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Düsseldorfer Maghreb-Viertel
Unterwegs in Klein-Marokko

Düsseldorfer Maghreb-Viertel: Unterwegs in Klein-Marokko
Ahmet Ilmada genießt die mulitkulturelle Atmopsphäre in Oberbilk. FOTO: Christina Rentmeister
Die Marokkaner gehören zu einer der größten Zugezogenen-Gruppen in Düsseldorf. Doch das Marokko-Viertel in Düsseldorf-Oberbilk hat seit den Silvesterübergriffen einen schlechten Ruf. Dabei kann der Besucher dort auch die bunten Seiten Marokkos kennenlernen.  Von Christina Rentmeister

Es duftet nach frischer Minze und süßem Gebäck. Vor den Cafés im Düsseldorfer Stadtteil Oberbild stehen kleine Tische, an denen einige Männer Tee oder Kaffee trinken. Alles wie immer. Doch die Idylle trügt. Das Viertel hat das Image eines Kriminellen-Horts. Viele Anwohner ärgern sich über die Vorbehalte der Öffentlichkeit. Warum werden sie alle nach den Silvesterübergriffen unter Generalverdacht gestellt? 

Wer durch die Straßen in Oberbilk läuft, sieht Stände mit frischem Obst, Gemüse und Kräutern locken in die kleinen, zumeist marokkanischen Märkte. Kurz vor Mittag tummeln sich die Menschen in den kleinen Gewürzläden, Supermärkten und Bäckereien in Klein-Marokko – so wird das Viertel zwischen Eller- und Industriestraße gern genannt.

Fotos: 2016: Großrazzia im "Maghreb-Viertel" FOTO: Gerhard Berger

Oberbilk ist zum marokkanischen Zentrum geworden

Und tatsächlich  leben dort viele der 14.433 Düsseldorfer, die aus Marokko stammen. Oder sie verbringen dort zumindest ihre Freizeit. Denn Oberbilk ist über die Jahre zu einer Art marokkanischem Zentrum geworden. In den Märkten, Cafés und Restaurants treffen sich Marokkaner aus der ganzen Region. Der eine ist  aus Mönchengladbach gekommen, um auf der Lessingstraße heimische Lebensmittel einzukaufen. Ein anderer kommt aus Hilden, besucht Freunde und Familie in Oberbilk und nutzt das für einen Besuch im "Nador Markt". 

Nador, das ist für viele der Düsseldorfer Marokkaner vor allem eins  – alte Heimat. Denn 792 Düsseldorfer sind in der Stadt im Nordosten des Königreichs geboren. Die Großstadt gehört zur Region Oriental, die an Algerien grenzt. Nador als Stadt ist gar nicht mal so groß. Sie hat etwa 160.000 Einwohner. "Wenn wir Nador sagen, dann meinen wir damit eigentlich die vielen kleinen, alten Dörfer in der Provinz Nador. Unsere Heimatorte, die aber niemand kennt. Auf dem Land ist es sehr ruhig und idyllisch. Deshalb leben viele Marokkaner lieber dort und pendeln für die Arbeit nach Nador City", sagt Ahamed. Er sitz im Café Riff, direkt gegenüber des "Nador Marktes", und trinkt mit einigen Bekannten frischen Minztee. Seinen Familiennamen möchte der 49-Jährig nicht in der Zeitung lesen – so wie viele andere Anwohner in Klein-Marokko.

Bewohner fühlen sich stigmatisiert 

Die wenigsten in dem Viertel wollen überhaupt mit den Medien sprechen. Sie fühlen sich in den vergangenen Monaten zunehmend stigmatisiert. Denn zahlreiche Razzien gegen kriminelle Banden und nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und Düsseldorf, rumlungernde, neuzugewanderte jugendliche Nordafrikaner haben auch die alteingesessenen Marokkaner in Düsseldorf in Verruf gebracht. Einer hat sogar sein Café geschlossen. Nachdem es im Zusammenhang mit den Silvestertätern im Fernsehen gezeigt wurde, seien aus Angst keine Gäste mehr gekommen, erzählt ein Mann, der anonym bleiben möchte.

