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Selbstversuch
Eine Blinde erkundet Düsseldorf

So erkundet eine Blinde Düsseldorf
So erkundet eine Blinde Düsseldorf FOTO: Bretz, Andreas (abr)
Düsseldorf. Unsere Autorin ist 17 Jahre alt und seit ihrer Geburt blind. Sie bewegte sich für unsere Redaktion einen Tag durch Düsseldorf, fuhr Bahn, kaufte ein, ging essen. Dabei machte sie (fast) immer gute Erfahrungen. Von Carina Tillmann und Andreas Bretz (Fotos)

Selbstbewusst nennt sich Düsseldorf die "schönste Stadt" am Rhein. Aber wie erlebt man sie, wenn man blind ist? Das habe ich ausprobiert. Ich bin 17 Jahre alt und seit meiner Geburt blind. Bei der Rheinischen Post habe ich nun mein Schülerpraktikum absolviert und dabei Düsseldorf erkundet.

Verkehr Am Hauptbahnhof kommt man als Blinder gut zurecht: Er verfügt über ein Blindenleitsystem, das man mit dem Blindenstock gut ertasten kann. Außerdem sind die Ansagen an den Haltestellen gut verständlich - keine Selbstverständlichkeit im Nahverkehr. Leider konnte ich jedoch an den Treppengeländern keine Informationen in Blindenschrift vorfinden, die mir die Orientierung erleichtert hätten.

Zudem verfügt die Straßenbahnhaltestelle der Rheinbahn über keine Infoknöpfe. Normalerweise sind sie dazu da, mir vorzulesen, in welche Richtung die nächste Straßenbahn fährt. An anderen Stationen in der Stadt gibt es sie, aber nicht am Hauptbahnhof, Düsseldorfs größtem Verkehrsknotenpunkt, an dem jeden Tag wahrscheinlich Dutzende Blinde ankommen. Das finde ich wirklich schade. An dem Hauptbahnhof einer Großstadt wie Düsseldorf hätte ich das anders erwartet. Und auch die Haltestellen Heinrich-Heine-Allee und Jan-Wellem-Platz bieten keinerlei Hilfen für Blinde. Die Bahnübergänge in der Innenstadt sind dagegen mit speziellen geriffelten und genoppten Bodenplatten ausgestattet, so dass ich sie gefahrlos überqueren kann. Das ist sehr wichtig für mich: Denn ich höre eine Bahn erst kurz bevor sie an mir vorbeifährt. In der Straßenbahn selbst wurde mir bei meinem Test sofort ein Sitzplatz angeboten - und es ist für mich einfach angenehmer und sicherer, sitzend Bahn zu fahren.

So sieht die Welt mit einer Augenerkrankung aus FOTO: absv/Friese

Zu Fuß folgte ich später dem Leitsystem auf der Flinger Straße, das von den Passanten ebenfalls netterweise freigehalten wurde. Bei vielen Straßenüberquerungen stellte ich zudem erfreut fest, dass sie Blindenampeln haben, die allerdings leider manchmal etwas zu leise eingestellt sind, so dass ich mehr Zeit benötigte, um mich zurechtzufinden.

Einkaufen und Gastronomie Testweise durch die Innenstadt zu laufen macht hungrig, und in der Gastronomie brauchen wir Blinden auch oft Hilfe: Mit meinem Stock in der einen Hand fällt es mir im Fast-Food-Restaurant zum Beispiel sehr schwer, ein volles Tablett sicher und unfallfrei zum Tisch zu tragen, zumal ich ja nicht einmal weiß, wo ein Platz frei ist. Ich fragte deshalb in einem solchen Fast-Food-Restaurant nach, ob mir das Personal behilflich sein könnte - und bekam auch gleich Unterstützung.

Wieder anders ist es dagegen für mich, richtig shoppen zu gehen. Wenn ich mir etwas kaufen möchte, brauche ich eine intensive Beratung, schließlich sehe ich die Ware nicht. Ich machte deshalb den Test in einem Schmuckgeschäft und fragte nach einer neuen Kette. Der Laden war sehr eng, es wäre unmöglich gewesen, mich alleine mit meinem Stock darin zu bewegen. Doch auch dort erwies sich das Personal wieder als hilfsbereit und freundlich: Eine Verkäuferin zeigte mir ganz viele verschiedene Ketten. Leider war aber keine dabei, die meinen Vorstellungen entsprach. Trotzdem finde ich es toll, dass die Dame mir so freundlich geholfen hat.

Düsseldorf "begreifen" Genug gegessen, eingekauft und rumgelaufen: Ich möchte auch gerne wissen, was das für eine Stadt ist, in der ich mich bewege, möchte Düsseldorfs Wahrzeichen kennenlernen. Und das ist tatsächlich gar nicht so einfach: Denn es gibt in Düsseldorf lediglich zwei Modelle der Stadt für Blinde. Eines befindet sich in der Altstadt vor dem Rathaus, das andere an der Steinstraße. Beide Modelle zeigen wichtige Gebäude und Sehenswürdigkeiten. Auf dem Modell an der Kö werden sogar Infos wie U-Bahn-Haltestellen, behindertengerechte Toiletten und Taxistände berücksichtigt. Die Tafeln sind mit Texten in Blindenschrift versehen. Die Schriften und Gebäude konnte ich gut ertasten und lesen.

Das war es dann aber auch schon mit den allgemeinen Infos zur Stadt: So gibt es zwar auch eine Broschüre zum Thema "Barrierefreies Düsseldorf", dort ist allerdings lediglich der Titel in Blindenschrift geschrieben, den Rest müsste ich mir vorlesen lassen. Einen Stadtplan für mich habe ich auch nicht gefunden. Und auch im Rathaus konnte ich keine Leitlinien entdecken - dabei ist das doch ein öffentliches Gebäude.

Fazit Abschließend kann ich sagen, dass Düsseldorf relativ blindenfreundlich ist, denn es gibt schon einige Angebote für Menschen wie mich, und an vielen Stellen auf der Straße kann man sich gut zurechtfinden. Aber da ist definitiv noch Luft nach oben! Es wäre zum Beispiel besser, wenn es noch mehr Leitsysteme gäbe, denn sie erleichtern mir die Orientierung. Außerdem fände ich es schön, wenn es in Restaurants mehr Speisekarten in Blindenschrift gäbe. Das macht einen Besuch wirklich leichter. Zudem sollten die Stadt und auch die Rheinbahn einmal darüber nachdenken, ob es andere Möglichkeiten für die Knöpfe und Tasten an Haltestellen und Co. gibt: Denn wenn es sie mal gibt, dann oft mit Touch-screen, und da komme ich nicht gut mit zurecht. Ich würde mir noch mehr Modelle der Stadt wünschen, weil diese uns Blinden ein gutes Bild der Stadt liefern und wir sie im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen" können. Unglaublich gefreut hat es mich, dass mir die Menschen so hilfsbereit und ohne zu zögern entgegengekommen sind.

Quelle: RP
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