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Stille Helfer
"Es ist wichtig, so etwas zu erleben"

Stille Helfer: "Es ist wichtig, so etwas zu erleben"
Im Pflegeheim „Haus Fürstenwall“ bringt Gabriele Maurer Bewohnern wie Maria Brües (r.) regelmäßig das Frühstück. FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Gabriele Maurer ist 77 Jahre alt. Schon lange hilft sie Senioren im Pflegeheim beim Einkaufen, begleitet sie zum Arzt und auf Spaziergängen. Von Oliver Burwig

Manchmal geht Gabriele Maurer nach einem Vormittag im EVK-Pflegeheim "Haus Fürstenwall" nach Hause und ist mit sich unzufrieden. Das sind jene Tage, an denen sie enttäuscht ist, sich nicht für die Bewohner des Heims geöffnet zu haben, sie nicht an sich herangelassen hat. Doch selbst dann hat sie etwas erreicht, was im Betrieb eines großen Pflegeheims wie dem in Unterbilk oft nur schwer möglich ist: Sie gab den Bewohnern das Gefühl, dass jemand Zeit für sie hat.

"Wenn Sie da sind, dann muss ich nicht so schnell schlucken", hat eine Seniorin einmal gesagt, als Maurer ihr beim Essen half. "Die Schwestern haben einfach nicht die Zeit, jedem Bewohner eine halbe Stunde Häppchen zu reichen", sagt die 77-Jährige. Für die Wünsche der Senioren hält Maurer immer einen kleinen Block bereit: Brombeeren kaufen, Zeitung mitbringen, Arztbesuch.

Sie erinnert sich gut an jedes kleine Erfolgserlebnis, denn für Maurer ist die ehrenamtliche Hilfe im Pflegeheim eine Tätigkeit, die sie auch nach 31 Jahren noch regelmäßig tief berührt. Die 15 Frauen und drei Männer, die sich in grünen Kitteln im "Haus Fürstenwall" um die Bewohner kümmern, geben diesen auch eine Struktur im Leben und erfüllen sie mit Dankbarkeit, die der Ehrenamtlerin mehr wert ist als alles Geld der Welt.

"Heute ist Dienstag", habe eine Frau freudig gerufen, als Maurer das Zimmer betrat. "Wie schön, dass Sie da sind!" Aus Momenten wie diesem nehme sie viel mit - Maurer, die ja selbst in einem Alter ist, das viele der Bewohner und Patienten im Haus noch nicht erreicht haben. "Früher", als man noch leichter einen Platz in einem Heim bezahlt bekam, habe sie dort viele Gleichaltrige getroffen, die Hilfe brauchten. "Da ist mir bewusst geworden, wie glücklich ich sein kann, dass ich gesund bin", sagt Maurer.

Viele Bewohner leiden unter Demenz, in den schwersten Fällen dürfen sich nur die Schwestern um die Patienten kümmern. Doch auch weniger schwer erkrankte Bewohner bringen ihre Probleme mit sich. Unerfahrenere Ehrenamtler begleitet Maurer deshalb an den ersten Tagen bei der Arbeit, um Anleitung zu geben, aber auch um zu prüfen, ob ein Mensch dafür wirklich geeignet ist: "Da hängen dann eben Urinbeutel an den Betten. Damit umgehen zu können gehört zu den Dingen, die ich direkt vermitteln möchte."

Die meisten ihrer Kollegen sind über 70. Jüngere Menschen haben oft andere Prioritäten: "Da ist die Familie und der Beruf, man hat einfach keine Zeit dazu." Auch Menschen, die selbst einen Angehörigen pflegen mussten, wollen sich meist nicht im Ehrenamt engagieren. "Die haben das alles erlebt und wollen es nicht noch mal freiwillig machen", sagt Maurer. "Das kann ich verstehen." Leider habe das Interesse am Ehrenamt im Pflegeheim insgesamt nachgelassen.

Viele Menschen würden mit falschen Erwartungen an die Tätigkeit herangehen: "Es macht keinen Spaß, aber Freude." Kleine Gespräche mit den Bewohnern, der Austausch von Zuwendung und Lebenserfahrung seien das, was den Lohn ihrer Arbeit ausmache. Denn auch negative oder schwere Erfahrungen seien es wert, gemacht zu werden. Nie vergessen werde sie den Tag, an dem sie am Sterbebett einer Bewohnerin saß und der einzige Mensch war, der ihr beim letzten Atemzug Gesellschaft leistete. "Es ist wichtig, so etwas einmal zu erleben", sagt Maurer. Arbeiten konnte sie an jenem Tag nicht mehr.

Quelle: RP
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