| 06.55 Uhr

Serie "So wohnt Düsseldorf"
Ein Signal in Rot

Serie "So wohnt Düsseldorf": Ein Signal in Rot
Früher vermittelte die Siedlung ein einheitliches Bild, heute spiegeln die Fassaden die Vorlieben ihrer Bewohner. Das rote Haus der Laferis gewann sogar schon einen Preis. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Die Siedlung "Am Zollhaus" in Gerresheim wurde 1930 fertig. 101 Häuser in Reih' und Glied, nur ein Eckgebäude tanzt farblich aus der Reihe. Zu den Vorschriften der Stadt gehörte, dass jedes Gebäude im Garten Platz für einen Hühnerstall hatte. Von Ute Rasch

Es ist nicht zu übersehen, dieses Haus. Schon wegen der Fassade im markanten Rot. Eine Farbe wie ein Signal. Außerdem überragt dieses Gebäude seine Nachbarschaft um ein Stockwerk, ist breiter, hat einen größeren Garten. Und doch ist dieser rote Eckpfeiler Teil eines Ganzen: der Siedlung "Am Zollhaus" in Gerresheim. 101 Häuser mit gemeinsamer Vergangenheit.

Es war die Zeit der großen Wohnungsnot, als Architekt Heinrich de Fries 1929 ein Konzept entwickelte, nachdem er "die Wohnsitten dieser großen Armee von kleinen Leuten" studiert hatte. In nur einem Jahr Bauzeit hatte er seine Erkenntnisse in Stein zementiert. Eine Düsseldorfer Zeitung titelte: "Wohnungen in luftiger Höhe", als oberhalb der Torfbruchstraße die "Reichsheimstätten-Siedlung" bezugsfertig war. Häuser in Reih' und Glied, mit Flachdächern, grau verputzten Fassaden, Klinkerrahmen um die Fenster. Und schon bald sollten Hakenkreuzfahnen über den schmalen Haustüren flattern.

Andrea und Thorsten Laferi in ihrem neuen Wintergarten, der eigentlich ein Sommergarten ist und den sie erst im vergangenen Jahr angebaut haben. FOTO: Hans-Juergen Bauer

Bauherrin war die Düsseldorfer Bürohausgesellschaft, die bereits das Wilhelm-Marx-Haus als erstes Bürohochhaus Deutschlands realisiert hatte. "Die Stadt als Miteigentümerin", so der Historiker Peter Henkel, "machte klare Vorgaben." Danach lagen alle Wohnräume zum Garten, in dem Platz für einen Hühnerstall und eine Laube war, im Zentrum der Erdgeschosse war die Wohnküche, über die der Architekt sagte: "Sie ist weit weniger verabscheuungswürdig als nach den Programmen der Siedlungsapostel."

Jedes Haus hatte ein eigenes Bad, einen Wasch- und Trockenkeller. Henkel: "Mit einer Größe zwischen neun und 15 Quadratmeter waren die Räume großzügig geschnitten." 14 000 Reichsmark waren für ein Vier-Zimmer-Haus samt Grundstück fällig, abgezahlt wurde die Summe mit 54 Reichsmark im Monat. Damit war die wichtigste Forderung erfüllt: Die Kosten sollten die üblichen Mieten nicht übersteigen. Wie erfolgreich das Konzept war, beweist die Nachfrage: 360 Familien bewarben sich um die 101 Häuser.

In den 1930ern entstanden die Fotos der damals hochmodernen Siedlung. FOTO: Hans-Juergen Bauer

Nach heutigen Maßstäben wirken die Häuser klein und bescheiden. Das einheitliche Erscheinungsbild der Siedlung ist längst verschwunden, jede Fassade spiegelt nun die Vorlieben ihrer Bewohner. Heißt: Jeder macht, was er will. Veilchenblau neben Weiß, Klinker neben Efeuranken, mancher Anstrich wirkt frisch, andere hätten eine Auffrischung nötig. Und dann ist da dieses rote Haus, zu dem es auf der anderen Seite der Siedlung ein Pendant gibt. Von drei Seiten zeigt es Präsenz, nur an seiner Eingangsseite zieht es sich ein Stück zurück aus der Reihe der anderen, als würde es in Deckung gehen.

Unter der mächtigen Rotbuche im Garten erzählen Andrea und Thorsten Laferi, wie ihnen 1986 dieses Haus zugestoßen ist. "Über eine Anzeige in der Zeitung, wir hatten sie etwas spät entdeckt, vor uns waren viele zur Besichtigung da", erinnert sich Andrea Laferi. Kurz zuvor hatte sie ihr drittes Kind bekommen, die Familie brauchte mehr Platz - und das Haus hatte neun relativ kleine Räume auf drei Etagen. "Weil es so runtergekommen war, sind alle anderen Interessenten abgesprungen", ergänzt ihr Mann. Er hat Architektur studiert, konnte sich mit Kennerblick vorstellen, "was man daraus machen konnte."

Ein halbes Jahr haben sie umgebaut, Bad und Installationen stammten noch aus 1930. Im Erdgeschoss wurden fast alle Zwischenwände entfernt, statt kleinen Zimmern nun ein großer Raum mit offener Küche, in der alle Gerätschaften über der Anrichte baumeln - hier wird viel und gern gekocht. Im Winter heizt ein gusseiserner Kaminofen tüchtig ein. "Der war vor allen Möbeln da", meint der Hausherr. In den beiden oberen Etagen des dreistöckigen Hauses blieben die ursprünglichen Holzdielen und die alte Einteilung, so bekam jedes Kind ein eigenes Zimmer und die Eltern zwei Arbeitsräume. "Sie sind nicht groß, aber jeder hat sein eigenes Reich", so Thorsten Laferi. Voriges Jahr hat das Paar einen gläsernen Wintergarten angebaut, der eigentlich ein Sommergarten ist - "zu kalt im Winter."

Die rote Fassade gefällt beiden wie am ersten Tag. Und nicht nur ihnen: 2005 wurde ihr Haus im Wettbewerb "Farbige Stadt" ausgezeichnet. Offenbar fand auch die Jury: Mehr Farbe geht wirklich nicht.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie "So wohnt Düsseldorf": Ein Signal in Rot


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.