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Serie 60 Ist Die Neue Lebensmitte
Ein Pater, der gerne ringt

Serie 60 Ist Die Neue Lebensmitte: Ein Pater, der gerne ringt
Topfit und den Menschen zugewandt: Wolfgang Sieffert (59) wuchs in Vennhausen auf, als Dominikanerpater lebt er in der Altstadt. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Wolfgang Sieffert ist Dominikaner und Gefängnis-Seelsorger. In den Ring steigt der Düsseldorfer gerne - nicht nur beim Sport. Von Jörg Janssen

Das Denken sei ihm wichtiger als das Dogma, meint der Mann im weißen Gewand. Das nimmt man ihm sofort ab. Denn einfach etwas hinzunehmen, weil ein anderer es so bestimmt, das ist Pater Wolfgang Siefferts Sache nicht. Dafür steht der bodenständige Düsseldorfer zu sehr mitten im Leben. Zweimal wöchentlich knallt er beim TuS Gerresheim auf die Ringermatte, ein begeisterter Radfahrer ist er und ein erklärter Fan des politischen Kabaretts. Wer seine Hand drückt, mag kaum glauben, dass Sieffert im kommenden Monat seinen 60. Geburtstag feiert.

Undogmatisch zu sein, ist für den in der Altstadt wohnenden Ordensmann eine Haltung, ohne die er sein wichtigstes Engagement wohl nicht ausfüllen könnte. Denn seit mehr als 20 Jahren geht Pater Wolfgang in den Knast. Als Seelsorger, Ratgeber, Lebenshelfer. Bis vor fünf Jahren lag dieser Arbeitsplatz an der Ulmer Höh'. Seitdem pendelt Sieffert an die Ratinger Stadtgrenze. Kein Job wie jeder andere. Auf jeden Fall einer, der ihn auch nach zwei Jahrzehnten anfasst. So erzählt er von einem 45-jährigen Inhaftierten. Der hat am Tag zuvor seine zehn Jahre jüngere Lebensgefährtin verloren. "Eine alte Geschichte hat den Mann eingeholt, deshalb musste er für ein paar Monate in Haft. Das wiederum hat die Freundin nicht verkraftet, sie griff nach langer Abstinenz zu Drogen, zog sich eine Sepsis zu und starb", sagt Sieffert. Und wie tröstet ein Mann Gottes einen Verzweifelten, dem gerade der Boden unter den Füßen wegrutscht? "Sicher nicht damit, dass ich gleich von Trost und von Gott rede, genau das wäre völlig daneben", sagt er.

Dass stets der Mensch im Mittelpunkt steht, hat Sieffert früh gelernt. Als viertes von acht Kindern wuchs er in Oberbilk, ab dem dritten Lebensjahr dann in Vennhausen auf. Sein Vater war Kaufmann, die Mutter Hausfrau. Der Glaube kam nicht frömmelnd daher, er gehörte einfach dazu. Rheinisch-katholisches Milieu im besten Sinne war das, nichts Ungewöhnliches in den 1960er Jahren. Sieffert ging in die katholische Volksschule, bevor er aufs Gymnasium kam, war Gruppenleiter bei den Pfadfindern.

"Bodenständig war das und von Gottvertrauen getragen", erinnert sich das Mitglied der Düsseldorfer Jonges und Träger der Jan-Wellem-Plakette an seine Kindheit. 14 Jahre alt war er, als er stärker in die Alltagspflichten der Familie eingebunden wurde. "Sonntags deckte ich den Tisch weiß ein, stellte Blümchen und eine Kerze darauf. Außerdem gab es Wurst, Eier und gute Butter - statt der an Werktagen üblichen Marmelade und Margarine." Wie wichtig Gemeinschaft ist, musste man jemandem wie ihm später nicht erklären. Dass er sie am Ende aber in einem Orden statt in einer Familie erfahren würde, war alles andere als ausgemacht. Sieffert war ein paar Mal "verknallt". Einmal hätte auch mehr daraus werden können. "Die Frage stand im Raum: Willst du das wirklich?", erinnert er sich. Doch der junge Mann, der mit 26 Jahren das "ewige Gelübde" ablegte, blieb bei seiner Entscheidung.

Ganz anders war das bei seinem Pharmaziestudium. "Nach drei Semestern bin ich abgehauen, das Labor war nicht meine Welt", sagt der Priester. Stattdessen studierte der junge Ordensmann Theologie und Philosophie in Fribourg (Schweiz) und in Bonn. Prägende Jahre waren das. Mit Ordensbruder Christoph Schönborn, der später Erzbischof und Kardinal in Wien wurde, lebte er in einem Konvent. "Dort verstanden wir uns super, aber in der Uni haben wir uns nur gefetzt", erinnert sich der 59-Jährige, der damals "total auf Karl Rahner und andere Reformtheologen abfuhr".

Und so ist es nicht nur der Sport, sondern sein in diesen Jahren wurzelnder kritischer Geist, der ihn jung hält. Kann einer wie er sich vorstellen, bis 70 zu arbeiten? Für die Antwort lässt sich Sieffert viel Zeit. "Unter diesen Bedingungen glaube ich das nicht", sagt er und berichtet über Sportgruppen, PC-Kurse und Gesprächsabende, die ausfallen müssen, weil in der neuen Justizvollzugsanstalt Personal fehlt. Auch die Rockband ("die lag mir wirklich am Herzen") gibt es inzwischen nicht mehr. Seine Sorge: ein "Verwahrvollzug", der das Ziel der Resozialisierung aus dem Blick verliert. Dann greift der begnadete Organisator zum Hörer und macht das, was er am liebsten tut: sich kümmern. "Ich muss sicher stellen, dass der 45-Jährige an der Beerdigung seiner Lebensgefährtin teilnehmen kann", sagt Sieffert, dreht sich um und eilt auf seinen Sandalen davon.

Quelle: RP
 
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