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Wilfried Kratzsch
"Eltern, die ihr Kind lieben, nehmen Hilfsangebote an"

Wilfried Kratzsch: "Eltern, die ihr Kind lieben, nehmen Hilfsangebote an"
Wilfried Kratzsch hält es für wichtig, dass Mitarbeiter in Kliniken geschult und vernetzt werden, damit kritische Fälle schneller erkannt werden. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft spricht über Möglichkeiten, Kinder besser zu schützen. Der frühere Oberarzt setzt darauf, Vertrauen zu Familien aufzubauen.

Herr Kratzsch, im November hat in Wersten ein Vater seinen acht Monate alten Sohn totgeschüttelt. Und in Mönchengladbach hat kürzlich ein Vater sein sechs Wochen altes Baby erstickt. Was denken Sie, wenn Sie von solchen Fällen hören?

Kratzsch Ich kenne Details dieser Fälle nicht. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass das Schütteln, wenn Säuglinge ausdauernd schreien, leider vorkommt, ja auch in allen Familien passieren kann, obwohl es lebensgefährlich und verboten ist. Meine Frage wäre, ob es schon in der Geburtsklinik eine Möglichkeit gegeben hätte, einen Kontakt zu den jeweiligen Eltern herzustellen. Fast alle Frauen kommen zur Entbindung in eine Klinik und wünschen sich ein gesundes Kind. Es ist möglich, in der Klinik erste Auffälligkeiten zu erkennen.

Welche Anzeichen gibt es?

Kratzsch Wir wissen von einer Häufung von Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder vernachlässigt oder misshandelt werden. Dazu zählt zum Beispiel, wenn Mütter sehr jung und alleinerziehend sind, überfordert wirken, Konflikte mit den Partnern bestehen. Schwierig kann auch sein, wenn eine familiäre Unterstützung fehlt, zum Beispiel durch Großeltern. Risiken bestehen auch, wenn Eltern psychisch krank sind oder Alkoholprobleme haben. Häufiger beobachtet man bereits in der Klinik eine auffällige Interaktion zwischen Mutter, Vater und Kind.

Die Frauen bleiben heute kürzer nach der Entbindung im Krankenhaus als früher. Ist das ein Problem?

Kratzsch Nein. Ein oder zwei Tage reichen, um gefährdete Kinder zu erkennen, manchmal sogar eine ambulante Entbindung. Schon bei der Aufnahme der Mutter erfährt man vieles. Die Hebamme, die dann im Kreißsaal ist, erfährt Dinge, die man normalerweise zu keiner anderen Zeit hört. Das können Hinweise dafür sein, dass Mütter eine besondere Unterstützung brauchen.

Sie haben 1987 als Oberarzt der Kinderneurologie im Gerresheimer Klinikum angefangen, sich für bessere Abläufe in Kliniken einzusetzen. Die Stadt Düsseldorf hat 2004 gemeinsam mit dem Jugendamt, dem Gesundheitsamt und den Geburtskliniken ein Modell zur Vorbeugung von Kindesmisshandlungen angestoßen. Hat sich seitdem was getan?

Kratzsch Ja, sehr viel. Das Modell ist etabliert. Ich bin froh, dass die Stadt es zum Beispiel geschafft hat, dass im Gesundheitsamt inzwischen Familienkinderkrankenschwestern arbeiten, die nach Hause kommen. Ich glaube aber, dass wir noch mehr tun können.

Seit Ihrer Pensionierung vor zehn Jahren engagieren Sie sich mit Ihrer Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft für mehr Engagement in der Vorbeugung.

Kratzsch Ja. Einem Drittel der Fälle können wir vorbeugen, wenn wir den frühen Zugang zu den Müttern haben. Diesen Zugang haben wir Ärzte, Kinderkrankenschwestern und Hebammen. Und zwar stärker als das Jugendamt, gegen das viele Menschen immer noch starke Vorbehalte haben. Wichtig ist es dabei, Mitarbeiter in Kliniken zu schulen und zu vernetzen. Und wir müssen zu einem Modell kommen, das im Kern in allen Kliniken praktiziert wird.

