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Düsseldorf
"Es ist keine Last, sondern eine Verpflichtung"

Düsseldorf. Ein Tag auf dem Unterrather Friedhof - vor Allerheiligen herrscht hier Hochbetrieb. Von Torsten Thissen

Von Ruhe und Frieden kann heute keine Rede sein. Da sind zum Einen die professionellen Gärtner, die sich vor Allerheiligen um die Gräber ihrer Klientel kümmern müssen, aber auch das Gartenamt ist mit schwerem Gerät unterwegs. Und so dröhnt es auf dem Unterrather Friedhof, und wenn es denn doch einmal ein wenig stiller wird, dann hört man das monotone Scharren der Stahlklingen, die sich durch die Graberde wühlen.

Privatpersonen sind natürlich auch da: Beladen mit Gestecken, Blumensträußen und Pflanzen versuchen sie, sich nicht zu verlaufen, denn wenn man nur selten auf den Friedhof kommt, verliert man schnell die Orientierung. Immer wieder gehen die Blicke auf alte und vor allem neue Grabsteine, doch davon gibt es immer weniger. Es gibt stattdessen viel freien Platz in Unterrath. Und jedes Jahr wird er mehr.

Erna Keller kommt jede Woche einmal zum Grab ihres Mannes, und sie hat Sorgen. Bereits ihre Tochter hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass die Leuchte irgendwie versetzt worden sei. "Irgendwer hat versucht, sie aus dem Grab zu ziehen", sagt Frau Keller, aber ganz sicher ist sie sich dann doch wieder nicht. Sie hat Winterpflanzen auf das Grab gesetzt, das Unkraut gejätet und ist einigermaßen zufrieden, allerdings würde sie lieber öfter kommen, aber sie fühlt sich ein bisschen unsicher auf dem Friedhof. "Heute geht es natürlich", sagt sie. Es sind viele Menschen unterwegs.

Darunter auch Hubert Förster, der seine Eltern besucht. Auch er kommt einmal in der Woche, seit seine Mutter 1995 gestorben ist. Bis 2020 hat er die Grabstelle seiner Eltern noch, "und dann gucken wir mal weiter". Förster hat es pflegeleicht, er braucht nur die Hecke zu schneiden, die am Grab seiner Eltern wächst, oft sitzt er aber auf der Bank, die in der Nähe aufgestellt ist. Letztens allerdings hat er sich beschwert, weil ein dorniger Strauch durch die Bank gewachsen war. Der ist inzwischen weg, "aber den Vogeldreck haben sie nicht weggemacht", sagt er. Förster hat allerdings Verständnis dafür.

Gerade weil es immer weniger Gräber auf dem Friedhof gebe, hätten die Stadtgärtner sehr viel Arbeit. Jetzt müssten sie auch die Freiflächen mähen, weil sich die Menschen entweder in Urnen beisetzen lassen oder gar kein Grab mehr wollen. Dennoch: Im Sommer sei der Friedhof ein wunderschöner Park. Und dann kommt auch Herr Förster auf ein Problem zu sprechen, das ihn umtreibt. Seine Frau etwa würde er nicht alleine hierher lassen, und er weiß von einem Bekannten, der seiner Frau verbiete, das Grab ihrer Eltern zu besuchen. Der Grund ist Angst vor einem Überfall. Letztes Jahr habe jemand einer alten Dame die Kette auf dem Friedhof vom Hals gerissen, auch auf seiner Straße sei eine Frau beim Aufschließen ihrer Haustür ausgeraubt worden. "Wenigstens fährt die Polizei jetzt öfter Streife", sagt er und fährt mit seinem Rad den kurzen Weg nach Hause - eigentlich müsste ja auch das Essen auf dem Tisch stehen.

Hinten in einer Ecke kratzt der Neffe von Heinrich Zander das Unkraut aus den Fugen der Steinplatten, die das Grab seines Onkels umranden. Eigentlich hat er ja nichts dagegen, dass man seinen Namen in der Zeitung schreibt, aber seine Frau will das nicht. Ansonsten sind die beiden sehr zugänglich und freundlich. So kommen sie aus Meerbusch etwa ein- bis zweimal im Jahr zum Onkel. Es gibt viele Gräber, die sie pflegen müssen, denn sie seien die letzten in der Familie. "Das ist aber keine Last, sondern eine Verpflichtung", sagt sie. Man muss denen, die gut zu einem waren, ja auch diesen kleinen Dienst erfüllen. Außerdem gibt es auch schöne Momente auf dem Friedhof. "So kommt eigentlich immer ein Rotkehlchen, setzt sich auf den Grabstein und lässt sich nicht vertreiben", sagt sie, heute allerdings sei es nicht da gewesen. "Na ja, auch Rotkehlchen sterben ja", sagt Heinrich Zanders Neffe etwas zu lakonisch. Er sagt auch, er wundere sich, warum das Grab neben dem seines Onkels so ungepflegt ist, das sei es nämlich nie gewesen. "Sehen Sie, so ist das, wahrscheinlich ist die Dame, die sich immer darum gekümmert hat, auch gestorben." Nun wird die Stimmung doch ein bisschen trüb, passend zum Wetter und zum Birkenlaub, das auf den Wegen einen gelben Teppich bildet. Ja, der Friedhof sei schön, besonders im Herbst, sagen sie zum Abschied.

Zwei- bis dreimal in der Woche kommen Horst und Irene Kreinau aus Ratingen, um das Grab seine Eltern zu pflegen. Auch die Kreinaus finden es schade, dass der Friedhof so leer geworden ist. Aber auch sie haben Verständnis: Die Kinder wohnen ja oft weiter weg oder haben keine Zeit mehr für die Pflege. Ihr Grab ist sehr gepflegt. Und das nicht nur zu Allerheiligen.

Quelle: RP
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