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Verkehrsunfälle
Eine ganz alltägliche Tragödie

Fotos: Die Gedenkstätte an der Grafenberger Allee
Fotos: Die Gedenkstätte an der Grafenberger Allee FOTO: Bretz, Andreas
Düsseldorf. Alle 18 Stunden stirbt in NRW ein Mensch im Straßenverkehr. Marc ist Teil dieser traurigen Statistik. Er ist der dritte tödlich in Düsseldorf verunglückte Motorradfahrer in diesem Jahr. Eine Annäherung an das Danach. Von Tobias Jochheim

Lebensfreude kostet bloß 2,95 Euro. Das will einem zumindest die Drogerie an der Grafenberger Allee 368 weismachen, die unter diesem Namen eine Pflegedusche anbietet, wie in jeder anderen Filiale auch. Standard. Alltag. Auf dem Bürgersteig davor wächst etwas umso Ungewöhnlicheres heran: eine Art Skulptur mit magischer Anziehungskraft, die daran erinnert, dass echte Lebensfreude kostbar ist – und fragil.

Das bunte Ensemble vor einem Betonblumenkübel bezeugt, dass die von Dutzenden am 9. September einen schweren Schlag erlitten hat, und mahnt jeden Passanten, die ihrige wertzuschätzen. Als Unbeteiligte kommen die meisten darauf zu, aber die wenigsten verlassen es so. Fast jeder bleibt stehen, beugt sich hinunter, bekommt weite Augen und einen weichen Blick, schüttelt den Kopf, versteht alles und doch nichts, hat so viele Fragen und ahnt, dass die Antworten nichts ändern würden.

Dabei ist das meiste ja längst weg, Öl, Reifenspuren und zersplittertes Plastik, der einsame rote Turnschuh auf dem Asphalt und die schwarze Gürteltasche. Auch das Blut hat jemand weggespült. Der Umriss eines Menschen allerdings, mit Sprühkreide auf den Parkstreifen und die Bordsteinkante gemalt, will und will nicht verblassen. Die Eltern, die ihre Kinder an der Hand halten auf dem Weg zur Grundschule nebenan, geraten in Erklärungsnöte.

Und das werden sie auch weiterhin, denn auch lange nachdem die allerletzten Spuren des Unfalls entfernt sind, sollen die Spuren desjenigen zu sehen sein, die das Unfallopfer im Leben seiner Freunde und Familie hinterlassen hat, der elfte Verkehrstote in Düsseldorf 2015, der Inhalt der Pressemitteilung Nummer 3118449 der Düsseldorfer Polizei und einer 15-Zeilen-Meldung in der Zeitung.

Ein Meer aus Grablichtern

Sie haben ihm ein Denkmal gebaut aus Blumen und Fotos, Kerzen und Erinnerungen. Es wandelt sich ständig. Der Riesenteddy vom Tag nach dem Unfall ist weg. Die Flaschen mit seinen Lieblingsgetränken standen nur ein paar Stunden, bis sie jemand klaute und austrank, dem jeder Anstand abgeht. Das Meer aus dutzenden Grablichtern wird größer, dann kleiner, wenn jemand die ausgebrannten aussortiert, bald wieder größer, Ebbe und Flut.
 
Die große Leinwand in der Mitte ist mit Graffiti besprüht, "R.I.P." steht darauf und das Datum, an dem sich alles änderte, hastig wurde die Farbe aufgetragen, vielleicht weil Schmerz, Ohnmacht und Erinnerung sofort einen äußeren Ausdruck finden sollten, vielleicht auch nur für den Fall, dass die Toten tatsächlich erst in Frieden ruhen, wenn die Hinterbliebenen öffentlich darum gebeten haben. Zwischen den großen blauen Buchstaben aus der Sprühdose viele kleine, mit schwarzem Edding. Die mit Herzchen verzierten Abschiedsgrüße sind teils klassisch-feierlich ("Du wirst immer in unseren Herzen sein"), teils Ausdrücke von Motorradromantik, teils tief persönliche Worte voll roher Emotion an den "Bruder", den "Bro", das "Äffchen".  

"Du Spasti fehlst mir jetzt schon" schreibt Uli*, die kumpelige Schmähung ein Ausdruck höchster Wertschätzung, ihn zu benutzen auch die wütende Weigerung, sich vom Tod zu allem Überfluss auch dazu zwingen zu lassen, die einander verbindende Sprache aufzugeben zugunsten salbungsvoller Floskeln. Vielleicht auch eine Herausforderung an Marc X.*, wiederzukommen und einen Spruch zurückzufeuern, sodass alle zusammen lachen können über ein so furcht- wie wunderbares Missverständnis, das aber eben leider keines ist. In der Mitte der Gedenkstätte liegen ein Puck und ein Eishockeyschläger mit der Inschrift "Ruhe in Frieden, Champ!", danach wandert der Blick auf ein fettes Ausrufezeichen unten links und die Worte davor: "Du warst der BESTE!" in großer, krakeliger Kinderschrift.

