| 12.36 Uhr

Düsseldorf
Eskalieren statt Ausgehen

Düsseldorfer Clubszene: Eskalieren statt Ausgehen
Die gediegene Nachtresidenz: Beeindruckendes DJ-Pult, Champagner-Bar, halb volle Tanzfläche. Einlass mit Turnschuhen? Nur, wenn Goldsteine darauf sind. FOTO: Endermann, Andreas (end)
Düsseldorf. In den Clubs versucht man, die Jugend zu verstehen. Gelingt das? Ein Ortsbesuch. Von Henning Rasche und Andreas Endermann (Fotos)

Der Kellner ruft "Vorsicht!". Seine Stimme hebt er dabei nicht, verleiht aber jeder Silbe Nachdruck. Vor -Sicht! Man sieht den Kellner nicht, hört der Tonlage aber eine Portion Stress an. Die Masse drängt zurück, und hindurch quetscht sich der Kellner, ganz in schwarz gekleidet. Er trägt - und das hätte man trotz allem wirklich nicht erwartet - eine Kloschüssel. Aus der weißen Kloschüssel ragen fünf, vielleicht auch sechs Strohhalme heraus. Die Frage, was darin sein mag, stellt sich niemand. Es ist klar: Schnaps. Fünf Liter purer Schnaps.

Die Geschichte der Düsseldorfer Clubszene könnte mit dieser Beobachtung aus dem Partyclub "Oberbayern" an der Bolkerstraße auserzählt sein. Rainer feiert seinen Junggesellenabschied, und die Kollegen tragen T-Shirts mit der Aufschrift: "In tiefer Anteilnahme: Sebastian, Alois...". Prost! Die Kloschüssel als Sinnbild der Partymeile Altstadt, der längsten Theke der Welt, wie viele glauben. Aber ist es so einfach?

Eine Samstagnacht in verschiedenen Clubs der Stadt soll helfen, zu verstehen. Die Menschen zu verstehen, junge Leute, die im Oberbayern 75 Euro für fünf Liter Schnaps in einer Kloschüssel bezahlen. Oder im feinen Zwirn in der Nachtresidenz Cocktails schlürfen. Oder darauf pfeifen und zuhause bleiben. Über das Internet kommt alles zu ihnen: Lieblingsmusik, Tinder-Date (eine App), Sushi, Wein, Milch für das Frühstück. Wozu in einen verschwitzten Club gehen?

Die 80er-Party im Stahlwerk an der Ronsdorfer Straße ist für gewöhnlich eine feste Größe. Doch auch hier muss das Rad stets neu erfunden werden, um Gäste zu gewinnen. FOTO: Endermann, Andreas (end)

Vom Oberbayern ins "Schickimicki", Neustraße. Ein krasserer Kontrast ist kaum möglich. Die Boxen spucken keinen Schlager aus, sondern leicht dröhnenden Rock. Daniel Vollmer lässt Junggesellenabschiede nicht rein. Es ist der verbliebene Raum für Düsseldorfer hier, findet der Chef. "Was wir machen, geht nur in so einem kleinen Laden." Türsteher hat das Schickimicki auch, aber eigentlich nur wegen der Junggesellenabschiede. Sonst kommt quasi jeder rein. Anders als im Oberbayern, wo wuchtige Männer über den Eingang wachen.

Draußen auf der Bolkerstraße schieben sich Menschenmassen willenlos an den Clubs entlang. Eine Gruppe junger Männer startet Fangesänge wie im Fußballstadion. Kein Problem, damit fällt hier keiner mehr auf. Doch wie passt das zusammen, diese Ballermannstimmung auf der Bolkerstraße und das Clubsterben? Attic, Kö 28, 3001, Foyer, Trinkhalle, Les Halles - alle geschlossen, gescheitert, aus und vorbei. Der Medienhafen ist bis auf das Rudas quasi ausgeblutet. "Angezählt" ist die Clubszene der Stadt, findet Stefan Prill, der das Stahlwerk leitet.

