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Düsseldorf
Feuerholz statt Facebook

Düsseldorf: Feuerholz statt Facebook
Sven-André Dreyer hackt neuerdings lieber Holz, statt sein Facebook-Konto zu pflegen. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Ein Jahr lang ohne Mitgliedschaft bei Facebook. Geht das überhaupt? Unser Mitarbeiter Sven-André Dreyer wagte den Versuch.

Ich habe Schluss gemacht. Vor einem Jahr schon. Und von einer Minute auf die andere. Knallhart. Ich kam nach Hause, habe den Rechner hochgefahren und mich mühsam durch die Abmelderegularien gekämpft, die der Seitenbetreiber mit subtilen Fragen für Aussteiger wie mich bereithält: "Willst Du deinen Account wirklich löschen?" Man wollte mich halten, mir ein schlechtes Gewissen bereiten. "Die ganzen Infos, die Dir verloren gehen werden", mahnte man, "die ganzen Freunde, die du vermissen wirst". Man legte mir einige Steine in den Weg, aber irgendwann hatte ich den Dreh raus und konnte ihn löschen, meinen Facebook-Account. Bis dahin hatte ich ihn über viele Jahre gehegt und gepflegt. Und plötzlich war ich frei, erleichtert, von mir fiel ein gigantischer digitaler Ballast.

Grund für meinen Ausstieg war ein Abendessen. Vielmehr das Foto eines Abendessens. Zugegeben: Von diesen Fotos hatte ich in meiner aktiven digitalen Zeit hunderte gesehen. Vielleicht tausende. Immer wieder posteten Menschen ihr Essen und ich fragte mich, warum? Warum fotografiert jemand sein Essen und teilt es virtuell mit hunderten und tausenden weiteren Usern? Vielleicht um zu zeigen, wie stilvoll man Graupensuppe auch anrichten kann. Oder um mit diesem Foto die Accounts weiterer virtueller Freunde zu verknüpfen und anderen Nutzern zu zeigen: Seht her, ich muss mein veganes Kichererbsenpüree nicht alleine essen, weil ich Freunde habe.

Gründe genug, um auszusteigen. Ich wollte nicht nur meine Ruhe, ich wollte auch meine echten Freunde zurückhaben, nicht diese digitalen Kontakte mit fantasievollen Namen und abenteuerlichen Profilbildern.

Ich war es leid, die Todesnachrichten berühmter Persönlichkeiten von Facebook zu erfahren. Schlimmer ist nur, dass dort Menschen kondolieren, die mit dem in der vergangenen Nacht verstorbenen Musiker nicht die Bohne zu tun haben und trotzdem seinen größten Hit mit dem Kommentar "R.I.P. - Du wirst mir fehlen" posten.

Ich war es leid, zu Veranstaltungen eingeladen zu werden und dann eine der Optionen "Ich nehme daran teil", "Ich nehme nicht daran teil" oder "Ich nehme vielleicht daran teil" anklicken zu müssen. Das kannte ich bislang nur von den kleinen Zettelchen, die einst im Klassenraum mit der Frage "Willst du mit mir gehen?" umherschwirrten.

Der Teilnehmerliste solcher Veranstaltungen nach zu urteilen, sah es auch bei Kleinstlesungen zunächst stets danach aus, als müsse der gastgebende Autor die Arena statt des kleinen Hinterhofcafés buchen, um die Masse der virtuell angemeldeten Gäste unterbringen zu können. Tatsächlich gekommen sind dann stets nur die üblichen Vier, weil die anderen Gäste offensichtlich plötzlich doch keine Zeit hatten.

Ich war es leid, mich durch hunderte Informationen wühlen zu müssen, bis ich an die wirklich interessanten Neuigkeiten geriet. Immer wieder fühlte ich mich gefangen und in die Zeit zurückversetzt, als man noch Dia-Abende veranstaltete und ich mich durch mindestens fünf Riegel "Costa Brava, Sommer 1986" quälen musste. Selfies hier, Selfies dort. Und zur Abwechslung mal ein Abendessen.

