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Künstler Imi Knoebel
Ein Stern aus Düsseldorf für die Kinder der Welt

Hier prangt Imi Knoebels Kinderstern
Hier prangt Imi Knoebels Kinderstern FOTO: Wolfgang Günzel
Düsseldorf. Imi Knoebels Kinderstern gibt es bereits mehr als 24.000 Mal. Er hilft mit Geld und tritt für Rechte und Würde der Kinder ein. Von Uwe-Jens Ruhnau

Willkommen sollten Kinder immer geheißen werden, findet Carmen Knoebel. Aber das werden sie oft nicht, ihnen wird in dieser Welt an vielen Orten das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die Freiheit oder das Recht auf Bildung genommen. Der tote Flüchtlingsjunge Aylan am Strand, ertrunken vor der türkischen Küste, ist dieses Jahr zum Symbol für das Leid der Kinder geworden. Eine schreiende Ungerechtigkeit ist dies, und Carmen Knoebel fällt es nach 26 Jahren Kampf für Kinderrechte zuweilen schwer, den Optimismus aufrechtzuerhalten, den sie doch so sehr braucht. "Man könnte manchmal mutlos werden, wenn man das Weltgeschehen betrachtet", sagt sie, "vielleicht ist es die klare Sicht, die man im Alter gewinnt". Der Künstler Johannes Stüttgen, der mit ihr von Anbeginn für die gleiche Sache eintritt, hält dann dagegen. "Nein, wir geben nicht auf." Und schon beginnt eine lebendige Unterhaltung.

Carmen Knoebel ist Vorsitzende des Vereins Kinderstern, das gleichnamige Kunstwerk ihres Mannes Imi leuchtet seit 1988 für die Würde und Rechte der Kinder. Der erste Stern war eine Siebdruckarbeit in Rot, geschaffen für eine Künstlermappe, deren Verkauf dabei half, Elternwohnungen in der Nähe von Uni-Kliniken zu finanzieren. "Mein Mann fragte dann: Was können wir noch damit machen? Das kann es doch nicht gewesen sein", erinnert sich Carmen Knoebel. Im Jahr darauf baute er zwölf Kindersterne aus Holz, bemalt in rotem Acryl. Sie verwandelten sich durch zahlungskräftige Kunstfreunde in eine Spende: 120.000 D-Mark gingen an Petra Kelly für die von ihr gegründete Grace-P.-Kelly-Stiftung zugunsten krebskranker Kinder. Noch im gleichen Jahr wurde der gemeinnützige Verein Kinderstern gegründet, Imi Knoebel verpflichtete sich zur Produktion der Sterne. Eine einzigartige Karriere begann, beflügelt vom Hinweis Petra Kellys, zu helfen und gleichzeitig die Politik in die Pflicht zu nehmen. "Geben Sie Geld und fordern dafür weitere Unterstützung ein."

In vielen Ländern hängt heute der unregelmäßig gezackte Himmelskörper an Wänden, ist Anstecknadel oder Brosche. Galerien und Museen sind in den Vertrieb eingestiegen. Eine Hildener Spedition fährt einen Stern auf dem Lkw durch die Republik. In den USA wollte eine Firmenerbin die Aktion unterstützen und ließ den roten Stern auf den Türen ihres Privatjets anbringen. Im Gegenzug überwies sie eine sechsstellige Dollarsumme. Vor der Zentrale einer Firma in München strahlen Kindersterne in 26 Meter Höhe auf vier Stelen. Immer wieder gaben Prominente dem Vorhaben Rückenwind. Die Firma des ehemaligen Bahnchefs Heinz Dürr spendete 200.000 Euro. Die Toten Hosen ermöglichten die Produktion orangefarbener Broschen und animierten zu weiteren Spenden. "Spenden macht glücklich" schrieben sie auf Postkarten, "Zahlen und fröhlich sein" oder "Spender sind bessere Liebhaber". Die Beziehung zu Campino reicht in die siebziger Jahre zurück, als Carmen Knoebel Wirtin des Ratinger Hofs war. Dort trafen sich Künstler und Punks, und Campino bekam auch mal 20 Mark fürs Taxi nach Hause. Die Freundschaft dauert an.