"Was bieten wir den Leuten an?", fragt er. Schwer sei das geworden. Die 80er-Party am Abend läuft nicht so gut, es gibt Probleme und Beschwerden. "Wir müssen das immer wieder alles neu erfinden", sagt Prill, der auf Qualität setzen will. Aber das Stahlwerk, mit der einzigen weiblichen Türsteherin des Abends, ist eher "Eventlocation" als "Partylocation". Das heißt: mehr Streetfood, mehr ausgefallene Musikrichtungen, weniger Nullachtfünfzehn. Das ganze Ausgehverhalten hat sich verändert, beobachtet Prill. Vorgeglüht wird zuhause, man muss schon angetrunken im Club ankommen. Leere Flaschen vor den Eingängen sind Beweise dieses Phänomens. Clubbetreiber wie Stefan Prill verdienen daran nichts.

Schnaps mit Strohhalm in der Kloschüssel: Ist das wirklich das Sinnbild der Partymeile Bolkerstraße? So voll wie hier im Oberbayern ist es allerdings fast nirgendwo. FOTO: Endermann, Andreas (end)

Die Nachtresidenz, der letzte Edelclub in Sichtweite der Kö, versucht es auch immer wieder mit besonderen Events. Am Eingang stehen gut frisierte Männer in gut sitzenden Anzügen. Sie blicken freundlich, aber bestimmt. Mit Turnschuhen kommt man eigentlich nicht rein, es sei denn es kleben goldene Steinchen darauf. Betriebsleiter Christian Classen führt seine Besucher trotz Turnschuhen herum und sagt: "Wir sind schon lockerer geworden an der Tür." Er zeigt auf einen Mann um die 30, der ein kleinkariertes Hemd und Jeans trägt. Am Abend sollte es eigentlich ein Dinner-Event geben, es ist ausgefallen, weil sich nur acht Leute dafür interessierten. Event ist nicht alles. Ein Top-Event muss es sein.

Ein Treffen mit Jochen Molck, Leiter des Zakk, und Reinhold Knopp, Stadtsoziologe. Die Suche nach dem Besonderen, Außergewöhnlichen, dem - schon wieder - Event, sei maßgeblich, sagt Molck. Niemand gehe einfach mehr so aus Gewohnheit irgendwo hin. Es bedarf des Events, also einer Attraktion, das Versprechen eines besonderen Erlebnisses, damit die Masse kommt.

Neue Spießigkeit?

An diesem Abend ist es fast in allen Clubs nicht besonders voll - mit Ausnahme des Oberbayern. Das ist gewiss eine Momentaufnahme, ein Augenblick, vielleicht Zufall. Es sagt nichts darüber aus, ob die Läden laufen oder nicht. Aber kann es nicht sein, dass eine neue Spießigkeit jüngere Erwachsene, Studenten an das Sofa fesselt oder in das schicke kleine Restaurant um die Ecke lotst? Darf man nicht, wenn die Woche anstrengend war, auch mal vor Mitternacht im Bett sein? Oder mal etwas Ruhiges machen, etwa "Schlag den Raab" gucken?

Soziologe Reinhold Knopp stimmt zu und widerspricht. Es gebe auf der einen Seite die Entwicklung, dass Jugendliche sich erwachsen verhalten wollen. Dann schenkt der 17-Jährige seiner Freundin zum dritten Jahrestag eine Nacht im Hotel. Aber es gibt auch die Erwachsenen, die sich jugendlich verhalten wollen. Im Club tanzen gehen, zum Beispiel.

Die Jugend hängt ab, cornert, wie es heißt, an Straßenecken vor dem Kiosk mit Billig-Bier, strömt aber auch in die Bolkerstraße. Standard ist langweilig. Erlebnis statt Ödnis. Eskalieren statt Ausgehen. Und: Kloschüssel statt Cocktailglas.

Weitere Informationen zum Düsseldorfer Nachtleben auf Tonight.de.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorfer Clubszene: Eskalieren statt Ausgehen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.