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Gründung der Tafel vor 25 Jahren
"Es sind insgesamt viel mehr Menschen geworden"

Gründung der Tafel vor 25 Jahren: "Es sind insgesamt viel mehr Menschen geworden"
Heike Vongehr ist Gründerin der Tafel in Düsseldorf. FOTO: dpa, fg lre
Düsseldorf. Vor 25 Jahren wurde die erste Tafel in Berlin ins Leben gerufen. Heute unterstützt der Verein 1,5 Millionen Menschen in Deutschland. Heike Vongehr erzählt, wie sie 1994 in Düsseldorf die erste Tafel in NRW gründete - und was sich seither verändert hat. Von Susanne Hamann

Frau Vongehr, als Sie 1994 zum ersten Mal in Obdachlosenquartieren und beim Sozialamt Nahrungsmittel für Bedürftige anbieten wollen, hat man Sie weggeschickt. Was war da los?

Vongehr Es hieß damals, man habe von allem genug. Es würde den Obdachlosen an nichts fehlen. Nur ein einziger Sozialarbeiter sagte, ich solle das unbedingt machen. Das habe ich mir zu Herzen genommen. 

Und wie sind Sie an die Lebensmittel gekommen?

Vongehr Ich bin damals zu Bäcker Hinkel gefahren und habe gefragt, ob er nicht mitmachen will. Wir kannten uns nicht, aber er fand die Idee auf Anhieb gut und hat zugesagt. Das war eigentlich der Startschuss für die Düsseldorfer Tafel. Wir werden heute beide noch sentimental, wenn wir über diese Situation reden. Anschließend bin ich um 5 Uhr morgens zum Großmarkt gefahren und habe mich dort umgehört. Es haben direkt mehrere Lieferanten zugesagt. So hatte ich die Grundlage, um einen Verein zu gründen. 

An neun Ausgabestellen verteilt die Tafel in Düsseldorf Nahrungsmittel (Archivbild). FOTO: dpa, cas wie

Das haben Sie aber nicht alleine gemacht. 

Vongehr Wir waren fast alle Hausfrauen, Mitte 40. Die Kinder waren schon auf der weiterführenden Schule, wir hatten also Zeit, uns wirklich zu engagieren. Bis zur Gründung ging es dann schnell. Drei Wochen, nachdem ich die Idee hatte, gab es schon den Verein und dann sind wir auch direkt losgefahren. 

Sie sind selbst gefahren?

Vongehr Ja. Zweimal pro Woche haben wir unsere eigenen Autos auf dem Großmarkt mit Lebensmitteln vollgeladen und sind an die Tages- und Nachtstätten für Obdachlose gefahren, um Essen anzuliefern. 

Hatte man Sie da nicht zuvor noch abgewiesen?

Vongehr Doch, aber als wir dann mit den Lebensmitteln vor der Tür standen, waren sie wieder sehr froh über das Angebot. Wir haben damals Gemüse, Obst und Brot gebracht. Das wurde direkt in die Küche gegeben und die haben es verkocht. 

Was es schwierig, so viel Armut zu sehen?

Vongehr Ja, das war es. Es ging mir nicht besonders gut dabei. Wir haben uns ja auch mit den Menschen unterhalten. Viele kannten wir beim Vornamen. Es nimmt einen sehr mit zu sehen, welche Schicksale Menschen erleiden. Und es hat mich sehr dankbar für alles gemacht, was ich habe. Das war eine sehr intensive Zeit. Wir waren alle wie besessen davon zu helfen.

Wie haben die Obdachlosen reagiert?

Vongehr Am Anfang war das schon schwierig. Damals waren das ja fast nur Männer und wir waren fast nur Frauen. Aber nachdem sie dann Vertrauen gefasst hatten, waren sie sehr froh und dankbar. Einer sagte mal: "Es ist wirklich toll, dass auf euch so Verlass ist. Ihr kommt bei Wind und Wetter."

Dann ist die Tafel aber deutlich gewachsen. Wie kam das?

Vongehr Je besser es lief, desto mehr wurde mir klar, dass wir das Projekt ausdehnen müssen. Deshalb habe ich eine große Pressekonferenz gemacht, bei der vor allem die Rheinische Post groß über uns berichtet hat. Im Anschluss an die Berichterstattung rief eine Düsseldorferin an und sagte, sie hätte ein Büro für uns. Das war in einem kleinen Einfamilienhaus in Golzheim und dort sind wir geblieben, bis wir vor neun Jahren nach Unterbilk gezogen sind. 

Hat die Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 vieles verändert?

Vongehr Etwa ab dem Jahr 2000 las man immer mehr darüber, dass es noch andere Menschen in der Bevölkerung gibt, die bedürftig sind. Deshalb fingen wir etwa ab 2003 an, an Träger wie die Diakonie und die Caritas heranzutreten, ob sie Lebensmittelausgabestellen einrichten wollen. Das haben sie auch gemacht, aber anfangs wurde das Angebot nur sehr schleppend angenommen. 

Warum?

Vongehr Weil sich die Menschen geschämt haben, zur Tafel zu gehen. Heute sind wir bekannter, das hilft. Aber es ist immer noch ein Thema. Niemand macht diesen Gang gerne. Auch wenn die Menschen froh sind, dass es die Tafel gibt. Inzwischen haben sich die Ausgabestellen auch zu einem Treffpunkt etabliert. Die Leute kennen sich und merken, wenn jemand plötzlich nicht mehr auftaucht. Aber am Anfang von Hartz IV war das nicht so einfach. 

Kommen denn heute andere Menschen zur Tafel als damals?

Vongehr Es sind insgesamt viel mehr Menschen geworden. An manchen Ausgabestellen stehen regelmäßig lange Schlangen. Viele junge Leute um die 20, viele Rentner. Die Flüchtlingskrise hat auch etwas ausgemacht. Aber insgesamt sind es vor allem sehr viel mehr alte Menschen als früher.

Arbeiten Sie selbst noch in den Ausgabestellen mit?

Vonmehr Nein. Nachdem wir aufgehört haben, selbst zu fahren, kümmere ich mich hauptsächlich um das Administrative. Das übernehmen jetzt die Mitarbeiter der Träger. Ich bin ja auch schon 74. Das finde ich übrigens schlimm. Es gäbe noch so viel zu tun. Deshalb schule ich jetzt auch viel. 

Was würden Sie sich für die nächsten 25 Jahre Tafel wünschen?

Vongehr Ich würde mir wünschen, dass die Tafeln ab morgen überflüssig sind. Es soll allen Menschen so gut gehen, dass sie für sich selbst sorgen und ihre Würde behalten können. 

 
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