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Serie Düsseldorfer Geschichten
Einer der Letzten seiner Art

Serie Düsseldorfer Geschichten: Einer der Letzten seiner Art
Am 16. April 1974 hat Peter Tuxhorn mit seiner Frau das Julio an der Mühlenstraße eröffnet. Geändert hat sich das Lokal seitdem kaum. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Er hat noch mal ein Jahr drangehängt. Seine Gäste wollten sowieso nie etwas anderes. Nach einem Gespräch mit seiner Frau Angelika rief Peter Tuxhorn also seinen Vermieter an, um ihm mitzuteilen, dass er das Julio erst Ende 2018 schließt. Von Jan Wiefels

Seit drei Jahren geht das schon so: Er fasst den Entschluss, seine Kneipe an der Mühlenstraße zuzumachen, um mehr Zeit für seine drei Enkel zu haben. Doch dann hört er Abend für Abend von seinen Gästen, dass er das doch nicht machen könne. Dass es keinen vergleichbaren Ort gäbe, an dem sie sich treffen können. Und er lässt sich umstimmen. Je länger man sich mit Peter Tuxhorn unterhält, desto mehr bekommt man den Eindruck, dass er auch mit 67 Jahren noch nicht bereit ist, das Leben als Wirt aufzugeben.

Mit der Neuigkeit hat Tuxhorn seine Gäste bei der "Geburtstagsfeier" des Julio überrascht, die jedes Jahr am 16. April gefeiert wird. Es gab gratis Schnittchen und Baumberger für zwei Euro, einen selbstgemischten Schnaps. In der Kneipe war es wie immer eng. Das Julio, das sind ein 26 Quadratmeter Raum, eine Theke, wenige Tische und viele Erinnerungen. Wer zum ersten Mal da ist, glaubt, er wäre in einen privaten Partykeller geplatzt. An den Wänden hängen alte Postkarten, die irgendwann mal jemand aus Wien oder Indonesien geschickt hat. Es gibt Collagen, wie man sie aus den 1980er Jahren kennt: ausgeschnittene Fotos von Personen, auf Bastelpappe geklebt und mit Folie fixiert. Und einfache, am Computer erstellte Animationen, per Tintenstrahldrucker auf DIN-A4 gebracht, die den Namen des Wirts oder den der Kneipe aufgreifen. Liebeserklärungen seiner Gäste.

Ben Becker war erst kürzlich im Julio zu Gast. FOTO: Tuxhorn

Zum Beginn seines Berufslebens hatte Peter Tuxhorn nicht den Plan, der wohl dienstälteste Wirt der Düsseldorfer Altstadt zu werden. Aufgewachsen ist er in Sundern im Sauerland. 1966 zog es ihn nach Düsseldorf, weil die Möglichkeiten für eine Ausbildung in der Stadt vielversprechender waren. In seiner Jugend hatte er Fotograf werden wollen wie sein Vater. Doch er entschied sich für das Gastgewerbe. Tuxhorn begann im Hotel Fürstenhof, hörte dort aber nach drei Monaten auf, um als Kellner-Azubi im Steigenberger Parkhotel anzufangen. Nach zwei Jahren schloss er die Ausbildung ab und machte den Wehrdienst. 1974 ergab sich die Möglichkeit, ein Lokal an der Mühlenstraße zu übernehmen. Ein Italiener, den alle nur Julio nannten, der gebrochen Deutsch sprach und eine starke Sehschwäche hatte, wollte es abtreten. Peter Tuxhorn und seine Frau Angelika nahmen die Möglichkeit wahr. Und so wurden sie - er 24, sie 21 Jahre alt - Wirte. "Wir haben uns damals gesagt: Wir machen das maximal fünf Jahre, dann gehen wir auf Weltreise", sagt Tuxhorn. Seine Ausbildung in einem der renommiertesten Hotels der Stadt hatte er vor diesem Hintergrund ausgewählt. "Mich hätten sie damals überall genommen", so Tuxhorn.

Warum genau es anders kam, er seit 43 Jahren die gleiche Kneipe betreibt, die sich seit der Übernahme kaum verändert hat, lässt sich nicht so leicht beantworten. Zumal der Start in die Selbstständigkeit schwierig war. Ihn, den Sauerländer, kannte in der Düsseldorfer Altstadt kaum jemand. Die alten Stammgäste fremdelten mit dem neuen Wirt. Die ersten zwei Jahre hatten er und seine Frau zu kämpfen. Dass sich der wirtschaftliche Erfolg doch noch einstellte, hat mit zwei simplen Dingen zu tun: Erdnüssen und Bier.

