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Düsseldorf
Mit 251 Flüchtlingen in der Zeltstadt

Fotos: Eine Nacht in der Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft
Fotos: Eine Nacht in der Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft FOTO: Bernd Schaller
Düsseldorf. Wie menschenwürdig ist die Unterbringung in Großzelten? Privatsphäre ist dort kaum vorhanden, aber die Bewohner kommen erstaunlich gut miteinander klar. Besuch in einem Provisorium. Von Uwe-Jens Ruhnau

In Düsseldorf leben zurzeit 4189 Flüchtlinge in mehr als 40 Unterkünften. Bis Jahresende könnte sich ihre Zahl auf mehr als 7000 erhöhen. Um mit dem Andrang fertig zu werden, hat die Landeshauptstadt an drei Standorten Großzelte aufgebaut. Sie werden immer wieder kritisiert, manche sprechen von nicht menschenwürdigen Zuständen. Ist das so? Die Düsseldorfer Flüchtlingsbeauftragte Miriam Koch und ich haben das Großzelt an der Itterstraße im Süden der Stadt besucht.

20.30 Uhr am Dienstag Die Unterkunft an der Itterstraße in Holthausen steht auf einem alten Fußballplatz, der Boden ist teils aufgeweicht. Heute Abend ist es trocken, viele Menschen stehen und sitzen draußen, es wird Tischtennis gespielt. Felicia Bot-Jurca (30) steht vor einem der vier Zelte. Die Betreuerin des DRK ist Leiterin der Unterkunft. Sie ist aus Rumänien vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen, sie hat Erziehungswissenschaften studiert. "Ich kann diese Menschen verstehen, ich war in einer ähnlichen Situation. Einige von ihnen sind sehr nervös." Gleich wird sie von ihrer Schwester (31) abgelöst. Bei der Nachtschicht wird diese von einem Mann unterstützt, den eine Zeitarbeitsfirma stellt.

20.35 Uhr Es gibt zwei Zelte, in denen jeweils bis zu 152 Menschen schlafen können. Ein langer, weißer Mittelgang wird in regelmäßigen Abständen links und rechts durch Eingänge unterbrochen. In den Räumen, die nach oben offen sind und dünne Wände haben, stehen immer vier Etagenbetten. Privatsphäre - Fehlanzeige. Über den Vorhängen befinden sich Adressen: "Itterstraße 4-11" steht für "Zelt vier Zimmer elf". "Die Leute wollen davon Visitenkarten haben, sie möchten eine Adresse", sagt Bot-Jurca. Identität, ein Heim, ein neues Leben: Davon werden wir heute viel hören. Es gibt an der Itterstraße viele Albaner, Syrer, Mazedonier, Afghanen, Mongolen, sogar Chinesen, die wir allerdings nicht antreffen. "Sie gehen am frühesten von allen ins Bett." Das Licht im Schlaftrakt wird jedoch erst um 23.30 Uhr gelöscht. Manche Nationalitäten kommen nicht so gut miteinander klar. In der Nacht zuvor hat es Ärger mit einer afghanischen Familie gegeben, die nicht mit Syrern oder Albanern nächtigen wollte. "Eine Ausnahme", sagt Bot-Jurca, "wir haben das Problem durch Umquartierung gelöst."

Düsseldorf: Die Flüchtlingsunterkunft an der Itterstraße aus FOTO: G�nter von Ameln

Uhr Unser Fotograf nimmt Menschen auf dem Gang auf, die Stimmung ist gelassen, die Bewohner sind neugierig, die Kinder erwartungsgemäß die Eisbrecher. Ein Bewohner läuft auf uns zu. "No photo, no photo", ruft er. Der 31-jährige erklärt auf Englisch, dass er aus Afghanistan stammt und nach Pakistan ging. Seine Frau stammt aus Indien, sie ist Hindu, er ist Moslem. Al-Qaida sei hinter ihnen her, ihre Beziehung sei verboten. "Als mein Vater uns davon abhielt, nach Hause zu kommen, haben sie ihn umgebracht." Er ist sicher: Ein Foto in der Zeitung, im Internet, und sie sind wieder in Lebensgefahr. Bernd Schaller löscht die Bilder.

