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Düsseldorf
Eine Stadt der Festungsringe

Düsseldorf. Archäologische Funde, zuletzt beim Bau der Wehrhahn-Linie, liefern Puzzlestücke für die Geschichte der wachsenden Stadt. Von Michael Brockerhoff

Bagger im Stadtkern standen unter Beobachtung. Archäologen untersuchten die Baustellen der Wehrhahn-Linie, des Kö-Bogens oder des Andreasquartiers in der Altstadt. Denn Spuren der Stadtgeschichte sollten nicht verloren gehen. Der Aufwand hat sich aus Sicht der Historiker gelohnt wegen vieler bedeutender Funde, von denen die Befestigungsmauer der Flinger Kontergarde die augenfälligste ist. Sie wurde beim Graben der Autotunnel am Kö-Bogen freigelegt und im Archeopoint am Eingang Kö der Wehrhahn-Linie wieder aufgebaut. Die neuen Ausgrabungen ergänzen archäologische Erkenntnisse beim Bau des Rheinufertunnels. Zusammen betrachtet zeigen sie Düsseldorf als eine Stadt, die mit wachsendem Umfang immer weitläufigere Befestigungsmauern bekam. Düsseldorf ist eine Stadt der Ringe.

Die gut erhaltenen, 2011 gefundenen Mauern der Flinger Kontergarde am ehemaligen Jan-Wellem-Platz wurden für einen Wiederaufbau geborgen. FOTO: Bretz, Andreas

Kern dieser Ringe ist das Dorf an der Düssel. Das Alter dieser Siedlung lag im Dunkeln, bis jetzt Archäologen im Bereich des Andreasquartiers auf Keramiken stießen, die auf eine Siedlung der Germanen ab dem ersten Jahrhundert n. Chr. schließen lassen. Im Lauf der Jahrhunderte wurde sie bedeutender als bisher angenommen. Denn die Bewohner lebten nicht nur von Ackerbau, Fischerei und Handel, sondern auch von der Verarbeitung von Eisenmetallen, wie Funde nahelegen. Möglicherweise ein Grund mehr für die Grafen von Berg, das günstig gelegene Dorf am Rhein um 1135 in ihren Besitz zu bringen.

Die Stadt, zu dem Graf Adolf V. von Berg das Dorf an der Düssel nach der siegreichen Schlacht bei Worringen machte, war klein, umfasste nur 5,5 Hektar, die vom ersten Befestigungsring geschützt wurden. Ein Stück von der ersten Stadtmauer wurde bei Kanalbauarbeiten am Lieferplätzchen freigelegt. Auch die Grundmauern des Lewenhauses am Lieferplätzchen, dem ersten Steinhaus von Düsseldorf, könnten Teil der Befestigung gewesen sein. Die erste Stadtmauer schloss jedoch nicht alle Gebäude der ersten Siedlung mit ein, Häuser von Handwerkern blieben außen vor.

So sehen die neuen U-Bahnhöfe der Wehrhahnlinie aus FOTO: Endermann, Andreas

Sie wurden erst beim nächsten Ring durch Mauern geschützt, die Herzog Wilhelm I. für eine Erweiterung der Stadt ziehen ließ. Vom Kaiser in den Stand der Herzöge aufgenommen, wollte er Düsseldorf zu einer ansehnlichen Residenzstadt machen und brauchte daher Platz. Die Befestigung wurde im Westen bis in die Nähe der Heinrich-Heine-Allee etwa im Verlauf der Straße Ratinger Mauer hinausgeschoben. Ein Segment dieser Mauer, bei der Erweiterung der Kunstsammlung NRW gefunden, steht in einer Glasvitrine am Museum. Spuren des dazugehörigen Grabens wurden beim Bau des Orrick-Hauses am Grabbeplatz gesichert. Um die Bedeutung der Residenzstadt zu heben, machte der Fürst sie durch den Erwerb von Reliquien, darunter die Gebeine des Stadtpatrons Apollinaris, zu einer Pilgerstätte, baute die Verwaltung aus, kurbelte den Handel durch die Förderung der Hafenwirtschaft an. Unter seinen Nachfolgern ging die Entwicklung weiter, bauten die Kreuzherrenbrüder mit ihrem Kloster direkt an der ersten Stadtmauer die erste Ordensniederlassung in Düsseldorf, wurde im Handwerkerviertel das Düsselufer für den Hochwasserschutz befestigt, blühte das Töpferhandwerk auf und trat mit den sogenannten Bartmannkrügen in Konkurrenz zu Köln - allerdings vergeblich. Alles das ist durch Ausgrabungsfunde belegt.

Wegen der neuen Waffentechnik mit Einsatz von Kanonen boten die mittelalterlichen Mauern aber nicht genügend Schutz. Im geldrischen Erbfolgestreit im 16. Jahrhundert waren sie ein Schwachpunkt, den der damalige Herrscher Herzog Wilhelm V. durch Bastionen beseitigen wollte. Es ist der dritte Befestigungsring. Vor allem aber ließ der Herzog die Citadelle als Fluchtpunkt anlegen. Die Bastion Spee, die bereits beim Bau des Rheinufertunnels geborgen wurde, gehörte dazu.

Den vierten Befestigungsring mit Bastionen und vorgelagerten Bollwerken bekam Düsseldorf, als die Fürsten von Pfalz-Neuburg auch Herrscher von Jülich-Kleve-Berg wurden. Vor allem Jan Wellem, der als ranghöchster Kurfürst eine prächtige und wehrhafte Residenzstadt schaffen wollte, sorgte für den Ausbau und legte am heutigen Grabbeplatz und der Mühlenstraße ein Zentrum für Wissenschaft, bildende Kunst, Musik und Religion an. Kernstück war die Andreaskirche mit Jesuitenkloster, aus dem das heutige Stadthaus hervorging. Zahlreiche Funde, darunter Mauern der Flinger Kontergarde und der Bastionen, steinerne Brücken über Festungsgräben legten die Bagger frei. Jan Wellem wollte Düsseldorf aber auch nach Süden hin vergrößern. Verwirklicht wurden Befestigungen im Zuge der heutigen Königsallee bis hin zum Graf-Adolf-Platz, in deren Schutz später Kurfürst Carl Theodor die Carlstadt anlegen ließ.

Als 1806 Düsseldorf mit dem Herzogtum Berg unter die Herrschaft der Franzosen kam, passte die Festungsstadt Düsseldorf nicht in das strategische Konzept von Napoleon. Er befahl das Schleifen der Mauer, gestattete aber die Anlage von Parks auf den alten Bastionen. Das Konzept dieses Grünen Rings mit neuem Hofgarten, Heinrich-Heine-Allee, Königsallee bis zum Spee'schen Graben hatten Düsseldorfer Planer erarbeitet und Maximilian Friedrich Weyhe die Ausführung übernommen. Der moderne Kö-Bogen zeichnet diesen grünen Ring vom Hofgarten zur Kö wieder nach.

Quelle: RP
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