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Kommen Und Gehen
Düsseldorf wird ein bisschen grauer

Kommen Und Gehen: Düsseldorf wird ein bisschen grauer
Susanne (l.) und Marianne Windisch in ihrem "Schminklädchen". Der Laden ist bereits gekündigt. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Marianne und Susanne Windisch schließen Ende des Jahres ihr "Schminklädchen" in Unterbilk. Es ging einfach nicht mehr, sagen sie. Von Torsten Thissen

Unterbilk Sie finden immer mal wieder etwas, jetzt, wo sich das scheinbare Chaos im "Schminklädchen" lichtet, wo die Regale leerer werden, die Ecken freier. Meist sind es Werbeplakate aus den vergangenen Jahrzehnten, doch letztlich hat Susanne Windisch eine große, leere Dose Hustelinchen aus den 1950er Jahren in einem Regal entdeckt, die aussah, als wäre sie gerade erst eingeräumt worden. In der Dose waren Fotografien, eine ihres Großvaters war darunter, eine der Belegschaft des Ladens, als der noch eine Drogerie war: Mädchen hinter der Ladentheke, lächelnd in gestärkten Schürzen, schwarz-weiß.

Marianne Windisch kannte die Mädchen teilweise noch, sie ist 87 Jahre alt und der Landen an der Bilker Allee ist ihr "Lebenswerk", wie Tochter Susanne sagt. Ende des Jahres schließt der Laden, der Mietvertrag ist gekündigt, und auch wenn die Entscheidung lange Zeit reifen musste, diese Endgültigkeit, die sich durch die Ankündigung auf dem Pappschild im Schaufenster manifestiert, setzt den Frauen sehr zu. Jetzt kommen ja auch die Leute rein, die Kunden und sprechen sie an.

Auch sie sind traurig, wir haben so viele treue und gute Kunden", sagt Susanne Windisch, doch auch mit ihnen ließ sich das Geschäft nicht aufrecht erhalten. Die Zeiten, in denen die Menschen Schlange standen, um sich schminken und beraten zu lassen, in denen das ganze Quartier seine Karnevalskostüme im Laden kaufte, sind ja schon lange vorbei. Doch erst durch das Internet wurde es ganz schlimm. Da ließen sich Menschen beraten, scannten die Produkte, um online und noch im Laden nach einem besseren Preis zu suchen.

Susanne Windisch ist zu höflich, um zu sagen, wie sie das findet. Dabei geht es den Frauen gar nicht ums Geld, es hat sie gekränkt, dieses Verhalten. Als wäre ihre Arbeit, die Beratung, der Service, die Ehrlichkeit und Freundlichkeit, mit denen sie den Menschen immer entgegen gekommen sind, nichts wert. Von daher ist dieses Schild im Schaufenster gar nicht so schlecht. Jetzt kommen wenigstens die, die Marianne und Susannes Windischs Arbeit zu schätzen gewusst haben, die Leute sagen, wie sehr sie den Laden und die beiden Frauen vermissen werden, eine Nachbarin kam rein und brachte eine neue Geschäftsidee auf, man könne ja was zusammen machen, Kaffee und Schminken vielleicht, und auch wenn Marianne und Susanne Windisch wirklich darüber nachdachten, eigentlich wissen sie, dass es vorbei ist.

Zuletzt hatte Marianne Windisch immer wieder Teile ihrer Altersvorsorge in das Geschäft gesteckt. "Das kann doch nicht sein", sagt ihre Tochter. Oft genug haben sie kurz vor der Pleite gestanden, Ängste ausgestanden, die ihnen den Schlaf geraubt haben. Und die Menschen mögen ja sentimental sein, aber der Kapitalismus ist es eben nicht. Von denen, die wegen der Schließung trauern, können die Windischs eben nicht leben.

"Es ist genug", sagt Susanne Windisch. Sie sucht nun einen neuen Job, 53 ist sie inzwischen, seit 1995 hilft sie ihrer Mutter im Laden. Sie ist hier aufgewachsen, wurde als Kind von Kundin zu Kundin gereicht, während ihre Mutter arbeitete. Susanne Windisch machte eine Kaufmannsausbildung, arbeitet im Ausland und wieder in Düsseldorf, "ich wollte aber immer mit Mutti arbeiten", sagt sie. Marianne Windisch hat den Laden über Jahrzehnte immer wieder neu erfunden, er war Drogerie, Kosmetik-Salon, später Schminkladen, Kostüme kamen dazu.

In Köln im Theater machte sie noch eine Ausbildung zur Maskenbildnerin. Susanne Windisch bewundert ihre Mutter dafür. Viel ist schon verkauft. Das "Lebenswerk" von Marianne Windisch löst sich langsam auf, wird Opfer von Schnäppchenjägern; wohl einhundert Plasteköpfe, die vorher die Perücken trugen, sind inzwischen kahl. Was Marianne Windisch nun macht? Schulterzucken. Ruhestand.

Quelle: RP
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