21 Uhr Durch einen Gang geht es in das Versorgungszelt. Dort brennt die ganze Nacht Licht. An den Tischen, wo Männer Zigaretten drehen und Jugendliche Musik auf dem Handy hören, können bis zu 80 Menschen Platz nehmen. Hier wird gegessen, in der Ecke steht der Container der Einrichtungsleiterin, er hat eine Glasscheibe. Es gibt keinen Fernseher. Das Zelt ist unterteilt. Hinter einem Durchgang befinden sich acht Waschmaschinen und acht Trockner. Die Dusche dahinter links ist belegt. Rechts sind Damentoiletten. Wir öffnen eine der Türen, auf der Klobrille befinden sich Schuhabdrücke. Ein Piktogramm fordert auf, sich nicht auf die Brille zu stellen. "Wir überlegen, bei neuen Unterkünften auch Stehtoiletten einzubauen", sagt Miriam Koch. "Wir sind in einer Lernphase."

21.05 Uhr Die nächste Lektion: Ein Raum mit fünf Duschen, den man durch eine abschließbare Tür betritt, wird von den meisten Nutzern abgeschlossen, wenn sie drin sind. "Natürlich will jeder alleine duschen", stellt Koch fest. Wenn Großzelte keine Intimität bieten, versuchen die Menschen, sie sich zu schaffen. Bei den nächsten Unterkünften soll es einzelne abschließbare Duschen geben.

21.15 Uhr Kleine Kinder fahren auf Bobbycars um uns herum, die etwas größeren spurten über den Holzboden, auf dem Linoleum liegt, ein Jugendlicher fegt auf einem Roller durchs Zelt. Es ist laut, aus Lüftungseinlässen rauscht warme Luft herein. Einige Erwachsene wollen mit uns sprechen. In der Unterkunft befinden sich 106 Männer, 85 Frauen (davon fünf schwanger), 60 Kinder. Lidra Selmani steht vor uns, sie ist zwölf und spricht hervorragend englisch. Ihr Vater Besim steht hinter ihr, in einer durchsichtigen Plastiktüte hält er 30 bis 40 unterschiedliche Medikamente. Lidra möchte für ihren Vater einen neuen Arzttermin organisieren. Er hat Lähmungen über dem Auge, es ist wohl die "tension", die Anspannung. Die Frau vom DRK erklärt uns, dass viele sich scheuen, die Medikamente der deutschen Ärzte zu nehmen, weil sie nicht nachvollziehen können, was sie einnehmen sollen. Miriam Koch will sich kümmern. So wie sie immer wieder Ausweise und Bescheinigungen abfotografieren soll. Die Menschen möchten, dass es mit ihren Verfahren weitergeht. Und sie fragen, wie lange sie in diesem Großzelt bleiben müssen.

Düsseldorf: Hier sollen Flüchtlinge untergebracht werden FOTO: dapd, dapd

21.30 Uhr Lidra strahlt, als wir sie für ihr tolles Englisch loben. Ebenso Mov (9), die in Garath zur Schule geht und für ihre Eltern und die Schwester von "a house, a house" träumt und damit ein eigenes Zimmer meint. Es sei zu laut, man höre alles, das Essen sei nicht gut. Die Flüchtlingsbeauftragte beschließt spontan, eine Infoveranstaltung abzuhalten. Denn diese Großzelte, von denen es drei gibt, sollen im Oktober geräumt werden. Sie wurden nur aufgebaut, um den hohen Zuweisungszahlen gerecht werden zu können. Neun Containeranlagen sind im Bau, ab dem 1. Oktober finden die ersten Umzüge statt.