Sängerin Isabel Varell bei einem ihrer Besuche FOTO: Peter Tuxhorn

Tuxhorn hatte von der Kneipe Dr. Jazz die Idee übernommen, seinen Gästen Erdnüsse zu servieren. Viele Besucher legten die Schalenreste auf den Tisch. Tuxhorn kam dann vorbei und fegte sie mit der Hand auf den Boden. "Sauber hast du es zu Hause, hier kannst du die Sau raus lassen", hat er dann gesagt. Ein weiterer Faktor, der aus zufälligen Besuchern erst Wiederkehrer und dann Stammgäste machte, war das Bier. Noch bevor 1978 mit dem Fattys der erste Irish Pub Düsseldorfs öffnete, bot Tuxhorn Guinness vom Fass an. Er hatte seine Nische gefunden.

Seit Jahrzehnten lebt das Julio von den Stammgästen. Einige haben feste Tage: Dienstags ist die Darts-Gruppe da, mittwochs kommen die Schach- und donnerstags die Karten-Spieler. Tuxhorn macht dann mit. Er weiß genau, wer was trinkt, wer gut gelaunt oder schlecht drauf ist. Über die Jahre sei er zum Menschenkenner geworden, sagt der 67-Jährige. Er habe kein Problem damit, andere erzählen zu lassen, er könne gut zuhören. "Ich bin nicht nur Wirt, sondern auch Psychologe, Anwalt und Beichtvater", sagt er. Die Atmosphäre seiner Kneipe trage dazu bei: Es gibt keine Spielautomaten, keinen Fernseher, die Musik ist nicht dominierend. Man muss sich unterhalten. Und wer nicht mit den anderen Gästen spricht, der quatscht eben mit dem Wirt.

Dieses Ambiente schätzen auch prominente Menschen. Kürzlich war Schauspieler Ben Becker da. Ein Kö-Gastronom hatte ihm Tuxhorns Kneipe empfohlen. Früher war Dieter Hallervorden häufiger zu Gast, er übernachtete dann schon mal auf Tuxhorns Couch. Bilder aus den 1980ern zeigen den Schauspieler lachend mit einem überdimensionierten Bierglas. Auch Sängerin Isabel Varell und Schauspieler Hape Kerkeling traf man häufiger in der Kneipe an der Mühlenstraße. Er habe die prominenten Besucher nie hofiert und behandle sie wie alle anderen Gäste, so Tuxhorn.

Während im Julio die Zeit stehengeblieben scheint, hat sich die Altstadt gewandelt. Um die Veränderung zu beschreiben, zeigt Tuxhorn einen Strafbescheid, der ihm 1974, im ersten Jahr als Kneipier, ausgestellt wurde. Er sollte 54,90 DM zahlen, weil nachts in seinem Laden Musiker spielten. Die Polizisten, die gegenüber in der damaligen Altstadtwache saßen, fühlten sich gestört. So etwas sei gegenwärtig schwer vorstellbar, so Tuxhorn: "Wenn heute um drei Uhr nachts in der Altstadt laute Musik gespielt wird, geht die Polizei daran vorbei."

Er beobachte manche Entwicklungen im Stadtteil mit Sorge. Ihn stört die Aggressivität, die von einigen Gruppen ausgeht. Und die Tatsache, dass viele Altstadt-Besucher lieber mit Bier vom Büdchen durch die Gassen ziehen, als in die Kneipen zu gehen. Doch es gibt Tendenzen, die ihn optimistisch stimmen. Dass in der Nachbarschaft das Hotel de Medici eröffnet hat und dass bald im Andreasquartier auf dem früheren Gerichts-Gelände neue Nachbarn wohnen, findet er gut.

Dass Tuxhorn mit dem Julio immer noch ein Teil der Altstadt ist, dürfte paradoxerweise damit zu tun haben, dass er sich dem Zeitgeist konsequent verweigert. Während andere Lokale ihre Räume mit Flachbildfernsehern zuhängten und sich ein teures Fußball-Abo holten, blieb bei Tuxhorn alles beim alten. Nichts ist im Julio auf Perfektion getrimmt - außer vielleicht der Schaumkrone auf dem Bier. Das ist so konsequent umgesetzt, dass es fast schon wie eine Corporate Identity, wie eine Unternehmensstrategie, wirkt. So ist die Internetseite überfrachtet und technisch veraltet. Aber sie ist aktuell und funktioniert. Tuxhorn macht sie selbst.

Mittlerweile entdecken mehr jüngere Leute seine Kneipe. Sechs Tage die Woche hat das Julio geöffnet. Urlaub gönnen sich Tuxhorn und seine Frau nur einmal pro Jahr. Für eine Woche geht es an die Ostsee. Eine Weltreise haben sie nie gemacht.

Quelle: RP
 
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