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Zeitreise
Erste Stunde Matte

Zeitreise: Erste Stunde Matte
Auf diesem Foto sind mehrere Tausend Liter Schweiß versteckt. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Der Geräteraum einer Turnhalle könnte der langweiligste Ort der Welt sein. Doch nicht nur Nostalgie erweckt Kästen und Böcke zum Leben. Unser Autor begibt sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Von Sebastian Dalkowski

Ich stehe in einem Raum, und alles ist tot. Also ich bin nicht tot, das ist die gute Nachricht, aber der Barren und der Mattenwagen und das Sprungbrett und der Kasten und auch der Ballwagen. Alles tot.

Keine Ahnung, ob der Mensch grundsätzlich dazu neigt, leblose Dinge durch seine eigenen Erinnerungen lebendig zu machen. Jedenfalls habe ich schon nach drei Sekunden das Gefühl, dass der Geräteraum, in dem ich mich befinde, und der sich wiederum in einer Einfachturnhalle befindet, die wiederum im Sportpark Niederheid steht - also dass sich dieser Geräteraum schon nach drei Sekunden mit meinen Erinnerungen zu füllen beginnt. Einst war ich jung, einst hatte ich Sportunterricht. Kein anderes Schulfach gibt uns mehr Erinnerungen mit auf den Weg, vermutlich einfach deshalb, weil wir Dinge tun, anstatt sie nur aufzuschreiben.

Ich lege meine Tasche auf die oberste Matte und das Handy, mit dem ich ein paar Fotos machen möchte als Gedächtnisstütze für später. Dann verliere ich mich.

Der Geräteraum ist durch zwei Gitter in drei Abschnitte unterteilt, jeder wird durch ein Holztor bewacht. Im mittleren Abschnitt steht diese dicke blaue Matte, die eine weiche Landung aus großer Höhe ermöglichen soll. Ich weiß noch genau, wie wir so eine Matte in der letzten Schulstunde hochkant aus dem Geräteraum zogen und auf den Boden knallen ließen und wie mir dann der Luftzug um die noch recht spärlich behaarten Beine strich. Übungen, die mit dieser Matte zu tun hatten, lagen mir nicht. Aber eine Stunde später würde ich mir schon die warmgehaltenen Nudeln aus der Pfanne schaufeln und sieben Stunden später GZSZ gucken, und dann war sowieso alles gut.

Im mittleren Geräteraum steht auch der Ballwagen, und ich muss an den Tag denken, als ich aufhörte, glühender Anarchist zu sein. Als nämlich der Ballwagen offen stand, der Sportlehrer aber noch nicht da war, und alle Jungs blind die Bälle in die Halle schossen. Solange Jungs rücksichtslos Bälle in die Gegend knallen, sobald sie niemand beaufsichtigt, kann Anarchie nicht funktionieren, schlussfolgerte ich.

Im rechten Abschnitt stehen Tischtennisplatten, im linken die Geräte, die niemand mag. Die Kästen, die Böcke, der Barren. Der Mattenwagen mit den blauen Matten. Der Mattenwagen bedeutet immer Bodenturnen, bedeutet Purzelbäume oder Kerze oder Bauchmuskeltraining. In den Ballsportarten schlug ich mich überdurchschnittlich, aber an den Geräten und am Boden sehr bescheiden. Bodenturnen ist wie ein Reclamheft. Das eine nimmt einem den Spaß am Sport, das andere am Lesen. An dieser Stelle wäre eine Bemerkung zum Geruch angebracht, aber es müffelt kaum. Nur wenn ich meine Nase in das Leder des fleckigen Bockes drücke oder in das Plastik der Matte. Es riecht eben nach verschiedenen Stadien von alt in Kombination mit Schweiß, Gummi und Leder.

Vermutlich ist es nur die zweit-lohnenswerteste Variante, sich dem Geräteraum als Nostalgiker zu nähern. Nostalgie verklärt die Vergangenheit, verklärt selbst das Erlittene als etwas, das wichtig war, weil es einen geprägt hat, weil man es überlebt hat, verweigert einem aber jede Erkenntnis. Aufschlussreicher ist der Blick des Archäologen. Wenn er Fantasie hat. Was also verrät so ein Geräteraum über den Menschen?

