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Dolmetscher für Flüchtlinge
"Mein Herz weint"

Flüchtlinge in Düsseldorf: Mein Herz weint
Mohammed Khalaf (24) dolmetscht ehrenamtlich für die Ankömmlinge. Oft hört er dabei von grausamen Schicksalen. FOTO: RED
Düsseldorf. Seine Eltern flohen aus dem Libanon, er kam in Iserlohn zur Welt. Jetzt dolmetscht Mohammed für neu ankommende Flüchtlinge. Ihre Erlebnisse berühren ihn oft sehr. Von Stefani Geilhausen

Sein erster Einsatz wäre fast auch der letzte gewesen. "Das kann ich nicht", hat Mohammed Khalaf gedacht, nachdem er stundenlang am Fernbahnhof des Flughafens für Menschen gedolmetscht hatte, die aus der Hölle des Bürgerkriegs und den teils unbeschreiblichen Strapazen einer gefährlichen Flucht in Deutschland angekommen waren.

"Es sind schlimme Geschichten, die sie erzählen", sagt der 24-Jährige. "Und sie wollen darüber sprechen, wollen erklären, warum sie hier sind und Schutz suchen." Er, dessen Muttersprache Arabisch ist, bekommt ungefiltert zu hören, was sie erlebt haben, ohne Umweg über eine fremde Sprache. Da sind die Emotionen größer, und die Bilder noch viel lebhafter. "Oft weint mein Herz. Und meist ist es auch schwer, die Tränen zurückzuhalten", sagt der junge Deutsche, dessen Eltern lange vor seiner Geburt aus dem Libanon geflohen sind.

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Menschen wie er werden dringend gesucht für die Betreuung der Flüchtlinge, die jeden zweiten Abend am Fernbahnhof eintreffen. Menschen, die den Flüchtlingen in ihrer Muttersprache erklären können, wie es nun weitergeht. Die meisten kommen in Notunterkünfte im Land. Andere, die schon Papiere haben, reisen weiter, zu Verwandten in Deutschland oder Skandinavien.

Mohammed ist dann doch wiedergekommen. Inzwischen steht er schon zum 15. Mal in der weißen Weste, auf der mit Filzstift steht, in welchen Sprachen man ihn ansprechen kann, am Bahnsteig, zusammen mit rund 50 Helfern. Ehrenamtler wie er sind dabei, der Arbeitersamariterbund und die Feuerwehr, Diakonie-Mitarbeiter und ein Sicherheitsdienst. "Ich habe verstanden, dass ich hier helfen kann" - so erklärt Mohammed, warum er nach dem schweren ersten Tag trotzdem immer wieder "Ja" gesagt hat, als das Helfer-Team ihn zum Einsatz bat. Der Prophet, dessen Namen er mit Stolz trägt, hat gesagt, der beste Mensch sei der, der anderen nützlich sein kann.

Fotos: Eine Nacht in der Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft FOTO: Bernd Schaller

An Mohammed wird der Irrsinn der Bürgerkriege offensichtlich. Ein junger Moslem, geleitet von seinem tiefen Glauben, steht hier, um denen zu helfen, die von Fanatikern im Namen derselben Religion verfolgt werden. Missbrauch nennt Mohammed das. "Islam heißt Frieden und nicht Terror."

An diesem Abend kommt der Flüchtlingszug aus Passau. Manche der Reisenden haben Rucksäcke dabei, mit dem Logo irgendeines süddeutschen Sportvereins, eine ganze Gruppe kommt in identischen Leinenschuhen. Spenden, mit denen sie auf einer ihrer Stationen versorgt worden sind. Andere haben nur eine Plastiktüte und wieder andere nichts als ihre Kinder auf dem Arm und Kleider am Leib, die oft viel zu dünn für einen rheinischen Oktober sind. "Es kommen immer noch welche in Flipflops und kurzen Hosen", sagt Mohammed. Für die gibt es im abgesperrten Bahnhofsbereich eine kleine Kleiderkammer.

Auch Essen erhalten sie dort, sogar vegane Mahlzeiten, und Getränke, und für die Erschöpften stehen einige Betten bereit. Einmal hat Mohammed einen Vierjährigen, der kaum die Augen offenhalten konnte vor Müdigkeit, dorthin bringen wollen. "Der Junge hat ganz ernst geantwortet, dass er lieber auf dem Boden schlafen würde, damit ein anderer das Bett nehmen kann", sagt der junge Mann und schluckt. "Kinder, die hier ankommen, sind keine Kinder mehr."

Rund 130 Flüchtlinge erreichen Düsseldorf mit Zügen FOTO: Kai Jürgens

Wie die zehn und zwölf Jahre alten Geschwister aus Afghanistan, deren gesamte Familie ausgelöscht wurde, und die sich ganz allein auf den Weg gemacht haben. Oder das Kind der Syrerin, das auf der Flucht starb, und dessen Vater im Bürgerkrieg gestorben war.

Immer wieder erzählen ihm die Flüchtlinge auch, was sie zurücklassen mussten: "Villen, Autos, Jobs. Viele Akademiker kommen hier an, die früher gut verdient haben, und die auch hier etwas leisten wollen", sagt Mohammed. Er glaubt fest daran, dass die Integration der Ankömmlinge gelingen wird. "Die Leute wissen, dass sie sich anpassen müssen." Auch wenn manche mit falschen Informationen zur Flucht aufgebrochen sind. Ab und an fragen Flüchtlinge, wann sie denn ihr Haus bekämen und die 50.000 Euro, die ihnen versprochen worden seien. "Die müssen natürlich umdenken", sagt Mohammed, "genau wie die, die sich vor jedem Uniformierten fürchten und glauben, jeder Polizist hier sei ein Soldat."

Mohammed wird auch heute wieder am Bahnsteig stehen und den Ankommenden helfen, sich zurechtzufinden. Auch er lernt dabei. Viele Begegnungen sind wertvoll für ihn, mit manchen seiner Schützlinge hält er noch immer Kontakt. "Ich habe hier meine Stärke gefunden", sagt er. Früher hat er Zahnmedizin studieren wollen. Jetzt weiß er, dass Sozialarbeit viel sinnvoller für ihn ist. "Weil ich hier etwas für andere bewegen kann."

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Quelle: RP
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