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Hospiz Düsseldorf
"Es geht um den Menschen als Ganzes"

Hospiz Düsseldorf: "Es geht um den Menschen als Ganzes"
Susanne Hirsmüller (53) leitet das Hospiz am EVK. Ihr Kollege Werner Meier (63) ist Chef der Gynäkologie und der Geburtsklinik. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. An der Kirchfeldstraße sind das Leben und der Tod Nachbarn. Während im Evangelischen Krankenhaus täglich Kinder geboren werden, widmet sich das Hospiz gleich gegenüber den Sterbenden. Ein Gespräch mit den Leitern der Stationen.

Auf den ersten Blick haben die Arbeitsfelder von Susanne Hirsmüller und Werner Meier nicht viel miteinander zu tun: Während die 53-Jährige das Hospiz am Evangelischen Krankenhaus (EVK) leitet und sich täglich um todkranke Menschen kümmert, bringt der 63-Jährige als Leiter der Gynäkologie jeden Tag Kinder auf die Welt. Und dennoch ähneln sich ihre Fachbereiche oft.

Frau Hirsmüller, seit 2006 leiten Sie das Hospiz am EVK. Macht die Arbeit mit sterbenden Menschen automatisch traurig?

Susanne Hirsmüller Nein, zum Glück nicht! Im Gegenteil: Durch die Arbeit mit schwerkranken Menschen lernt man Lebensfreude und auch, die kleinen Momente, die Glück bereiten, mehr zu schätzen. Natürlich sind wir alle im Hospiz auch einmal traurig, wenn einer unserer Patienten stirbt, aber wir haben in unserer Ausbildung gelernt, damit umzugehen. Und es gibt auch Situationen, die richtig glücklich machen: Diese Woche feiert eine Patientin ihren 70. Geburtstag und hat alle Mitarbeiter und ihre Freundinnen zum Kuchenessen eingeladen.

Herr Meier, Sie sind seit 1998 in der Gynäkologie des EVK beschäftigt, haben schon viele Babys auf die Welt gebracht - macht Ihre Arbeit glücklich?

Werner Meier Ich kann sagen, dass meine Arbeit tatsächlich fast immer glücklich macht. Es ist einfach schön, Kinder auf die Welt zu bringen, das Glück der Eltern mitzufühlen und mitzuerleben. Auch nach vielen Jahren freue ich mich noch auf jede einzelne Geburt. Aber natürlich gibt es auch bei uns traurige Momente: Wenn Frauen zum Beispiel tot gebären oder wir wissen, dass das Kind, das auf die Welt kommen wird, so schlimme Missbildungen hat, dass es nicht überleben wird. Außerdem gehört zu der Gynäkologie auch die Onkologie, die sich um an Krebs erkrankte Frauen kümmert. Diese Arbeit macht auch nicht immer nur glücklich.

Hospiz heißt Trauer, Geburtsklinik Freude - ärgern Sie solche Pauschalisierungen?

Hirsmüller Gerade in der Hospizarbeit haben wir viel mit Vorurteilen zu kämpfen. Was wir hier anbieten, umfasst ja nicht nur die stationäre Betreuung in unserem Haus, sondern auch Angebote für zu Hause und für die Angehörigen. Die meisten Menschen wissen das aber nicht, weil sie Angst haben, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Sie haben eine Scheu, unser Haus zu betreten. Aber wenn sie dann hier sind, merken sie schnell, dass das hier kein trauriger Ort ist, sondern dass wir eine gemütliche und wohnliche Atmosphäre schaffen. MEIERIch kann diese Vorurteile gegenüber der Hospizarbeit nur bestätigen: Wenn wir in unserer gynäkologischen Onkologie Patientinnen haben, die keine Chance mehr auf eine Heilung haben, und wir auch nur das Wort "Hospiz" nennen, bekommen die Menschen Angst. Wenn sie dann aber dort sind und ich sie besuche, geht es ihnen oft viel besser als bei uns im Krankenhaus.

Gibt es in Ihrer Arbeit am EVK Parallelen oder sogar konkrete Berührungspunkte?

Meier Tatsächlich haben Hospizarbeit und Geburtsklinik mehr gemein, als es zunächst den Anschein hat: Bei beiden Disziplinen steht der Blick auf den Menschen als Ganzes und sein Umfeld im Mittelpunkt. Das gilt im Medizinischen, das heißt beide Arbeitsweisen haben einen systemischen Ansatz und kümmern sich nicht nur um einen Teilbereich des menschlichen Körpers. Das gilt aber auch für die Betreuungsarbeit, wenn eine Frau ein Kind bekommt, ist die ganze Familie betroffen, der Vater, die Geschwister. Und um die kümmern wir uns auch. Man steht seinen Patienten sehr nahe. Konkret arbeiten wir aber auch zusammen: Wenn wir zum Beispiel einer Patientin in der Onkologie nicht mehr helfen können, stellen wir den Kontakt zum Hospiz her. HIRSMÜLLER Wenn man es philosophisch betrachten möchte, beschäftigen wir uns außerdem beide mit den großen Mysterien des Lebens: der Geburt und dem Tod. Wir kommen irgendwoher und wir gehen irgendwohin. Und Geburtsklinik und Hospiz begleiten die Menschen ein Stück dieses Weges. Diese Philosophie ist Grundlage unserer Arbeit.

Und was unterscheidet Ihrer beider Arbeit?

Hirsmüller Ich denke vor allem die Vorgehensweise: Wir im Hospiz versuchen, Lebensqualität zu schaffen, unseren Patienten Schmerzen zu nehmen und ihnen eine angenehme Zeit zu verschaffen durch Betreuung und durch Gespräch. In der Geburtsklinik und der Gynäkologie geht es dagegen neben der psychologischen Betreuung im medizinischen Sinne ganz darum, den Patienten so zu pflegen und zu heilen, dass er wieder gesund nach Hause kann.

Warum haben Sie sich für Ihre jeweiligen Fachgebiete in der Medizin entschieden?

Hirsmüller Ich bin selbst eigentlich auch Gynäkologin, war aber nur eine kurze Zeit lang in der Geburtshilfe tätig und anschließend immer in der Onkologie. Außerdem engagiere ich mich ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Und so ist es dann eben irgendwann einfach dazu gekommen, dass ich gewechselt habe, es liegt mir, mit sterbenden Menschen umzugehen, ich kann da die richtigen Worte finden, die ihnen und ihren Angehörigen helfen. Und dieses Helfen macht glücklich. Lebensanfang und -ende sind die Mythen, die meine Arbeit spannend machen. MEIER Ich wollte immer in die operative Medizin gehen und zum Beispiel Chirurg werden. Dann war ich während der Ausbildung in München in der Gynäkologie tätig und habe die für mich beste Kombination medizinischer Arbeit gefunden: Ich kann operieren, aber auch Kinder zur Welt bringen. Etwas Besseres gibt es nicht.

Letzte Frage: Würden Sie mit dem jeweils anderen die Rolle und die damit verbundenen Aufgaben tauschen wollen?

Hirsmüller Sicher würde ich diese Arbeit in der Gynäkologie eine Zeit lang machen - das ist ja schließlich auch eines meiner Fachgebiete. Langfristig arbeite ich aber lieber im Hospiz. MEIER Durch die Arbeit in unserer gynäkologischen Onkologie habe ich Erfahrung im Umgang mit todkranken Menschen. Zutrauen würde ich mir diese Arbeit also schon. Aber ich würde sie wahrscheinlich nicht so kompetent ausführen können wie Frau Hirsmüller mit ihrer langjährigen Erfahrung im Hospiz.

LAURA IHME FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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