Zunächst: Der Mensch hält niemals dauerhaft Ordnung. Also er hält eine Art von Ordnung, aber nicht jene, die zu Beginn geherrscht hat. "Bitte alle Geräte wieder ordentlich wegräumen" steht auf einem Zettel, der an der Wand hängt, das "ordentlich" ist unterstrichen. Man hat eher das Gefühl, auf dem Zettel stünde "irgendwie wegräumen". Eine Teppichrolle steht aufrecht, darauf ein blaues weiches Ding, und darüber liegen die Gymnastikmatten.

Gerade am Rand geht die Ordnung in Anarchie über. Wer wird dieses Stahlkabelgewirr entwirren? Wer weiß überhaupt noch, wozu man das braucht? Manche Gegenstände hätte ich auf einer Baustelle erwartet, nicht in einem Geräteraum. Für das größte Stirnrunzeln sorgt die Auflage eines Gartenstuhls, die auf dem Ballwagen liegt. Vielleicht hat jemand seine Gymnastik lieber auf einer Auflage als auf einer Matte gemacht - aber warum nimmt er sie dann nicht wieder mit? Und hat er sich im Sommer gefragt, gerade als er sich zum Lesen auf dem Gartenstuhl niederlassen wollte, wo diese Auflage wohl ist?

Einen Stapel Schaumstoffmatten hat jemand gegen das Trenngitter gestellt und mit zwei Seilen am Gitter befestigt. Das zeugt von einer gewissen Intelligenz. Eigentlich sollten die Gitter nur einen Raum dritteln.

Noch etwas fällt mir auf: Der Geräteraum hat Geschichte, weil die Dinge hier noch alt werden dürfen und nicht wie ein Fernseher oder ein Handy nach drei Jahren gegen ein neueres Modell ausgetauscht werden. Die Matten haben aufgeplatzte Ecken, die Kästen Kratzer, das Leder der Böcke Flecken. Jeder Flecken und Kratzer ist mit einem Menschen verbunden. Sie erzählen Geschichten von Leid und Triumph und vom Triumph über das Leid. Da ist mal jemand mit dem Fuß hängengeblieben, dort auf die Matte geknallt und alle haben sie Schweiß hinterlassen. Hunderte Eimer voll.

Der Geräteraum hat zwar Geschichte - die Halle wurde Mitte der 1970er Jahre erbaut - ist aber zugleich zeitlos. Stünde ich in einer Küche, ich wüsste sofort, in welchem Jahr ich ungefähr gelandet bin. In diesem Raum erkennt der Archäologe nur an den fünfstelligen Postleitzahlen der Hersteller und den Internetadressen, dass er mindestens in den späten 90ern ist. Davon abgesehen könnte es auch 1932 sein oder 1974 oder 1911. Weil sich der Barren eben nicht mehr verändert. Weil es keine Neuentwicklungen im Sektor "Turnkästen" gibt.

Nur wenige Räume sind so analog und entwicklungsresistent wie der Geräteraum. Nicht einmal WLAN gibt es hier. Es ist wie in einem Wald. Auch die Entwicklung der Tanne ist abgeschlossen. Vielleicht ist das der größte Trost für den, der sich eine Stunde in diesen Geräteraum setzt: Die Dinge überdauern. Das Design und die Gegenstände selbst. Früher war nicht alles besser, sondern vieles schon so gut, dass es sich bis heute nicht mehr verändert hat. Und während ich mit diesem Gedanken die drei Tore wieder herunterziehe, um die Ordnung, die keine ist, sich selbst zu überlassen, sehe ich, dass auf jedem Tor in das Metall, an dem der Griff befestigt ist, etwas eingraviert ist: "Herkules Schwebetore, Werner Schmidt, Lüdenscheid-Vogelberg". Nicht Apple, nicht Google, nicht Facebook. Herkules Schwebetore. Werner Schmidt. Lüdenscheid-Vogelberg. Das ist der Sound, den die Ewigkeit hat.

Die Fotos, die ich mit dem Handy gemacht habe, wird es dann nicht mehr geben.

Quelle: RP
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