Die Idee selbst ist einzigartig und so simpel wie erfolgreich. "Der Kinderstern steht für die Rechte der Kinder", heißt es im Manifest des Vereins, "der Erlös geht direkt an Not leidende Kinder." Wer zum Eigentümer eines kleinen oder großen "Imi" wird, dem gehört ein Kunstwerk, es werden auch Spendenquittungen ausgestellt. Bislang sind mindestens 24.000 Sterne aus Düsseldorf in alle Welt verschickt worden, in der Spenderliste stehen Namen aus Japan, Belgien, USA, Lichtenstein, Luxemburg, Österreich, Schweiz, Slowenien, Holland, England, Italien und Deutschland.

Wer wird unterstützt? Die Organisatoren der bedachten Projekte kenne man gut, sagt Carmen Knoebel, man lasse sich nur ein auf Menschen, "die sich glaubhaft dem verschrieben haben, für das sie einstehen". Der Verein hat mehr als 20 Projekte in der Ukraine, Brasilien, Thailand, Bolivien, Senegal, Vietnam, Sri Lanka, Afghanistan und Deutschland in der Förderbilanz. Es geht um die Betreuung von Waisen, ob durch Krieg oder Aids, Straßenkinder oder allgemein um den Schutz von Kindern, Therapie- oder Förderangebote. Eine der größten Hilfen hat mit dem Vietnam-Krieg zu tun. In dem Land hat der Düsseldorfer Verein bislang mehr als 1000 Herzoperationen finanziert. Kinder, die von den amerikanischen Streitkräften schon im Mutterleib mit dem Gift Agent Orange geschädigt wurden, leben mit Verstümmelungen und einer genetischen Zeitbombe, die irgendwann ihre lebensbedrohliche Wirkung entfaltet. Das Herz der Opfer ist massiv geschädigt, nur die Operation rettet das Leben. "Die Amerikaner fangen jetzt erst an, sich zu engagieren", sagt Knoebel.

Der Verein unterstützt aktuell zwei Vorhaben in Düsseldorf. Denn auch in unserer Stadt leiden Kinder, beispielsweise unter Armut. So leben 17.000 bis 15-Jährige in Hartz IV-Haushalten. Das Sozialdezernat der Stadtverwaltung spricht aktuell von 14.950 Kindern, die Leistungen nach dem Gesetz für Bildung und Teilhabe erhalten, also den Besuch im Sportverein oder die Hausaufgabenhilfe durch öffentliche Unterstützung ermöglicht bekommen. Der Verein hat das Projekt "Leben lernen" in Rath gestartet, von dem Flüchtlingskinder profitieren. Es werden Ausflüge organisiert und Hausaufgabenhilfen, es geht unter anderem um die Verbesserung der Sprachfertigkeiten. Das gilt auch für ein ähnliches Vorhaben in Hassels, zu dem die Organisation Outback dem Kinderstern das Dach gibt. Das Beste: Nicht nur Flüchtlingskinder werden betreut, auch für Kinder aus der Nachbarschaft ist man offen. Derzeit werden Ehrenamtliche geschult, die sich engagieren wollen, und über allem steht die respektvolle Haltung gegenüber den Kindern. "Für Kinder ist es eine Kränkung, nicht gesehen zu werden", sagt Eva-Maria Gößling und beruft sich auf den dänischen Familien- und Kindertherapeuten Jesper Juul. "Wir möchten erreichen, dass Kinder fühlen, dass sie gesehen und gemeint sind."

