| 00.00 Uhr

Düsseldorf
Ein Godesberger Programm für Düsseldorf

Düsseldorf. Wolfgang Picken könnte der neue Stadtdechant von Düsseldorf werden. Ein Besuch in seiner jetzigen Gemeinde in Bad Godesberg. Von Torsten Thissen

Wenn Wolfgang Picken aus dem Fenster blickt, dann schaut er auf den Rhein. Er schaut auf den von Weinbergen umrahmten Steinbruch, aus dem große Teile des Kölner Doms stammen, und wenn da nicht eine mächtige Blutbuche im Garten stände, sähe er den Drachenfels. Er hat Königswinter im Blick und das Siebengebirge vor der Haustür. Es ist so schön hier, dass man sich nur schwerlich vorstellen kann, warum jemand das alles verlassen sollte. Und Picken selbst äußert sich natürlich auch nicht zu den Spekulationen um jene Personalie, die die Katholiken in Düsseldorf zurzeit bewegt.

Picken soll neuer Stadtdechant werden, es gibt einige durchaus gewichtige Stimmen in der Landeshauptstadt, die sich dagegen wenden, die gar einen Brief an den Erzbischof, den Herrn des Verfahrens, formuliert haben, in dem sie wohl darlegen, warum das keine gute Idee ist. Die Öffentlichkeit kennt den Brief nicht. Der Erzbischof hat sich mit Düsseldorfs Pfarrern beraten, nächste Woche stehen Beratungen mit dem Katholikenrat an, erst dann will sich der Kardinal entscheiden. Ob Picken gut für die katholische Kirche in Düsseldorf wäre, ist letztlich die Frage, um die es geht. Von daher lohnt es sich schon ein bisschen, durch Bad Godesberg zu streifen, denn wenn Picken für Godesberg gut ist, könnte er ja vielleicht auch in Düsseldorf...? Manche in Düsseldorf wollen den Gedanken nicht zuende denken.

Vielleicht sollten sie sich einmal mit Angela Kirsch unterhalten. Sie wohnt in einer herrlichen Gründerzeitvilla im Villenviertel von Bad Godesberg, und selten war der Name für einen Stadtteil wohl besser gewählt: Alleen, alter Baumbestand, Stuck und Jugendstil und Häuser so weiß wie das Gewand eines Messdieners am Sonntag. Frau Kirsch will natürlich auch nicht reden, und das hat eigentlich nur einen Grund: Weil es ja sein könnte, dass Godesberg seinen Pfarrer verliert, eben den Mann, "der hier alles verändert hat", sagt sie. Sie bittet dann doch hinein, entschuldigt sich für die Unordnung, doch schließlich haben die Kinder heute ihren letzten Schultag gefeiert. Man muss nun erklären, dass Familie Kirsch nicht reich ist, nicht "zu den oberen Zehntausend gehört", wie sie selbst sagt. Sie haben Glück gehabt mit der Wohnung und einen guten Vermieter. Es scheint im Zusammenhang mit Wolfgang Picken wichtig zu sein, auf diese Nebensächlichkeit hinzuweisen, denn die Gegner von Picken mosern ja daran herum: Dass der Pfarrer sich mit Prominenten umgebe, sich gerne in Gesellschaft besonders wohlhabender Menschen zeige. Frau Kirsch gehört zur gesunden, akademischen Mittelschicht, womit das dann auch geklärt wäre. Eigentlich braucht man ja auch nur einen Satz von Frau Kirsch und dann könnte man wieder gehen, denn diese eine Erkenntnis ist die entscheidende: "Er hat dafür gesorgt, dass die Kirchen wieder voll sind." Sie berichtet von den vielen Messdienern, von den Katecheten, von den Taufen und den Familien, bei denen es inzwischen dazu gehört, am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Sie erzählt von den vielen Jugendlichen, die wieder in den Gemeinden zuhause sind. "Sie werden es nicht glauben, aber hier ist es unter den Heranwachsenden cool, katholisch zu sein." Das habe Picken in den vergangenen zehn Jahren hier bewirkt.

Früher hat man das "Volkskirche" genannt, ein Wort, das vielleicht vertraut klingt, aber etwas Historisches, Entrücktes hat. Ein Wort wie Vollbeschäftigung. Frau Kirsch sagt, dass die Düsseldorfer "verrückt" sind, wenn sie Picken nicht wollen, wenn sie ihn hintertreiben. Man brauche sich ja nur einmal einen Gottesdienst ansehen, dann wisse man schon, warum. Nun muss man Frau Kirsch darüber aufklären, dass nicht alle Düsseldorfer verrückt sind, dass es ja vielleicht auch Argumente gibt, gegen Picken.

