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Serie Nahversorgung
Einkaufen, wo der Rucola wächst

Serie Nahversorgung: Einkaufen, wo der Rucola wächst
Die Trinkhalle Fortuna steht inzwischen bei "Ebay" zum Verkauf. Seit Monaten hat sie geschlossen und sieht dementsprechend unbewohnt aus. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. In Kappes-Hamm gibt es keinen Supermarkt, der Wocheneinkauf ist für die Bewohner eher beschwerlich. Die Situation verschärft sich auch, weil ein Kioskbetreiber keinen Nachfolger findet. Aber möglicherweise wird bald alles besser. Von Henning Rasche

Timur Ünsaldik versucht seit über einem halben Jahr, seinen Kiosk zu verkaufen. Es gelingt ihm nicht. Immer wieder kommen Interessenten an die Trinkhalle Fortuna, aber dann scheitert es am Geld. Nicht etwa weil Timur Ünsaldik so viel haben möchte, sondern der Vermieter. 7500 Euro Kaution schrecken ab, findet Timur Ünsaldik. Er kann das nicht mehr, der Aufwand im Kiosk ist zu groß und dann hat er kein Auto, um einzukaufen. Also trennt er sich von seinem Büdchen. Und weil alle Zettel, die er in der ganzen Stadt verteilt hat, nichts nützten, gibt es die Trinkhalle Fortuna jetzt bei Ebay.

Wenn in Kappes-Hamm irgendetwas zentral sein könnte, dann vermutlich die Trinkhalle Fortuna, die seit gut 60 Jahren an der Hammer Dorfstraße Einwohner mit Zigaretten, Cola, Zeitungen und Bier versorgt. Doch damit ist seit Ende Dezember Schluss. In Hamm gibt es jetzt noch weniger als vorher, nämlich die Bauern, den Tante-Emma-Laden, zwei Bäcker, das Büdchen am S-Bahnhof und Didi, den Griechen. In der Serie zur Nahversorgung in den Außenbezirken schneidet Hamm nicht gut ab. Einkaufen, wo der Rucola wächst, ist nicht einfach.

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Frau Hecker läuft an einem Vormittag durch das Dorf, ihre Taschen sind noch leer. Sie ist auf dem Weg zur Straßenbahn, denn damit muss sie einkaufen fahren. Dahin, wo die nächsten Geschäfte liegen, nämlich in Unterbilk oder Bilk. Die Situation zur Nahversorgung in Hamm nennt die Rentnerin einfach "schlecht". Die Frage, ob Frau Hecker sich einen Supermarkt im Dorf wünsche, ist fast überflüssig. "Natürlich", sagt sie. "Wir haben doch auf den Feldern genug Platz dafür." Aber den Supermarkt gibt es nicht. Noch nicht, jedenfalls.

Walter Schmidt ist Bezirksbürgermeister für Hamm. Er hat vage Hoffnung, dass es besser werden könnte für die Bewohner. Durch die Schnittstelle zum Hafen, so glaubt Schmidt, wird Hamm interessanter für Investoren. Es werden Häuser und Wohnungen gebaut, an der Kesselstraße entstehen hunderte Arbeitsplätze. Schmidt führt noch im September ein Gespräch - Rewe hat offenbar Interesse an einem Standort angemeldet. "Hamm alleine ist den meisten Marktbetreibern von der Bevölkerungsanzahl zu klein", weiß der Christdemokrat aus zahlreichen Gesprächen. 2400 Einwohner hat Kappes-Hamm.

Didi ist der Grieche von Hamm. Bei ihm können die Leute noch einkaufen. Wenn sie nicht mehr so fit sind, liefert ihnen Dionysios Trevlas, wie er richtig heißt, die Einkäufe auch nach Hause. Und wenn die Hammer etwas benötigen, was er nicht im Sortiment hat, dann besorgt er es, verspricht er. Sein kleines Geschäft liegt am Marktplatz. Seit 16 Jahren verkauft er Konserven, Wurst und Milch. Es ist nicht günstig bei Didi einzukaufen: Ein Paket Butter kostet 2,50 Euro.

Aber Didi ist ein Einmannbetrieb, er muss sich und seine Kinder von seinem Minimarkt ernähren. Jeden Tag fährt er zum Großmarkt, sperrt um acht den Laden auf, macht zwei Stunden über Mittag zu, liefert Waren aus und steht dann wieder bis halb sieben im Geschäft. Wer in Hamm einkaufen will, muss also 2,50 Euro für Butter zahlen. Alle anderen, das weiß Didi, halten auf dem Weg von der Arbeit beim Discounter. Jedenfalls, wenn sie noch arbeiten und Auto fahren können.

Ursula Paschkewitz kann das nicht mehr so gut. Gelegentlich fährt die 82-Jährige mit ihrer Schwester zum Einkaufen. Ohne die wäre es schwer für die Rentnerin. Einen Kleinbus würde sich Ursula Paschkewitz wünschen, damit er sie zu den Haltestellen der Straßenbahn bringt. Die Wege sind weit in Hamm. Wer in der anderen Ecke des Dorfes lebt, läuft gut 20 Minuten zur Bahn.

Walter Schmidt verrät, dass man überlegt, die Buslinie 723 nach Hamm zu legen. Sechs neue Haltestellen könnte es dort geben. Wenn es soweit ist, hat Timur Ünsaldik sicher auch einen Kiosk-Nachfolger.

Quelle: RP
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