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Nach Schlägerei in Düsseldorf
Ein Helfer fühlt sich im Stich gelassen

Nach Schlägerei in Düsseldorf: Ein Helfer fühlt sich im Stich gelassen
Tobias Martin bewies Zivilcourage, versuchte einen aggressiven Mann zu beruhigen. Schließlich wurde der 19-Jährige selbst zum Opfer, vor allem aber fühlt er sich im Stich gelassen von der Justiz. FOTO: andreas Bretz
Als Tobias Martin eine Schlägerei schlichten wollte, wurde er selbst zum Opfer. Dass er verletzt wurde, damit kann der 19-Jährige umgehen. Dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren aber erstmal einstellte, traf den Studenten. Von Nicole Scharfetter, Düsseldorf

Eigentlich wollte Tobias Martin nur schlichten an jenem Abend im April vor fast zwei Jahren, als er plötzlich selbst attackiert wurde. Ein junger Mann ging auf einen anderen los, er war aggressiv, er brüllte. "Dann stand er neben mir", erinnert sich Martin, der versuchte, den Angreifer zu beruhigen. "Warst du das?", schrie der Täter auf einmal in Martins Richtung. Er wiederholte seine Frage. Mehrfach. "Dann schlug er mich, traf mich am Hinterkopf", sagt der 19-Jährige. Zweimal wurde Martin getroffen, er verlor das Gleichgewicht. Er flüchtete auf die andere Straßenseite der Königsallee. Dort bemerkte Martin, dass er eine Platzwunde am Kopf hat. "Und dann war schon die Polizei da."

Der Angreifer lief nicht weg, die Beamten nahmen die Personalien auf, auch die von Tobias Martin, dessen Verletzung in einem Krankenhaus behandelt werden musste. Sogar Zeugen hat es gegeben. "Der Fall war ganz klar", sagt Martin, der ein gutes halbes Jahr später Post von der Staatsanwaltschaft bekam. Das Verfahren sei eingestellt worden, "weil die Erhebung der öffentlichen Klage nicht im öffentlichen Interesse liegt", stand in dem Schreiben mit dem Hinweis, dass Martin die Möglichkeit hat, die von ihm angezeigte Straftat selbst im Wege der Privatklage zu verfolgen. Tobias Martin verstand die Welt nicht mehr, "das war wie ein Schlag ins Gesicht", sagt er. Warum solle er überhaupt noch Zivilcourage leisten, "wenn ich keine Unterstützung bekomme vom Staat?", fragt Martin. Hätten seine Eltern nicht das Geld für einen Rechtsanwalt gehabt, wäre der Täter davongekommen, beklagt der Medizinstudent.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ging davon aus, dass Martin an der Auseinandersetzung beteiligt war. "Dabei gab es Zeugen, die das widerlegt haben", sagt Martin verärgert. Sein Rechtsanwalt nahm Kontakt auf mit der Staatsanwaltschaft, er schrieb, dass Zeugen einer Straftat Hilfe leisten sollen und dem Täter und auch anderen gewaltbereiten Jugendlichen ein falsches Signal gesendet würde.

"Die Entscheidung war offenbar falsch", sagt Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück. Weil sich herausstellte, dass der Beteiligte unschuldig gewesen sei, "hat die zuständige Staatsanwältin ihre Entscheidung rückgängig gemacht und die Ermittlungen wieder aufgenommen", sagt Herrenbrück. Dass voreilig ein Verfahren eingestellt wird, könne passieren. "Gerade im Jugendbereich nehmen wir aber praktisch jede Schwarzfahrt an, um frühzeitig erzieherisch auf den Jugendlichen einwirken zu können", sagt der Oberstaatsanwalt. Deswegen gebe es die Möglichkeit des Einspruchs.

Die nutzte Tobias Martin, am Ende ließ er sich auf einen Täter-Opfer-Ausgleich ein. Ein paar Sozialstunden und eine Geldstrafe soll der Angreifer bekommen haben. Als Martin den Richter fragte, warum er eingreifen soll, wenn er keine Rückendeckung vom Staat hat, "hat er nichts geantwortet", sagt der 19-Jährige.

Dennoch würde der Student wieder einschreiten - obwohl Georg Schimmelpfennig von der Kriminalprävention der Düsseldorfer Polizei davon grundsätzlich abrät. "Man sollte sich nie selbst in Gefahr bringen", sagt er. Besser sei es, die 110 zu wählen, vielleicht ein Foto zu machen von der Situation - aber einen sicheren Abstand zu halten. "Es gibt Täter, die so viel Zorn angesammelt haben, die schlagen blind um sich", warnt der Experte. Wer nicht auf die Polizei warten kann, sollte niemals allein eingreifen: "Helfer müssen sich Mithelfer suchen, sie müssen Leute direkt ansprechen."

Quelle: RP
 
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