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Michael Becker
Eine digitale Orgel zählt seit Jahren zum Inventar der Tonhalle

Düsseldorf. Um die Orgel der Tonhalle wird gestritten. Oskar G. Blarr findet sie "hässlich", Leser dieser Zeitung fordern gar ihren Abbau. Brauchen wir eine neue? Wir baten Intendant Michael Becker um seine Meinung. Von Wolfram Goertz

Wann haben Sie die Orgel der Tonhalle zum letzten Mal gehört?

becker Beim Weihnachtssingen vor drei Jahren - mit ordentlichen Ausfällen: Es fehlten für den alten Spieltisch schon damals die elektronischen Ersatzteile. Sie müssen für viel Geld handgefertigt werden.

Jetzt erleben wir an manchen Abende ein elektronisches Hilfsinstrument.

becker Es muss ja kein Instrument besorgt werden: Wir haben uns vor drei Jahren für eine fest installierte digitale Orgel entschieden, die alte Pfeifenorgel bleibt aber optisch erhalten. Die neue ist State of the Art: ein Instrument der Marke "Hauptwerk". Es wird von vielen Musikern geschätzt und nicht als Fremdkörper wahrgenommen. Das Besondere ist, dass die Klänge nicht synthetisch erzeugt werden, sondern von großartigen Orgeln darin gesampelt - also original aufgenommen - sind. Wir haben in der Tonhalle jetzt eine Cavaillé-Coll-, eine Arp-Schnitger- und eine englische Konzertorgel. Es ist also überhaupt keine E-Orgel im Sinne einer Farfisa oder Bontempi.

Oskar Gottlieb Blarr hat den derzeitigen Zustand als unhaltbar getadelt. Wie stehen Sie zu seiner Attacke?Q

becker Ich verstehe seinen Widerwillen. Er ist Organist. Aber er ist an einer Kirchenorgel groß geworden und hat die Europaorgel in Oberkassel realisiert, die regelmäßig erklingt - fast immer als Soloinstrument, die regelmäßig Gottesdienste spielt, an der gute Organisten sich die Taste in die Hand drücken. Unsere alte mechanische Orgel ist zu klein. Sie steht in keinem sinnvollen Verhältnis zum symphonischen Repertoire, in dem eine Orgel benötigt wird.

Bedauern Sie es, dass Düsseldorf im Reigen der NRW-Philharmonien in diesem Punkt fast abschmiert?

becker Tut es das? Warum gibt es außer in Essen, wo der damalige Intendant gelernter Organist war, kaum Orgelabende? In Köln ist die Orgel zwar groß, aber nicht gut; in Dortmund wird sie viermal im Jahr solo gespielt. Und der Star unter den internationalen Organisten, Cameron Carpenter, reist dann trotzdem mit seinem eigenen Instrument - genau einer solchen Digitalorgel! Die wird er kommende Saison auch in Düsseldorf spielen.

Hätten andererseits Orgelkonzerte in der Tonhalle überhaupt Sinn?

becker Mein Vater und mein Schwiegervater sind Organisten. Ich war mehrere Jahre Intendant eines Orgelfestivals. Ich liebe dieses Instrument. Aber es gibt Parameter, derer eine Orgel bedarf, um wirklich Orgel sein zu können - etwa einen spannenden architektonischen Zusammenhang. Der ist in der Tonhalle gegeben. Eine klangliche Persönlichkeit, die auf den Saal zugeschnitten ist. Die hatte unsere alte Orgel nie. Und eine "selbsttragende" Akustik, die aber den Ansprüchen an ein internationales Konzerthaus zuwider läuft, weil der Nachhall länger sein müsste. In Sichtweite der Tonhalle, in St. Antonius (Oberkassel), wird gerade ein großes neues Instrument gebaut. Da gehört es auch hin. In der Tonhalle müssen wir aber flexibel sein: Stimmtonhöhe, Klangcharakteristik und Stil würden uns bei einem neuen mechanischen Instrument so festzurren, dass wir uns sehr schnell fragen würden, was wir mit dieser Orgel anfangen sollen.

Quelle: RP
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