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Düsseldorf
Erinnerungen an Walter Scheel

Düsseldorf. Es war im Sommer 1953, als Walter Scheel sich gemeinsam mit Franz Blücher in der Düsseldorfer Rheinterrasse als Bundestagskandidat der Presse vorstellte. Ich, damals in der Redaktion des "Mittag" tätig, war dabei. Ein lockeres humorgewürztes Gespräch mit durchaus markanten politischen Akzenten. Wir sind uns danach lange nicht mehr persönlich begegnet, außer bei einem Sommerfest in unserem Garten, wohin er mit Dieter Spethmann, dem Thyssen-Chef, kam. Scheel war damals der neutrale "Einundzwanzigste" im paritätisch besetzten Aufsichtsrat des Konzerns. Von Manfred Droste

Ich habe aus der Ferne sein Wirken verfolgt und ihn bewundert als unkonventionellen, niemals langweiligen Politiker, flexibel und zugleich grundsatztreu. Ein entschieden Liberaler, was meiner eigenen Überzeugung entsprach.

Ende der achtziger Jahre traf ich ihn in Ascona. Er hatte in dritter Ehe Barbara Wiese geheiratet, die in Ascona eine physiotherapeutische Praxis hatte und eine gute Bekannte meiner Mutter war. Wir trafen uns in der Ferienwohnung meiner Mutter neben dem Asconeser Golfplatz, wo Walter Scheel gerne spielte.

Die Treffen in Ascona wurden zur Tradition, alljährlich meist um die Osterzeit. Er bewohnte mit seiner Frau die obere Etage eines Mehrfamilienhauses mit fabelhaftem Blick auf die Berge. Man ging zusammen aus. Er war ein Gourmet. Und er hat ja, das sei nicht vergessen, zum öffentlichen Ansehen der Kochkunst und der Köche in Deutschland wesentlich beigetragen, ebenso wie zur Popularität des Männergesangs. An den lebhaften Diskussionen bei Tisch beteiligte sich auch seine gut informierte Frau. Wegen gespitzter Ohren an benachbarten Tischen - Walter Scheel wurde von vielen erkannt - bemühten wir uns, so gut es ging, um Mäßigung der Lautstärke.

Walter Scheel, doch schon im fortgeschrittenen Alter, hatte nichts von seinem Temperament verloren. Weniger die Weisheit des "elder statesman" kam zum Ausdruck, eher politischer Kampfgeist. Er konnte in seinem Urteil über Politiker auch recht subjektiv sein, wobei ich die Rolle des um Objektivität Bemühten annahm und ihm manchmal widersprach.

Walter Scheels Lebenslauf ist vielfältig, und vielfach hat er seine Wohnungen gewechselt. Von Solingen nach Düsseldorf-Benrath, nach Köln, nach München-Bogenhausen, nach Berlin, nachdem die Stadt wieder deutsche Hauptstadt geworden war. Schließlich nach Bad Krozingen. Seine Frau stammte aus dem Badischen. Die besondere Beziehung zu Düsseldorf blieb jedoch immer erhalten, auch weil er hier den Arzt gefunden hatte, der sein Nierenleiden behandelte.

Dass er dreimal verheiratet war, ist seiner Neigung zur Veränderung nicht zuzuordnen. Er sagte einmal, er sei mehr als 50 Jahre glücklich verheiratet. Seine erste und seine zweite Frau, die bekannte Ärztin Mildred Scheel, hatte er beide tragischerweise durch Krebs verloren.

Ein Ferienhaus hatte er im salzburgischen Hinterthal, romantisch im Wald an einem plätschernden Bach gelegen, im Winter nur mit Geländewagen erreichbar. Meine Frau und ich machten dort einen Besuch, und ich trank den besten Birnengeist meines Lebens. Es sei dies der Mittellauf des Brandes, erzählte Walter Scheel. Er habe ihn von einem befreundeten Schnapsbrenner aus der Umgebung bekommen. Man konnte immer von ihm lernen; so auch warum die deutschen Nachtjäger, zu denen er im Krieg gehörte, nicht erfolgreicher gegen die Bomberflotten sein konnten. Sie verloren im Steigflug zu sehr an Geschwindigkeit. Einen Gegenbesuch machte Walter mit Barbara Scheel in unser Ferienhaus auf Sardinien. Dort feierte er seinen 75. Geburtstag und traf Konrad und Gabriele Henkel, mit denen er befreundet war. Was mir auffiel: Er war nie von Bediensteten umgeben. Auto fuhr er selbst und für alles, was zum persönlichen Leben und Umfeld gehört, sorgte seine tatkräftige Frau.

Sein 80. Geburtstag wurde groß gefeiert, vor 17 Jahren im Berliner Schloss Bellevue. Johannes Rau gab ihm die Ehre, ich konnte erleben, welch hohe Wertschätzung und welche Sympathien Walter Scheel genoss, bei Politikern aller Richtungen und anderer Prominenz.

Walter Scheel war ein Politiker, der vieles und Bedeutendes bewirkt hat. Weichenstellungen für die Zukunft. Er war ein besonders beliebter Bundespräsident, bürgernah. Das sollte nicht vergessen werden.

Auch seine Freunde werden ihn nicht vergessen, die jetzt in großer Trauer sind.

Quelle: RP
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