Mit Eva-Maria Gößling ist das Trio komplett, das den Verein antreibt. Sie arbeitet in Projekten mit und organisiert die Öffentlichkeitsarbeit. Carmen Knoebel ist die Vereinsvorsitzende, und dies auf eine ungewöhnliche Weise. Sie spielt ihre Stärken als "Kontakterin und Kupplerin" aus, ihr Mann ist kein Vereinsmitglied und hält sich im Hintergrund - er gibt auch keine Interviews. Während andere Vereinspräsidenten vieles tun würden, um für Mitgliederzuwachs zu sorgen, ist Knoebel froh, dass es nur zwölf oder dreizehn Mitglieder gibt. "Wollen Sie etwa eine Versammlung mit 100 Menschen leiten, die nicht einer Meinung sind?", fragt sie rhetorisch. Sie muss auch einige Zeit darüber nachdenken, wie viel Geld bislang durch die Welttournee des Kindersterns zusammengekommen ist. Ungefähr drei Millionen Euro, lautet dann die Antwort. "Das ist ja nicht das Wichtigste." Sich auf kleine Projekte zu konzentrieren, ist wichtiger, effektiv zu sein, sich für die Anliegen der Kinder einzusetzen. Sie selbst sieht sich im Glück - "ich darf ein privilegiertes Dasein führen".

Johannes Stüttgen ist der Mann für das Grundsätzliche. Der Beuys-Schüler hat das Konzept mit erdacht. Er steckt den Horizont ab, an dem der Kinderstern zu sehen ist, und wenn Stüttgen spricht, weht auch der Wind aus den Hörsälen der sechziger und siebziger Jahre durch den Raum. Wie Imi Knoebel sieht er sich der Idee der Kunst als sozialer Plastik verpflichtet. "Der Kinderstern darf nicht nur Reparaturmaßnahme sein", sagt Stüttgen, "er ist aus der Kunst entstanden. Dahinter steckt die Idee, dass Kunst einen Gestaltungsauftrag hat und das System durch Menschlichkeit ablösen kann." Der Kinderstern und die Weihnachtsidee sind in seinen Augen eng miteinander verwandt, und wenn Stüttgen wortreich sein Kunst- und Lebensverständnis ausbreitet, hört man heraus, dass er in Joseph Ratzinger seinen zweiten großen Lehrer hat. "Im Weihnachtsfest steckt ja auch die Idee des Neubeginns durch Kinder. Sie sind neue Energie." Kinder machten keine Kompromisse, sagt er und denkt weiter: "Der Kinderstern kann Flüchtlinge verhindern, denn er ist ein Mahner und fragt uns, welchen Anteil wir an all dem Elend in der Welt haben. Er stellt uns die Sinnfrage."

Ein schönes Gedankengebäude ist da gewachsen, am Fundament hat die Freiheitsgesellschaft von Kunstakademie und Ratinger Hof, in dessen Chaos jeder willkommen war, gearbeitet. Aus dem fröhlichen und schöpferischen Egoismus wurde ein Haus, in dem sich zu Freiheit und Erfolg die Verantwortung gesellte. Der Kinderstern ist wohl einer der besten Düsseldorf-Exporte, und man wünschte sich, er wäre in der Stadt bekannter. Wer ihn ansehen möchte, hat in der Patisserie "Pure Freude" an der Hohe Straße noch bis Mitte Januar Gelegenheit dazu. Sie gehört Knoebels Tochter Olga und ist benannt nach dem Plattenlabel der Mutter aus den Siebzigern. Vielleicht sieht man den dort ausgestellten Sternen ja an, dass sie aussehen wie von Kinderhand gemacht und einen tiefen Sinn bergen, wie ihn das Manifest umschreibt:

"Ein Kunstwerk ist immer Bild und Beweger in einem, es holt etwas Zukünftiges, noch nicht Erfülltes, in die Gegenwart. Darin ist es den Kindern gleich. Der Kinderstern ist der besondere Ausdruck dieser Entsprechung. Wissen wir überhaupt schon, wie tief ein Stern solcher Art in uns hineinscheint? Er führt uns an unseren eigenen Grund: auf dieser Erde zu sein, allein mit dem Recht eines Kindes."

Quelle: RP
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