Doch den Vorwurf, ein Priester nur für Prominente zu sein, den lässt sie auch nicht stehen. "Er kann mit jedem - und bewegt alle", sagt Kirsch, und sicher, sie ist ein Fan, Mitglied im Kirchenvorstand, aber auch sie weiß, dass der Weg zu dieser Renaissance des Katholizismus in Bad Godesberg steinig war. Für Picken vor allem. Er wurde am Anfang angefeindet, auch innerhalb der Gemeinden.

Er musste neue Strukturen schaffen, zusammenlegen, anders denken eben. Manche in den Gemeinden von Bad Godesberg sahen damals in ihm den Streicher. Pickens Rolle kann man mit der eines Unternehmensberaters vergleichen, der eine Firma mit großer Tradition, aber ständigen Verlusten wieder flott machen wollte. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Belegschaft da skeptisch ist. Es war aber die Aufgabe des Erzbischofs für ihn, und Dechant Picken machte sich mit Eifer daran, ignorierte Anfeindungen, anonyme Schreiben, Drohungen. Wenige in der Stadt wollen noch darüber reden.

Das Schwierige in Bad Godesberg waren die Unterschiede zwischen den drei Gemeinden, Südviertel, Burgviertel und eben Rheinviertel, jenes in dem Picken Pfarrer ist. Ironischerweise war das wohl das Schwierigste von allem: Die Mehrheit der Menschen, die hier wohnt, sind Zugezogene, Akademiker, also gerade nicht die Leute, die den rheinischen Katholizismus mit der Muttermilch aufgesogen haben. Eine schwierige Klientel. Als er vor zehn Jahren hier antrat, soll einer seiner Mitbrüder gesagt haben, "da kannst du nur noch beerdigen". Heute bekommt man kaum einen Platz, wenn Picken am Sonntag predigt. In den anderen Vierteln war die Situation anders, und da kommt das Besondere an Godesberg zum Tragen. Neben den schönen und gepflegten Gründerzeitvierteln am Rhein gibt es auch soziale Brennpunkte, Menschen in Not. Je weiter man wegkommt von dieser romantischen Kulisse aus Wasser, Wein und Burgen, desto schwieriger wird es.

Die Bundesstraße 9 führt durch die Stadt. Und sie trennt zwei Welten voneinander. Auf der Rheinseite die Bürgerlichen, Akademiker, Beamten, auf der anderen Seite die Sozialhilfeempfänger, Arbeitslosen, Migranten, und dann sind da noch die Alteingesessenen, die schon ewig hier leben, im Vereinswesen verankert sind, konservativ und mit einer beachtlichen Wagenburgmentalität gesegnet. "Picken und seinen Leuten ist es gelungen, dass es so etwas wie Solidarität zwischen den Seiten gibt. Wirkliche christliche Solidarität", sagt einer aus der Politik der Stadt und staunt selbst über diesen Satz.

Die Katholiken von Bad Godesberg haben zum Beispiel innerhalb von drei Wochen ein komplettes Haus für Flüchtlinge bereitgestellt und ausgestattet. Es gibt "Soziallotsen", die Bedürftige an die Hand nehmen, ihnen nicht nur Telefonnummern geben, sondern mit ihnen zu den Ämtern gehen. Die Gemeinde hat Kindergartenplätze für die Flüchtlinge bereitgestellt, kümmert sich, damit die älteren Kinder in die Schule gehen.

Es gibt einen internen Bericht des Erzbistums von Weihbischof Ansgar Puff aus dem Dezember nach einer Visitation der Gemeinde. Puff schreibt: "Ich konnte die Freude des Glaubens bei vielen engagierten Gemeindemitgliedern beobachten, einen zahlenmäßigen Zuwachs an jungen Gemeindemitgliedern feststellen und eine hohe Akzeptanz und Wertschätzung der Kirche in der Bürgergesellschaft, bei Politik und Wirtschaft und bei der Kirche Fernstehenden wahrnehmen." Der Weihbischof ist in dem Bericht über alle Maßen beeindruckt. Aber was sagte Frau Kirsch noch einmal? Wichtig sind volle Kirchen.

Es ist Freitagabend, der letzte Schultag, 27 Grad zeigt das Thermometer und in St. Evergislus will Wolfgang Picken eine Messe feiern. Es gibt wohl kaum einen schlechteren Tag dafür, und doch: Vor der Kirche bekommt man keinen legalen Parkplatz mehr. Und innen ist zumindest das Mittelschiff der Kirche komplett gefüllt. Picken hat sechs Messdiener an seiner Seite. Seine eigentliche Stärke sei das Liturgische, hatten Gemeindemitglieder gesagt. "Er glaubt mit Leidenschaft an Jesus Christus, und das löst etwas aus bei den Menschen", sagt ein Mann nach der Messe. Ein Familienvater, mittelalt, Turnschuhträger, der nach der Messe in den Biergarten will, sagt so einen Satz. In Bad Godesberg ist das nichts Besonderes mehr.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Ein Godesberger Programm für Düsseldorf


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.