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Familiennachzug
Alis Rettung

Familiennachzug eines Flüchtlings: Ali Borems Rettung
Eine Familie, viele Stimmungslagen: Ali Borem (60) will schnellstmöglich wieder auf eigenen Beinen stehen. Seine Frau Samira (50) ist eingeschüchtert vom Ausmaß der Fremdheit, die sie empfindet. Dass Ritaj (6) im Kindergarten aufblüht, freut auch ihre Brüder (v.l.) Mohamed (17), Yosef (15) und Sami (13). FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. 363 Tage nach Beginn seiner Flucht hat es der Syrer Ali Borem geschafft, seine Familie nach Düsseldorf nachzuholen. Deutscher als die Deutschen arbeitet er an einer besseren Zukunft für sie alle – beflügelt vom Enthusiasmus der Kleinsten. Von Tobias Jochheim

Ali Borem weiß, was er will. Das Problem ist, dass fast nichts mehr in seinen Händen liegt.

Mit seinem Selbstverständnis ist das vorne und hinten nicht zu vereinbaren. Wenn es nach seinen Eltern gegangen wäre, hätte Ali Borem eine andere Frau geheiratet. Aber die, die sie ihm ans Herz legten, ihren Namen hat er längst vergessen, lehnte er ab. Ebenso die zweite. Und die dritte. Er wollte Samira. Seine Nachbarin und über drei Ecken auch Verwandte. Sie hatte ihn bezaubert mit ihrer Schönheit und Jugend und all dem, was sich nicht in schnöde Worte fassen lässt. "Liebe, weißt du", sagt er, mehr Aussage als Frage, als würde das alles erklären, und das tut es ja auch.

Sie war 15 und er 25, als sie einander vor 35 Jahren endlich versprochen wurden. Rund 30 gute Jahre verbrachten sie miteinander und schenkten der Welt elf Kinder, wie es Sitte ist in Syrien und vielen anderen Teilen der Welt, wenn man gesund ist und sie versorgen kann. Dann brach das Chaos über ihr Leben herein, wurde der syrische Herrscher Baschar al-Assad immer dreister, kleptomanischer, paranoider und grausamer gegen sein eigenes Volk, kamen islamistische Terrorgruppen ins Land, die Al-Nusra-Front und der sogenannte Islamische Staat. Kämpfer über Kämpfer, unterstützt aus dem Iran, von saudi-arabischen Scheichs und von werweißwem noch. Die Geschäfte wurden schlechter, Schüsse fielen und immer wieder Bomben. Morgens, mittags, abends.

Ali musste gehen, so sehr sie auch weinten, Samira und die jüngsten vier ihrer Kinder, die noch bei ihnen wohnten. Auf "Fifty-fifty" schätzte er die Chancen, dass er es lebend nach Deutschland schaffen würde, eine Schätzung ohne jede Grundlage außer Bauchgefühl, großer Angst und noch größerem Gottvertrauen.

Die Einschläge kamen näher

2012 war ein schlimmes Jahr in Syrien, aber Ali Borem und seine Familie sagten einander, dass es 2013 besser würde. Als 2013 noch schlimmer wurde, setzten sie auf 2014 – und wurden abermals enttäuscht. Die Einschläge kamen näher, wortwörtlich. Also verkaufte Borem das Haus der Familie, ihr Auto und die zwei Lastwagen seiner kleinen Spedition. Weiter als in ein Flüchtlingscamp an der syrisch-jordanischen Grenze kam die Familie aber nicht, und dort wurde es mit jedem Tag voller. Als er sah, wie Hilfsgüter der EU, Schlafsäcke und Lebensmittel, weiterverkauft wurden, während er und seine Familie darbten, bezahlte er einen Schleuser, suchte in Jordanien eine Wohnung, quartierte seine Familie dort ein und wagte sich allein auf die nächste Etappe.

Am 5. November 2014 begann er seine Flucht, von der er wusste, dass sie nach Deutschland führen sollte, aber nur hoffen konnte, dass es auch eine nach vorn sein würde. Dass sich der Einsatz seines Lebens lohnen würde um es zu retten, das und auch die seiner Frau und ihrer Kinder. Was sich in Syrien und den jordanischen Flüchtlingscamps abspielt, hat mit Leben nichts zu tun, sondern im besten Fall mit Überleben.