22 Uhr Es dauert, bis alle zusammengetrommelt sind und es einigermaßen ruhig ist. Auf dem Journalisten-Laptop wird eine Präsentation gezeigt, die Koch auf einem Stick in der Handtasche mit sich trug. Mehr als 30 Mal wird erklärt: Für eine Familie gibt es in den Containern einen Raum mit Küche sowie ein Bad mit Toilette. Die Bilder müssen wieder und wieder gezeigt werden, es wird nachgebohrt: Wann ist der Transfer? Wirklich jeder ein Bad? Und die Singles? Zwei Singles ein Zimmer, zehn Singles eine Küche - und gemeinsame Toiletten und Duschen. Das finden alle in Ordnung, oft fallen Dankesworte.

23.10 Uhr Ein Herr sitzt ein bisschen abseits. Er ist Syrer, Bau-Ingenieur. Er muss anonym bleiben, aus seiner Familie stammen wichtige Vertreter der Opposition gegen Staatspräsident Assad. Er hat ein 200 Meter hohes Haus gebaut, er zeigt die Bilder auf seinem Handy. Er besaß selbst einen 13-Stockwerke-Bau, wohnte im Penthouse. Das Gebäude ist zerstört worden. Der Mann flüchtete, die Familie ist noch in der Heimat. Das Uni-Diplom hat er in Übersetzung dabei. Er ist verzweifelt, weil die Anerkennungsverfahren anderer Bewohner weiter sind und er seit vier Monaten nichts gehört hat.

Von Syrien nach München – die Route der Flüchtlinge FOTO: AP/Lefteris Pitarakis

23.20 Uhr Das Ordnungsamt fährt vor. Eine Anwohnerin hat sich beschwert. Die Stadtbediensteten können keine Störung erkennen und werben um Verständnis.

0 Uhr Pause im Imbiss auf der Itterstraße, es gibt Pizza - und ein Zufallstreffen. "Sind Sie Frau Koch?", fragt ein Mann am Nachbartisch. Es ist Jaap de Keizer. Er arbeitet für eine holländische Firma, die sieben der neun Containeranlagen errichtet. Er muss morgen zur Stadttochterfirma IDR, seinem Auftraggeber.

0.30 Uhr Es halten sich immer noch viele Menschen im Freien auf, obgleich es merklich kühl geworden ist, die Tischtennisplatte ist belegt. Im Versorgungszelt wird es ungemütlich. Zwei arabisch sprechende Männer kriegen sich kurz in die Haare, die Versöhnung mit Umarmungen folgt, als Lavinia Bot-Jurca hinzukommt. "Das sind nette Leute", sagt sie, "ich habe keine Angst. Wenn was wäre, würde ich die Polizei holen, die ist schnell da."

1.20 Uhr Einige Flüchtlinge können noch immer nicht schlafen, einige Düsseldorfer aber auch nicht. Auf dem Smartphone von Miriam Koch laufen alle paar Minuten E-Mails ein. Auf der Internetseite der Stadt kann man seine Hilfe anbieten. Kinderbetreuung, Laptops, Sprachunterricht. "Vergangene Woche hatten wir 400 E-Mails. Wir schaffen es kaum, das abzuarbeiten", sagt Koch. Bodrick Johnson (25) möchte von der Hilfsbereitschaft profitieren. Er fährt wohl schon heute ins Rathaus. Ein Ehrenamtler könnte ihm Sprachunterricht erteilen. Er ist aus dem Kongo, spielt Piano, will in ein Orchester, er hat Bands produziert. Sein Leben war durch die Zulu bedroht.

4.15 Uhr Rundgang. Es ist beinahe ruhig in den Schlafzelten, ein Kind weint. Manchmal hört die Frau vom DRK leise Musik. Einige der Bewohner finden besser in den Schlaf, wenn sie auf dem Smartphone Klänge aus der Heimat hören. Die Erinnerung spendet dann eine Geborgenheit, die das von vielen so hochgelobte Deutschland noch nicht geben kann.

Quelle: RP
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