Jeder Tod ist traurig, aber bei diesem wird es besonders sicht- und auch spürbar. Diese Trauer ist öffentlich und damit ungewohnt, aber auch sehr viel mehr als die analoge Version eines Kondolenzbuchs bei Facebook.

Ihn störte nicht, wenn man seinen Namen falsch schrieb

Hier hat ein 21-Jähriger sein Leben verloren. Ein Motorradfahrer, Eishockeyspieler und Kampfsportler, könnte man sagen, und das wäre richtig, aber falsch wäre vielleicht das Bild, das dabei im Kopf entsteht. Das Bild wäre ein anderes, wenn man zuerst betonen würde, dass er Handwerker war. Marc X. war all das, und noch so viel mehr. Ein Mensch, zum Beispiel, was auch heißt: nicht fehlerfrei. Zweifellos aber: ein Sohn. Ein Bruder der Schwester, die am Tag zuvor Geburtstag hatte. Der Freund einer jungen Frau und bester Freund, Vertrauter, Kumpel, Bekannter vieler junger Männer. Ein Scherzkeks, der South Park und die Simpsons mochte. Ein Fan, der die legendäre Eishockey-Trophäe Stanley Cup aus Pappe und Alufolie nachbastelte. Einer, der Fünfe gerade sein ließ, den es nicht störte, dass jeder seinen Namen schrieb wie er wollte, in der Regel falsch.

Einer, der mit seiner schweren Honda sicher nicht immer Strich 50 gefahren ist bei Tempo 50 oder Strich 70 bei Tempo 70, was nicht nur falsch ist, sondern auch lebensgefährlich – aber tut das jeder andere an jedem Tag und in jeder Sekunde?

Am 9. September um kurz vor halb sechs abends kam ihm eine Frau in einem VW Polo entgegen. Fast doppelt so alt wie er, aber längst nicht alt, im besten routinierten Fahrer-Alter eigentlich. Vielleicht hat sie kein zweites, drittes, viertes, fünftes Mal geguckt, bevor und während sie wendete – aber tut das jeder andere, an jedem Tag und in jeder Sekunde?

"Keiner muss so früh gehen, wenn man aufpasst" steht ebenfalls auf dem Plakat, ganz klein am Rand, leicht zu übersehen, aber das trifft den Kern. Wenn bloß alle immer aufpassten, gäbe es keine Verkehrsunfälle. Keinen einzigen. Doch das bleibt ein frommer Traum, und Marc X. war sich dessen schmerzlich bewusst. Bei Facebook hatte er das Video einer britischen Präventionskampagne geteilt; Titel "Save a biker – look twice, look three times!" 

Eine Anomalie, ein Stückweit zumindest

Marc X. ist der dritte tödlich in Düsseldorf verunglückte Motorradfahrer in diesem Jahr. In den vier Jahren zuvor war es zusammen ein einziger gewesen. Motorradfahrer sind selten hier, die meisten nutzen ihre Maschinen ja auch nicht zum Pendeln, sondern fahren sie am Wochenende aus, über kurvige Landstraßen, und dort passieren dann auch die meisten Unfälle. Insofern ist dieser Fall eine Anomalie. Andererseits war X. Teil einer Hochrisikogruppe: Jeder 7. Verkehrstote in NRW war mit einem Motorrad oder Roller unterwegs. Dabei sind 11 Mal so viele Autos wie Motorräder zugelassen, wobei Autofahrer deutlich öfter am Verkehr teilnehmen als Motorradfahrer – und Lkw- sowie Fahrradfahrer und Fußgänger sind als Verkehrsteilnehmer noch gar nicht mitgezählt. Korrekte Vergleiche zu ziehen ist schwierig bis unmöglich, doch vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat heißt es: "Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Motorrad zu verunglücken, ist europaweit 18-Mal höher als mit einem Auto."

Und trotzdem: Hunderttausende Überholvorgänge und Notbremsungen, Spurwechsel und eben auch Wendemanöver gehen gut, jeden Tag, auch im Stadtverkehr, auch mit Beteiligung von Motorradfahrern, meist steht am Schluss nichts Schlimmeres als ein paar böse Worte. Doch dieses Mal war es anders. In unserem statistisch so sicheren Straßenverkehr, in dem im Jahr 2014 rund drei Viertel weniger Autofahrer und Fußgänger ihr Leben verloren als noch 1991, und immerhin auch 45 Prozent weniger Motorradfahrer, hat ein Mensch sein Leben verloren.