Eigentlich denkt man doch, dass jede Geburtsklinik auf solche Anzeichen achtet.

Kratzsch So einfach ist es eben nicht. Ein großes Problem kann der Schichtdienst sein. Eine Krankenschwester erfährt etwas, gibt es zum Beispiel nicht an die nächste Schicht weiter. So gehen Informationen verloren. Es ist wichtig, ein standardisiertes Verfahren zu entwickeln. Ich habe gemerkt, dass das Netzwerken wichtig ist.

Was meinen Sie?

Kratzsch Ärzte müssen zum Beispiel verbindliche Ansprechpartner im Jugendamt und bei den Wohlfahrtsverbänden haben. Wenn man sich persönlich kennt, fällt die Zusammenarbeit viel leichter.

Wie viele Kinder sind in Gefahr, vernachlässigt oder misshandelt zu werden?

Kratzsch Wir wissen aus langer Beobachtung, dass fünf Prozent der Kinder als gefährdet gelten. Wenn es also in diesem Jahr erstmals 9000 Geburten in Düsseldorf gibt, sprechen wir von über 450 Kindern. Langzeitstudien zeigen, wie sehr vernachlässigte Kinder leiden können. Sie haben in ihrer Kindheit keine liebevolle Betreuung erfahren. Wir wissen, dass sie häufiger bereits im Kindergarten und in der Schule auffallen, ausgegrenzt, später häufiger aggressiv oder kriminell werden. Und das ganze System wiederholt sich in der nächste Generation.

Lässt sich das Muster durchbrechen?

Kratzsch Oft schon. Und zwar dann, wenn es gelingt, ein Vertrauen zu den Familien aufzubauen.

Müssen sich Eltern helfen lassen wollen?

Kratzsch Ja. Wofür ich eintrete, ist keine Pflicht, sondern ein freiwilliges Angebot. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mütter und auch Väter, die ihr Kind lieben, in der Lage sind, Angebote anzunehmen. Natürlich gibt es aber auch Fälle, in denen das Jugendamt eingreifen muss, um Kinder zu schützen.

Wenn die Kinder nach der Entbindung zu Hause sind, ist der Kinderarzt ein wichtiger Ansprechpartner.

Kratzsch Ja. Wir bilden deshalb inzwischen Arzthelferinnen in Kinderarztpraxen fort, damit sie ihren Ärzten bei der Beurteilung unterstützen. Denn sie sehen während der Sprechstunde viel: Sieht ein Kind ungepflegt aus? Wie ist die Interaktion mit der Mutter? Die U-Untersuchungen werden von fast allen Eltern eingehalten. Das sind alleine sieben Termine in den ersten beiden Lebensjahren. Sie geben wichtige Anhaltspunkte. Wir würden auch diesen Ansatz gern weiterentwickeln.

In welche Richtung?

Kratzsch Die Vernetzung von Kinderärzten und Jugendamt wäre wichtig. Es gibt in Düsseldorf ein neues Projekt in vier Stadtbezirken, in dem vier Praxen mit den Bezirkssozialämtern zusammenarbeiten. Bei Kindeswohlgefährdung erhalten die Ärzte eine Beratung, und mit Einverständnis der Eltern stellen sie Kontakt zum Jugendamt für Unterstützungsangebote her.

Sie wollen auch, dass Eltern schneller die Ansprechpartner finden.

Kratzsch Ja. Wir glauben, dass das U-Heft, in dem die U-Untersuchungen dokumentiert werden, dabei helfen kann. Wir planen, dass in alle U-Hefte in Düsseldorf ein Sticker geklebt wird, auf dem die Eltern erfahren, an welche Beratungsstellen sie sich bei Problemen wenden können. Das geht maßgeblich von Hermann Josef Kahl aus, dem Bundessprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE ARNE LIEB

Quelle: RP
 
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