Angela Merkel (CDU), Sigmar Gabriel (SPD) und Horst Seehofer (CSU) und viele der Menschen, die sie vertreten, interessiert das nicht übermäßig. Im geltenden EU-Recht heißt es "Die Mitgliedstaaten tragen dafür Sorge, dass der Familienverband aufrechterhalten werden kann" (Art. 23 Abs. 1 der Richtlinie 2011/95/EU, PDF), doch angesichts einer drohenden Vervielfachung der Flüchtlingszahlen durch den Familiennachzug will eben niemand mehr Sorge dafür tragen, ganz im Gegenteil. Selbst wer aus einem Bürgerkriegsland geflohen ist, soll nach dem neuen, verschärften deutschen Asyl- und Aufenthaltsgesetz, so der Wille von Innenminister Thomas de Maizière, zunächst nur für ein Jahr bleiben dürfen und seine "Kernfamilie" dabei in den ersten zwei Jahren nicht nachholen können.

Wiedervereint nach 363 Tagen

Ali Borem aber konnte. Weil seine Flucht in die einzige Richtung, die ihm geblieben war, früh genug und glücklich endete. Er war in Deutschland angekommen, aufgenommen, anerkannt. Nach wochenlanger Odyssee mit Stationen in einem libyschen Schleuser-Treff, auf einem italienischen Militärschiff, das sie aufnahm, bevor es das Boot der Schleuser versenkte, in einem Bus durch die Schweiz, einer Polizeiwache in München, in Erstaufnahmelagern in Unna und Wickede. In Düsseldorf begann das Warten auf ein Stück Papier. Er hatte sich geschworen Deutsch zu lernen, aber immer wieder drifteten seine Gedanken. Weg von deutscher Grammatik, hin zu seinen Lieben.

Am 3. November 2015 endlich waren alle Formalitäten für den Familiennachzug erfüllt: Samira und ihre vier jüngsten Kinder landeten in Frankfurt. Die anderen sieben waren schon zuvor in Sicherheit, bei ihren eigenen Familien, über die halbe Erde verteilt, in Kuwait etwa oder in der Schweiz. Mit dem Fernbus fuhr Ali Borem zum Frankfurter Flughafen, mit einem Deutschlandticket fuhren sie gemeinsam zurück nach Düsseldorf. In ihre neue Heimat.

363 Tage nach Beginn seiner Flucht, 303 Tage nachdem er in Düsseldorf angekommen war, war er wieder vereint mit Samira und ihren Kindern. Seit vier Wochen leben sie nun auf 45 Quadratmetern mit Küche und Bad auf dem Gang des Heims in Hassels. Aber sie leben. Zusammen.

Wer Samira heute sieht, sieht vor allem ihre Augenringe und Tränensäcke, doch Ali hat den Ehrgeiz, sie weitestgehend wieder verschwinden lassen kann. Sein eigenes Gesicht sah ganz ähnlich aus, noch vor einem Vierteljahr. Die Sorge um die Seinen, die unerhörten Gebete, dazu Schuld und Scham, weil er im sicheren, grünen Düsseldorf-Gerresheim saß, während seine Familie illegal in Jordanien lebte. In den vergangenen Monaten hatte Ali ihnen bei den allabendlichen Telefonaten eingeschärft, kein Risiko mehr einzugehen, sich nicht erwischen lassen von den jordanischen Behörden, nicht einmal mehr zur Schule gehen. Nicht so kurz vor dem Ziel. Dass das Ziel Deutschland heißt, liegt nicht an Schleusern, von denen sich Ali Borem Lügenmärchen hätte erzählen lassen. Es liegt an einer Website, auf der aufgelistet war, was welches Land Asylbewerbern bietet. "Official!", betont Ali Borem, aber zumindest das UN-Flüchtlingshilfswerk biete nichts dergleichen an, beeilt man sich dort zu versichern. Vielleicht war die Website also doch nicht so "official". Wie auch immer: jetzt ist er hier.

Deutscher als die Deutschen

Man könnte Ali Borem leicht für einen geduldigen Mann halten, aber nichts wäre falscher. Er ist bloß so höflich und flexibel, dass seine Ungeduld wirkt wie Geduld. Es ist die Kombination, die jeder Flüchtling braucht, der möglichst schnell keiner mehr sein, sondern wieder auf eigenen Beinen stehen will.

Die Rolle als Bittsteller und Almosenempfänger kratzt nicht bloß am Stolz von Ali Borem, sie bereitet ihm fast körperliche Schmerzen. Aber er kann es nicht ändern, nicht sofort. Bis er arbeiten darf, betätigt er sich als Geschäftsmann in eigener Sache. Dabei wirkt er wie das genaue Gegenteil des verschlagenen Feilschers aus dem Basar-Klischee, fast hanseatisch ist sein Gestus. So handelt er ein besseres Leben für sich und die Seinen aus. Schritt für Schritt, Stempel für Stempel.