Dabei zeigt das Viertel an diesem Mittag ein ganz anderes Bild. Es ist ruhig auf den Straßen in Klein-Marokko. Gemütlich spazieren einige Frauen bei Sonnenschein von Geschäft zu Geschäft und erledigen ihre Einkäufe. Männer packen neue Waren für die Gemüse-Stände aus, immer wieder bleiben die Menschen stehen, um sich miteinander zu unterhalten. Mindestens ein freundliches Lächeln haben die meisten für die anderen Passanten übrig – auch für Fremde.

Weil die  orientalischen Geschäfte längst nicht nur marokkanische, algerische oder ägyptische Düsseldorfer anziehen, sondern auch asiatische oder deutsche werden die Gespräche mal auf deutsch, mal auf marokkanisch oder englisch geführt. "Viele von uns Marokkanern sind schon in den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Düsseldorf gekommen. Sie sprechen genauso gut Deutsch wie Marokkanisch", sagt Ahamed, der aus Aunual kommt. Ein Ort, der in der Nähe von Nador liegt. Er selbst lebt seit 36 Jahren in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.

Multikulturelle Atmosphäre 

"Ich bin als Jugendlicher hier hergekommen, habe erst die Schule zu Ende gemacht und dann angefangen zu arbeiten", sagt er. Sein Vater war bereits seit den 60er Jahren in Düsseldorf und hat für die Deutsche Bahn gearbeitet.  "Wie die meisten Gastarbeiter wollter er eigentlich nur zwei, drei Jahre bleiben. Doch dann sind wir hier geblieben", sagt er. Damals sei es leicht gewesen, sich in Düsseldorf einzuleben und auch heute genieße er es, dass Marokkaner, Asiaten, Osteuropäer und Deutsche gemeinsam in einem Viertel wohnen. "Trotzdem ist es schön, Leute aus der Heimat zu treffen. In Düsseldorf leben über die ganze Stadt verteilt Marokkaner ", sagt der 49-Jährige, der am Flughafen arbeitet.

Seit den  80er Jahren lebt er in Oberbilk. Er genieße die mulitkulturelle Atmopsphäre in dem Stadtteil. Wegziehen wollte er nie. "In Düsseldorf hat man alles: Natur, Sehenswürdigkeiten, Theater. Außerdem sind wir Marokkaner sehr familienverbunden und bleiben gerne da, wo die Familie lebt", sagt er. Vielleicht habe sich auch deshalb das marokkanische Viertel entwickelt.

In marokkanischen Cafés wie dem Riff genieße man ein Stück Heimat in Düsseldorf, sagt Ahameds Tischnachbar. "Heimat bleibt doch immer Heimat." Er weiß noch genau wann er nach Düsseldorf gekommen ist: "Am 31. Mai 1972. Vorher habe ich schon 14 Monate in Aachen gearbeitet", sagt Ahmed Ilmada. Ein Bruder von ihm habe damals schon in Düsseldorf gelebt. Ansonsten seien sie ganz alleine gewesen. Da habe es schon geholfen, dass es in Düsseldorf bereits andere Landsleute gab. Einige Freunde aus Nador seien für die Arbeit später ebenfalls nach Düsseldorf gezogen.

Als Straßenbauer war Ilmada jahrelang in ganz Deutschland unterwegs. "Ich war auf Montage in der DDR, in Hannover, Flensburg. So habe ich viel von Deutschland gesehen", sagt Ilmada, der seit 25 Jahren verheiratet ist. Seine Töchter sind in Deutschland zur Schule gegangen. Daher kam es gar nicht in Frage, zurück nach Marokko zu gehen. "Eine Tochter lebt heute in Frankfurt. Aber in Deutschland geblieben sind wir alle", sagt der Rentner. Deutschland sei genauso Heimat wie Marokko – das sagen an diesem Tag viele Anwohner in dem Viertel. Sie freuen sich, wenn die anderen Düsseldorfer in ihr Viertel kommen und ein Stück ihrer Kultur kennenlernen. "Die Menschen müssen selbst sehen, dass es hier nicht nur kriminell ist. Und unser Viertel zeigt mit all den kleinen Läden ein Stück unserer Heimat und der Vielfalt Marokkos", sagt ein Anwohner.

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