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Düsseldorf
Ein Mann für jedes Wetter

Düsseldorf: Ein Mann für jedes Wetter
Die Aufzeichnungen von Johannes Leder über das Februar-Wetter gehen zurück bis zum Winter 1917/18, dem Hungerwinter zum Ende des Ersten Weltkrieges. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Johannes Leder dokumentiert Schnee, Eis und Sturm. Der Februar hat es ihm besonders angetan, "weil er der wahre Wintermonat ist". Beobachtungen zwischen Himmel und Erde. Von Ute Rasch

Das Wetter hat Johannes Leder noch nie kalt gelassen. Deshalb beginnt sein Tag grundsätzlich mit einem Blick himmelwärts, denn die Wolken sagen ihm, woher der Wind weht, ob es Regen gibt. Und wenn es besonders stürmt oder gar schneit, also jedes Wetter jenseits des Düsseldorfer Einheits-Nieselgrau, dann macht er sich seit vielen Jahren Notizen in eine Kladde. Dabei weckt der Februar sein besonderes Interesse. Warum? "Weil er der wahre Wintermonat ist, in der Vergangenheit oft mit extremer Kälte, Eis und Schnee." So ein Wetter liebt Johannes Leder. Und deshalb hat er den grimmigen Februar dokumentiert - über die letzten hundert Jahre.

Überall Wetter: Auf dem Balkon steht ein Thermometer ("10 Grad, viel zu warm"), in der Diele hängt ein Contrabarometer, eine Sonderkonstruktion, die den Luftdruck misst, auf dem Esstisch liegen die gesammelten Quellen - Zeitungsausschnitte, die Korrespondenz mit dem Deutschen Wetterdienst, die Briefe vom Team der Wetterwarte in Freudenstadt (alles in Ordnern gesammelt), Fachzeitschriften über die Natur, seine eigenen handschriftlichen Notizen. Lauter Dokumente über eine flüchtige Erscheinung, an die sich die meisten Menschen am nächsten Tag kaum noch erinnern: das Wetter.

"Ich habe Freunde, die behaupten, noch nie weiße Weihnachten erlebt zu haben." Dabei war Düsseldorf doch Weihnachten 2010 ein Wintermärchen. Wie man so ein Ereignis vergessen kann, ist ihm rätselhaft.

Vor allem solche Extreme zwischen Himmel und Erde haben es Johannes Leder angetan. Und die hält er fest. Schreibt Berichte darüber. Für wen? "Für mich." Wie damals, im Februar 1963, als der Rhein in etlichen Abschnitten zum letzten Mal zugefroren war und die Düsseldorfer über die glatte Fläche auf die andere Seite spazierten. Johannes Leder ist damals auch nach Duisburg gefahren, um im Hafen die Eisschollen zu betrachten.

Der 73-Jährige war Lehrer für Naturwissenschaften und evangelische Religion an einer Düsseldorfer Realschule, da konnte er sein wissenschaftliches Interesse mit seinem Anspruch, "die Schöpfung zu bewahren", kombinieren. Und wenn einer seiner Kollegen am Wochenende einen Ausflug planen wollte, fragte er: "Johannes, wie wird denn das Wetter?" Leder hat sich selten geirrt, heute bedauert er, dass er inzwischen nicht mehr so oft gefragt wird, "denn jetzt haben ja alle eine Wetter-App".

Als am zweiten Adventssonntag Schneemassen Düsseldorf plötzlich verzauberten, da war die Freude des Wetterfroschs aus Unterbach gedämpft. Denn er wusste: "Daraus wird bald Regen." Er hatte beobachtet, dass der Nordwestwind, der Polarluft ins Rheinland pustete, bald zurückdrehte auf Südwest, "das bedeutete wärmere Luftmassen". Außerdem könne man es auch den Flocken ansehen, wenn es Regen gibt, "sie werden größer und ungleichmäßiger", spricht der Fachmann.

Seine Aufzeichnungen über das Februar-Wetter gehen zurück bis zum Winter 1917/18, dem Hungerwinter zum Ende des Ersten Weltkrieges, in dem die Düsseldorfer mit mageren Steckrübeneintöpfen überlebten. Der Februar 1929 ist in seine Statistiken eingegangen als kältester Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnung. "Am 7. Februar wurde auf dem zugefrorenen Rhein ein Volksfest gefeiert", weiß Johannes Leder. Glühwein on the rocks. So erbärmlich kalt war es im ganzen letzten Jahrhundert nur noch ein Mal, wenn auch nur in Teilen Deutschlands: Im Februar 1956, als in Görlitz 31 Grad minus gemessen wurden. "Und im Keller meines Elternhauses in Neukirchen-Vluyn gefror der Apfelsaft."

Wieso er dieses leidenschaftliche Interesse fürs Wetter entwickelte und speziell für den Februar, weiß Johannes Leder auch nicht so genau. Jedenfalls hat er schon als Junge an frostigen Tagen mit seinem Bruder Eisstückchen vom Dach gesammelt, "außerdem haben wir Eiszapfen gezüchtet." Und wenn er heute mit diesem Bruder telefoniert, reden sie vor allem übers Wetter. Und dann muss er schnell noch ein Foto zeigen, das ihn und seine Schwiegertochter Hannah im Februar 2012 beim Schlittschuhlaufen auf dem Unterbacher See zeigt. "Das war das letzte Mal, dass der See eine tragfähige Eisschicht hatte." Sein Fazit nach jahrzehntelanger Analyse: "Grundsätzlich ist das Wetter deutlich wechselhafter, weniger beständig als früher."

Und wie entwickelt sich der Februar 2018? "Ich glaube nicht, dass es lange kalt bleibt, vermutlich wird das Azorenhoch nach kurzer Zeit wieder nach Osten schwenken und die Zufuhr milder Meeresluft zulassen." Sicher sein könne man sich allerdings nicht, denn der Februar ist immer für eine Überraschung gut.

Quelle: RP
 
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