Eine unfassbare Tragödie.

Eine, die im vergangenen Jahr 3.377 Mal in Deutschland geschah, 522 Mal davon in NRW, zehn Mal davon in Düsseldorf. Die Katastrophe ereignet sich im Schnitt alle 18 Stunden in NRW, alle zweieinhalb Stunden irgendwo in Deutschland. Aber das relativiert den Schmerz nicht und kann ihn erst recht nicht lindern.

Einer tot, einer fürs Leben gezeichnet

Auch die Erklärung für den Unfall wird das nicht können, im Gegenteil, das juristische Nachspiel wird alle nur bloß noch einmal belasten. Es wird keinen Triumph geben, keine Füllmasse für das Loch, sondern bloß einen Zahlenwust. Mit der genauen Rekonstruktion der Kollision aufgrund der harten Fakten wird sich ein Gutachter beschäftigen. Er wird Ergebnisse präsentieren zu den gefahrenen Geschwindigkeiten, zur theoretischen Vermeidbarkeit und Vorhersehbarkeit des Unglücks. Aber das kann noch zwei Monate dauern, wenn nicht länger. Noch hat die Staatsanwaltschaft die Analyse nicht einmal in Auftrag gegeben. Die Polizei muss zu alledem schweigen.

Deshalb ist auch zweieinhalb Wochen danach kaum etwas sicher außer dem Offensichtlichen: von zwei einander völlig fremden Menschen, deren Wege sich rein zufällig schnitten, ist einer tot und ein weiterer fürs Leben gezeichnet. Denn auch die Autofahrerin ist natürlich ein Opfer der Ereignisse in den fatalen Sekunden, die mit einem zweiten Autofahrer als Unfallgegner ungleich glimpflicher ausgegangen wären. "Fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge" wird ihr zu Last gelegt, und "fahrlässig" heißt eben, "dass das jedem von uns passieren könnte", sagt ein erfahrener Unfallrechtler.

Das Wenden an sich dürfte erlaubt gewesen sein, weil es überall erlaubt ist, wo es nicht explizit verboten ist. Und die Mittellinie, die auf der vielbefahrenen Straße vier Spuren und zwei Sätze Straßenbahnschienen in der Mitte teilt, ist ab irgendwo in diesem Bereich nicht mehr durchgezogen: Zeichen 340 der Straßenverkehrsordnung, besser bekannt als "gestrichelte Linie".

Das Denkmal ist fast schön

Unbestritten ist, dass keine offensichtlich erschwerten Bedingungen herrschten, kein Nebel, keine Nässe. Die Sonne stand tief, aber im Rücken der Autofahrerin. Die Sicht betrug zehn Kilometer. 18, 19 Grad noch um diese Zeit, ein schöner Herbsttag, bis er von Sirenen unterbrochen wurde. Nichts passte zusammen, alles war surreal. Die Helfer kamen in kurzen Hemden. Der Notarzt konnte Marc X. zunächst wiederbeleben und ließ ihn dann ins Krankenhaus verlegen, wo er an seinen Verletzungen starb. Polizisten und Feuerwehrleute erledigten ihren Job, Routinearbeiten im Auge des Sturms. Öl und Benzin abstreuen, Spuren sichern. Die Grafenberger Allee in Fahrtrichtung Innenstadt zwischen Staufenplatz und der Geibelstraße für zwei Stunden sperren und den Verkehr über die Vautiertstraße ableiten. Danach war für den Rest der Welt alles wie zuvor.

Dem Unfallauto war im Moment danach kaum etwas anzusehen, nur eine lächerlich kleine Delle hinten rechts. Auch das Motorrad, ein Prachtstück, pechschwarz mit oranger Frontverkleidung, das noch bis zur Kreuzung rutschte, zehn Meter vielleicht, sah nicht allzu schlimm aus.

Das Denkmal, das schnell vom Kreideumriss am Bauschuttcontainer an den Blumenkübel ein paar Schritte weiter wanderte, ist sogar fast schön. Ein Farbtupfer im Grau, Blütenblätter, Lichter in der Nacht. Als er realisiert, was es ist, erwacht der vorbeischlurfende Obdachlose für einen Moment aus seinem Rausch und sagt aus tiefsten Herzen: "Scheiße". Und mehr fiele einem dazu auch nicht ein, gäbe es nicht die Familie und Freunde des Toten, die einander gegenseitig stützen und öffentlich erinnern. An Marc X.. Und daran, was Lebensfreude ist. Wie kostbar sie ist – und wie fragil.

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