gerettet. Die Halle wurde zudem erweitert durch eine glückliche Kooperation mit der Rheinbahn.

2017 - in Ihrem zweiten Jahr als Geschäftsführer - mussten Sie mit den Folgen des Terrors zurechtkommen. Da lagen die Nerven auch bei den Karnevalisten blank. Was ging in Ihnen vor?

Tüllmann Die Polizei sagte mir immer, sie sorgen für die höchstmögliche Sicherheit, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es allerdings nie. Ein Restrisiko bleibt. Ich halte immer einen engen Kontakt zum Polizeipräsidenten Norbert Wesseler und anderen Entscheidern. Direkt in meiner ersten Session 2016 habe ich dafür gesorgt, dass der Rosenmontagszug versichert wird. Ich wusste: Die 10.000 Euro müssen wir in die Hand nehmen. Unkalkulierbare Unwägbarkeiten liegen immer in der Luft. Die Ergo war die einzige Versicherung, die ein für uns ideales Paket anbot, obwohl da noch niemand einen Sturm auf dem Schirm hatte. Der Zug wurde dann wegen Sturms abgesagt, dann wiederholt. Im Vorjahr dann das Top-Thema Terror. Das Schlimme war, dass wir nur noch über Terror geredet haben. Es ist aber natürlich auch wichtig, dass kein Kind unter die Räder kommt. Da rückte das ganz normale Sicherheitsthema schlicht in den Hintergrund.

Ihre Vision für den Rosenmontagszug in einer guten Woche war es ja, eine Werbekarawane nach dem Vorbild der Tour de France vor dem eigentlichen Zug fahrenzulassen, um auf diese Weise zusätzlich Geld für den Karneval zu generieren. Der Traum ist geplatzt, wie enttäuscht sind Sie?

Tüllmann Als ich die Idee auf den Tisch gebracht habe, da gab es viele Anfragen, dann aber auch viele Rückzieher. Die Idee ist aber nicht gestorben. Wir setzen sie neu auf. Im Juni fangen wir mit der Recherche an. Ich glaube nach wie vor, dass der Ansatz mit einem Werbetross ein recht guter ist. Und ich bin zuversichtlich, dass es klappt.

Unter Ihrer Ägide wurde auch der Rosenmontagszug neu organisiert. Herzstück der neuen Regelung ist, dass die Reihenfolge seit 2017 fair ausgelost wird. Wie ist die Resonanz?

Tüllmann Wir haben nun ein rotierendes System, das bedeutet, früher oder später ist jeder Verein mal vorne. Im Vorjahr gab es noch ein wenig Anlaufschwierigkeiten, auch in diesem Jahr wird es garantiert auch etwas geben, was noch nicht perfekt läuft, das liegt in der Natur der Sache. Tausende von Menschen, Lastwagen, Autos und 80 Pferde sind am Zug beteiligt. Durch die Auslosung ist jedenfalls der Vorwurf im Keim erstickt, das CC würde den Zug nach seinem Gusto gestalten. Es kommt übrigens super an, dass der Zug jetzt rückwärts aufgestellt ist. So können auch die, die im Zug mitfahren, sehen, wer sonst noch so alles mitfährt. Auch die Zugstrecke wurde modifiziert.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, der Karneval und der Rosenmontagszug würden zusehends kommerzialisiert?

Tüllmann Ich mache nur meinen Job. Außerdem: Karneval ist Kommerz, wir müssen zusehen, dass wir Sponsoren bekommen, wir sind schließlich alle Ehrenamtler und brauchen schlicht das Geld. Gerade das Comitee Düsseldorfer Carneval muss ein super Niveau bei der TV-Karnevals-Sitzung halten, sonst fliegen wir aus dem Programm. Und das will ja auch niemand. Aber dieses Niveau zu halten, das kostet eben Geld. Wenn man erst in der zweiten Liga herumturnt, kann der Aufstieg echt lange dauern. Das ist wie im Fußball. Siehe Fortuna.

Über wie viel Geld sprechen wir eigentlich? Was kosten Prinzenpaarkürung und ARD-TV-Sitzung?

Tüllmann Die Prinzenpaarkürung liegt bei 80.000 Euro, und die ARD-Sitzung mit allem Drum und Dran bei stolzen 120.000 Euro. Der Rosenmontagszug ist mit einer halben Million Euro taxiert. Hier sind die WDR-Übertragungsrechte für uns sehr wichtig. Das Geld dafür sorgt bei uns für einen ausgeglichenen Haushalt. Der schlimmste Fall wäre, wenn die TV-Sitzung ausfallen würde. Hier bekommen wir für die Senderechte weit mehr als für den Rosenmontagszug.

Zum Start Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer beim CC kündigten Sie an, mehr Geld einzusparen und die Vereine mehr in die Pflicht nehmen zu wollen. Wie lautet das vorläufige Fazit?

Tüllmann Die Freikarten für diverse Veranstaltungen haben wir um über 50 Prozent reduziert. Konkret: Von ehemals 280 Freikarten pro Session gibt's nur noch 120. Eine Karte kostet im Durchschnitt 50 Euro. Wir stellen uns die Frage: Was tut jemand eigentlich für den Karneval, wenn er irgendwo kostenfrei rein will? Wenn wir darauf keine zufriedenstellende Antwort finden, dann muss derjenige eben eine Karte kaufen. Die meisten Vereine in Düsseldorf sind mittlerweile dem CC angeschlossen - aktuell sind das 71. Ich wünsche mir etwa und bestehe auch darauf, dass von jedem Verein mindestens vier Mitglieder zur bedeutsamen Prinzenpaarkürung kommen.

Gibt es noch andere Wünsche?

Tüllmann Die Anerkennung des Karnevals als immaterielles Kulturerbe. Wir werden nicht müde, das immer wieder zu fordern. Der Bund ist dran, die Unesco ist am Zug.

Sie sind an Karneval qua Funktion immer ziemlich schnieke angezogen, als was würden Sie gerne einmal gehen?

Tüllmann Als Bauer. Ich bin auf dem Bauernhof groß geworden, unser Nachbar hatte Trecker, ich konnte reiten, das Feld pflügen, Kühe melken. Warstein, wo ich aufwuchs, ist ja auch eine Hochburg des Karnevals, ich habe ihn quasi mit der Muttermilch aufgesogen.

 

Quelle: RP
 
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