Das macht er deutscher als die Deutschen. Es brodelt in ihm, er will aktiv werden – und zwingt sich doch dazu, sein Vertrauen in die Bürokratie zu setzen. Weil es alternativlos ist. Seine Laptoptasche enthält keinen Laptop, sondern dutzende Klarsichtfolien voller Anträge und Bescheinigungen, Zertifikate und Zeugnisse. Sie kommen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, vom Jobcenter, Ausländeramt, Sozial- und Gesundheitsamt. Jüngst ist ein Wohnberechtigungsschein dazu gekommen samt einer Liste mit Adressen von Wohnungsgenossenschaften. Wenn Ali Borem durch die Stadt eilt zum nächsten Behördentermin, hat er immer eine Hand auf dieser Tasche, die über seiner Schulter hängt. Wenn er sitzt, liegt sie geschützt in seinen Schoß.

Zwischendurch sitzt jetzt auch wieder die sechsjährige Ritaj dort, ihre Jüngste, die alle nur "Tuta" nennen, Maulbeere, weil sie so klein ist und so süß. Ali Borem hatte schon fast vergessen, wie das ist. Er schweigt über seine Gefühle, aber das sieht man ihm an.

"Ihr Deutschen seht, dass wir Menschen sind"

Man würde gern mit seiner Familie sprechen, aber mehr als ein schüchternes Lächeln bekommt man auch beim dritten Treffen nicht heraus aus seiner Frau und den drei Jungs, die 13, 15 und 17 Jahre alt sind und durch die Bank ein paar Jahre jünger wirken, trotz der Gelfrisuren und schicken Sportschuhe. Die vier sind noch ganz Scheu und unverdauter Schock vom Herausgerissenwerden aus einem Mittelschichtsleben, hinein in Gewalt und Elend.

"Das alles ist ein großes, grausames Spiel", sagt Ali Borem. Politik und Religion solle man nicht mischen. "Wieso sollte ich mir Hass auf Israel einreden lassen?" Gerade seine angeblichen sunnitischen Glaubensbrüder vom sogenannten IS seien doch "die schlimmsten Verbrecher der Welt". Ali Borem hält sich an Fakten. "Und Fakt ist, dass unsere Retter die angeblich ,Ungläubigen‘ aus der westlichen, christlichen Welt sind!" Ein guter Mensch ist, wer zeigt, dass er ein guter Mensch ist. So sieht er das. Die Deutschen gehören dazu, natürlich, weil sie ihn nicht abgewiesen haben, obwohl er aus Syrien ist und Muslim. Und ihm erlaubt haben, seine Familie herzuholen, in dem Wissen, dass sie alle angewiesen sind auf eine Wohnung und Essen und Trinken und Gesundheitsversorgung und ein Sozialticket und Bildung und viel Zeit. "Ihr sehr, dass wir Menschen sind", sagt er.

Das einzige, was er will außer dem Frieden, in dem er und seine Familie nun leben, ist eine Chance, dieses Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Vorerst bleibt ihm nur, seine Ungeduld im Zaum zu halten und seine Dankbarkeit zu zeigen. Deshalb will er nicht darüber reden, was er vermisst aus seinem alten Leben, welche Gegenstände und Gerüche. Das fände er respektlos gegenüber denen, die ihm eine neue Heimat gegeben haben.

Die kleine Tuta geht seit sechs Wochen in den Kindergarten. Schon ist sie kaum wegzudenken aus diesem Paradies aus Kinderlachen, Spielzeug und Obst. Der Türrahmen des Büros der Leiterin ist behängt mit Postkarten. "Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln" steht darauf, "Dubissowatvoneinzischartisch" und "Legt das Leben dir Steine in den Weg... – Bau was schönes draus!" Auf einer steht: "Die Vergangenheit ist Geschichte! Die Zukunft ein Geheimnis."
 
Ali Borem wird nicht warten, bis sich dieses Geheimnis ihm und seiner Familie offenbart. Seine Bewegungen mögen bedächtig sein, aber er rennt auf die Zukunft zu: "Wir alle müssen so schnell wie möglich Deutsch lernen, Arbeit finden, Steuern zahlen", sagt er, ganz preußischer Patriarch. "Das ist das Ziel."

Auf einem Dokument vom Kindergarten steht die Frage: "Soll Ihr Kind zusätzlichen Förderunterricht in seiner Muttersprache erhalten?"

Ohne zu zögern setzt Ali Borem sein Kreuz bei "Nein."

Weitere Texte, in denen sich unsere Autoren mit dem Jahr 2016 beschäftigen, finden Sie hier. 

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