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Düsseldorf
Eine Ode an den Kaugummiautomaten - Love me Spender

Düsseldorf: Eine Ode an den Kaugummiautomaten - Love me Spender
Der Kaugummiautomat an der Corneliusstraße Ecke Hildebrandtstraße in Friedrichstadt ist einer der wenigen, die es in der Stadt noch gibt. FOTO: HANS-JÜRGEN BAUER
Düsseldorf. Früher galt er als Epizentrum kindlicher Nachbarschaften. Eine Ode an den Kaugummiautomaten und eine vielleicht einfachere Zeit. Von Ludwig Krause

Mein Kaugummiautomat. Rotes Blech an roter Backsteinwand. Die Kulisse meiner Kindheit war ein kleines Dorf in der niederrheinischen Provinz. Ein paar Tausend Einwohner, bevor die uniformen Neubaugebiete auf die Pferdeweiden kamen. In der Mitte des Ortes, gleich gegenüber der Kirche, befand sich die Gaststätte, eine Kneipe mit Kegelbahn. Und an der Rückwand der Kaugummiautomat. Treffpunkt der angesagten Kids mit ihren BMX-Rädern und der deutlich weniger angesagten, wenn diese gerade nicht da waren.

Früher bekam ich einmal im Monat Taschengeld, an jedem Geburtstag ein bisschen mehr. Manchmal aber, nur so zwischendurch, gab es ein paar Pfennige in die Hand, vielleicht eine Mark. Das klingt wahnsinnig alt, ist aber gar nicht so lange her, zumindest fühlt es sich so an. Dann gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man legte sein Geld beim Sparmarkt in Brausestangen und weiße Mäuse an - oder eben in Kaugummiautomaten.

Mit manchen Dingen hört man im Leben einfach auf. Pyjama-Partys bei Freunden zum Beispiel. Oder zum Kaugummiautomaten um die Ecke zu gehen. Fragt man im Freundeskreis, wo denn hier der nächste Automat sei, erntet man häufig nur ratlose Blicke. Wahnsinnig viele sind es nicht mehr, auf jeden Fall deutlich weniger als früher. Wie viele genau es noch von der Sorte in Düsseldorf gibt, kann nicht einmal die Stadt sagen. Denn, so heißt es vom Ordnungsamt, die Automaten seien nicht genehmigungspflichtig. Wer gerade eine Hauswand übrig hat, der könne sich auch einen Kaugummiautomaten aufhängen.

Und so wird die Geschichte von den Automaten in Düsseldorf zunächst einmal die Geschichte von der Suche danach. Wer ganz genau aufpasst, findet dann aber doch einige im Stadtbild. An der Dabringhausener Straße in Wersten soll einer sein, an der Kölner Straße in Oberbilk und der Witzelstraße an den Haltestellen der Uni-Kliniken. Und hier: am Fuße der Eisenbahnbrücke, die über die Corneliusstraße führt.

Wenn ein Kaugummiautomat als Synonym für alles, was gerade irgendwie falsch läuft, herhalten muss, sieht er genauso aus wie dieser. Der blau-verkratze Kasten ist mit Graffiti beschmiert, beklebt mit Aufklebern und - welch Ironie - Kaugummis. Vor einiger Zeit hat gegenüber ein hipper Burgerladen aufgemacht, das macht die Lage des Automaten aber auch nicht besser. Seine Nachbarn sind ein Verteilerkasten, der ebenfalls von oben bis unten beschmiert ist, und ein Leuchtreklameschild, das so hoch oben angebracht wurde, dass es nicht beschmiert werden kann. Dahinter eine kleine Wiese, die vor allem von Hunden genutzt wird. Auf das Grün, noch ineinander gekettet, hat jemand zwei gestohlene Einkaufswagen geschmissen. Als ob es jemals eine gute Idee gewesen wäre, Einkaufswagen zu stehlen.

Drei Fächer, zwei Preise: Flummi Fu und American Bubble Gum Balls kosten 20 Cent, für die klebrigen Alien muss man 50 Cent investieren. Die Frage ist, ob man will: "Enthält Farbstoff: E 102, E 104, E 110, E 122, E 124 und/oder E 129." Und auch der Hinweis darüber fehlt in meinen Kindheitserinnerungen: "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen." Befüllt wird der Automat vom Bergischen Automaten Service in Wuppertal, steht zumindest auf dem Etikett. Besonders großen Wert auf Kontakt scheint die Firma offenbar nicht zu legen: Eine Telefonnummer ist nirgends angegeben, unter der aufgeführten Adresse ist unter anderem auch ein Fliesenmarkt gemeldet. Aber in Schuss halten sie den Automaten: Beim ersten Besuch noch klemmen zwei von drei Fächern, beim zweiten ist freie Auswahl.

Komisch angeschaut wird man trotzdem, wenn man an den Plastikhebeln dreht. Das könnte zum einen an dem Bild liegen, das ein erwachsener Mann am Kaugummiautomaten abgibt, zum anderen aber an der Stunde, die für die Automaten geschlagen hat. Sie sind wie antike Relikte, römische Stelen, in einer Zeit, in der Jugendliche mit ihrem Smartphone auf die Giradet-Brücke rennen, um bei "Pokémon Go" ein Relaxo zu fangen. Die Automaten sind wie "Urmel aus dem Eis" im Fernsehen, bei dem es der Vorstellung überlassen war, dass das Blaue da wirklich Wasser sein soll.

Vielleicht sind die Kinder heute auch einfach schlauer, als ich es damals war. Wissen, dass das Spielzeug im Automaten in Wirklichkeit billiger Kitsch, die Kaugummis nach zwei Minuten vollends durch und das bei "Urmel" in Wirklichkeit zerknitterte blaue Folie ist.

Irgendwann, als ich mich nicht mehr für Kaugummiautomaten interessierte, verschwand auch der in meinem Heimatdorf. Wenig später dann auch die Gaststätte, als deren Besitzer starb. Das Haus wurde abgerissen, mit ihm die rote Backsteinwand. Manchmal aber, wenn alles wahnsinnig kompliziert scheint, gehe ich jetzt zu dem Automaten an der Corneliusstraße und suche mir eines der drei Fächer aus. Wäre doch im Leben alles so einfach, wie die Wahl zwischen Flummi, Kaugummi und klebrigem Alien. 20 Cent, ich wähle den Flummi. Heraus kommt ein Plastik-Ring.

Quelle: RP
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