Ich war es leid, meinen Facebook-Kontakten in ihren Feierabendsport folgen zu müssen: "Nach der Arbeit noch 14 Kilometer gelaufen und 50 Situps gemacht. Yeah!" Narzissten. Laut aktueller Psychologie wollen sie damit zeigen, wie viel Arbeit sie in ihr Aussehen investieren. Dafür werden sie gleich doppelt belohnt: Waschbrettbauch, und für ihre Ego-Posts erhalten sie mehr Likes als andere Facebook-Nutzer. Ich war es leid, Freunden digital bei der Trennung von ihren langjährigen Beziehungen zusehen zu müssen. Beziehungsstatus: "Es ist schwierig". Wochen später dann Happy-Posts mit einem neuen Lebensabschnittspartner. Selfies auf dem Balkon, gemeinsame Abendessen.

Ich war es leid, mich nur noch von "Sendern" umgeben zu sehen, denn darum geht es doch in der digitalen Welt. Alle wollen senden, niemand mehr will empfangen.

Das Netz, so erforschen Soziologen derzeit, mache uns zu unverbindlichen und teilnahmslosen Klickern. Gefällt mir. Und zu übereifrigen Hatern. Gefällt mir gar nicht. Menschen, die, vermeintlich anonym, Verwünschungen und Drohungen, nicht selten mit Rechtschreibfehlern gespickt, absetzen. Aktuelle Studien zeigen, dass User, die besonders häufig auf soziale Netzwerke wie Facebook, YouTube, Twitter und Co. zugreifen, eine dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit aufweisen, an Schlafstörungen zu leiden. Und auch, wenn die zuständigen Forscher der Pittsburgh University betonen, dass die Studie nicht abschließend verlässlich sei, weil sie den Zusammenhang zwischen sozialen Netzwerken und Schlafproblemen nicht eindeutig belegt: Allein die Tatsache, dass sich immer mehr Soziologen und Psychologen mit den Folgen der Digitalisierung unserer Gesellschaft befassen, zeigt, wie groß die Auswirkungen der sozialen Medien auf alle Teilbereiche unserer Lebenswelt mittlerweile sind.

Ich war es leid, zu den Menschen zu gehören, die in der Straßenbahn ohne Unterlass auf ihr Smartphone schauen, aus Angst, etwas zu verpassen. Sie stehen auf Konzerten, fotografieren ihre Lieblingsbands und teilen virtuell ihr Erlebnis in Echtzeit. Und statt sich wenigstens dann auf den Fortgang des Konzertes zu konzentrieren, kontrollieren sie für den Rest des Abends, wer das Posting geliked hat. Und wer nicht. Sympathie auszudrücken kann heute so einfach sein.

Ich war es leid, Zeit zu verlieren. Immer häufiger ertappte ich mich dabei, mich unproduktiv einem unreflektierten Informationskonsum auszusetzen, leid, Sprüche lesen zu müssen wie "Offline ist der neue Luxus". Ein Paradoxon: Poesiealbumsprüche wie dieser erhalten hunderte Likes, aber zur Seite legt das Smartphone deshalb niemand. Meine echten Freunde in der realen Welt quittierten meinen Ausstieg schulterzuckend. Ein Exot, wer heute nicht mitmacht.

Was ich vermisse? Nichts. Kaum etwas. Zugegeben: Es ist mühsamer geworden, an aktuelle Veranstaltungstipps zu gelangen. Und wenn ich mehrere Menschen zu meinem Geburtstag einladen möchte, so bedarf es einiger Telefonate. Und trotzdem: Ich habe Schluss gemacht. Vor einem Jahr schon. Knallhart und von einer Minute auf die andere. In der durch die Abstinenz gewonnen Zeit treffe ich heute hin und wieder Bekannte, um gemeinsam zu kochen. Und ich hacke nun Feuerholz für lange Winterabende mit realen Freunden vor dem Kaminofen. Schade nur, dass ich davon keine Fotos posten kann. Sie bekämen bestimmt ein paar Likes.

Quelle: RP
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