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Serie So Wohnt Düsseldorf
Ein Haus mit einer künstlerischen Botschaft

Serie So Wohnt Düsseldorf: Ein Haus mit einer künstlerischen Botschaft
Die beiden Webstühle von Gabriele Grosse haben Platz im Erdgeschoss, darüber liegt eine offene Galerie. FOTO: hans-jürgen Bauer
Düsseldorf. Ein Künstlerpaar arbeitet und wohnt im ältesten Haus von Oberkassel. Aus einer Ruine wurde ein Refugium mit zwei Ateliers und Ausstellungsfläche. Von Ute Rasch

Oberkassel im frühen 18. Jahrhundert: ein Dörfchen mit ein paar bescheidenen Bauernkaten an der heutigen Oberkasseler Straße, Kuhwegen und Wiesen im Schutz eines Deiches. Von dieser Zeit ist heute nichts mehr zu spüren - wenn da nicht dieses Fachwerkhaus wäre, an der Ecke Salierstraße. Es verbirgt sich hinter einer alten Ziegelmauer, die von Efeu umschlungen wird, darüber weisen Atelierfenster in die Moderne, und über dem Dach ragen Skulpturen aus Edelstahl himmelwärts. Ein Haus mit einer künstlerischen Botschaft und einer Jahreszahl an der Fassade: 1723. So viel Vergangenheit ist selten.

Diese Geschichte beginnt mit einem Abenteuer, das über 33 Jahre zurückliegt. Damals hatte das Künstlerpaar Gabriele Grosse und Karl-Ludwig Schmaltz gerade sein Herz an eine Ruine verloren. "Die Fassade war bloß noch bröseliges Fachwerk, viel hätte nicht gefehlt, und das Hausgerippe wäre zusammengestürzt", erinnert sich Schmaltz. Deshalb plante die Stadt den Abriss, aber dann keimte der Gedanke, ob nicht vielleicht jemand die morschen Mauern retten wollte. Das Künstlerpaar bewarb sich und bekam schließlich die Ruine geschenkt. Mit der Auflage, die alte Kate nach den Richtlinien des Denkmalschutzes wieder herzurichten und darin zu wohnen.

Bildhauer Schmaltz, der auch Architekt ist, plante selbst die Zukunft seines Hauses. Erhalten blieb das Fachwerk, von den Ziegeln befreit und vorsichtig abgestützt, schwankte es wie eine Theaterkulisse im Wind. Dann wurden die 4000 Ziegelsteine von Hand gesäubert und wieder verwendet. "Ein Zimmermann fand schließlich eine Jahreszahl geschnitzt in einen Dachbalken: 1723." Damit musste die Oberkasseler Geschichte neu geschrieben werden. Denn bis zu diesem Zeitpunkt glaubte man, dass das älteste erhaltene Bauwerk des Stadtteils das kleine Kapellchen "Am Heiligenhäuschen" von 1773 ist.

Der Oberkasseler Straße zeigt das Haus heute wieder seine bäuerliche Seite mit einem himmelblauen Scheunentor, das aber immer verschlossen bleibt. Das Innenleben wurde völlig neu gestaltet und verblüfft mit seinen großzügigen Proportionen. Wenn Gabriele Grosse, Malerin, Zeichnerin und international renommierte Tapisseriekünstlerin, von der Eingangshalle aus ihren Mann in seinem Bildhauer-Atelier rufen will, greift sie zu einem Schiffshorn - das erspart Wege und lautes Rufen. Schon in dieser Halle, dahinter in einem intimen Skulpturenhof und in allen anderen Räumen wird ein Satz der Hausherrin deutlich: "Wir leben mit und für die Kunst."

Tatsächlich sind ihre Werke überall - nicht nur in den beiden Ateliers des Paares. Er arbeitet im Souterrain mit Fenstern zum Garten, wo sich mehrere Teiche zu einem Biotop in Stufen fügen. Ihre beiden Webstühle haben Platz im Erdgeschoss und einer offenen Galerie darüber. Dort entsteht Poesie aus Woll- und Seidenfäden, inspiriert vom Meer und seinen Lebewesen. Über ihre Arbeit sagt Gabriele Grosse: "Das ist ein meditativer Akt."

Wohnen wird in diesem Haus in Oberkassel zur Nebensache, die übliche Aufteilung sucht man vergebens. Vor allem sind die Räume Ausstellungsfläche, irgendwo dazwischen hat ein Esstisch Platz. Die Küche, ein schmaler Schlauch, verbirgt sich hinter einer Ausstellungswand, versteckt ist auch ein Sofa, davor ein kleiner Fernseher, der neben der Flachbildschirm-Generation von heute fast wie ein Museumsstück wirkt.

Computer, Laptop? Kein Bedarf. Bei jedem Schritt im Haus wird deutlich: Hier sind sich zwei Menschen einig, dass die Kunst Mittelpunkt, Essenz und Würze ihres Lebens ist.

Der Eindruck setzt sich fort bis unters Dach, in das eine schmale Wendeltreppe führt. Unterm Spitzboden wird eine Matratze auf dem Boden sichtbar, bescheidene Schlafstatt. Alle Blicke aber zieht eine Skulpturen-Gruppe von Karl-Friedrich Schmaltz auf sich, die von der Decke schwebt: Unzählige kristalline Ur-Elemente fügen sich zu einem Kosmos aus Edelstahl - vom Luftzug bewegt, getaucht in ein geheimnisvolles Licht.

Schlafzimmer? Nein, das Wort passt hier im ältesten Haus Oberkassels wirklich nicht.

Quelle: RP
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