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Düsseldorf
Flüchtlinge lernen "Deutschland"

Düsseldorf: Flüchtlinge lernen "Deutschland"
Dolmetscher Riad Mousa (links) erklärt den Kursteilnehmern, wie der Fahrkartenautomat im Hauptbahnhof funktioniert. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Ohne Sprachkenntnisse ist Integration nicht möglich. Da viele Sprachkurse wegen der Flüchtlingswelle überfüllt sind, kommen private Bildungsträger zum Zuge. Dort lernen die Teilnehmer auch Umgangsformen und Gesetze. Von Jessica Kuschnik

Nazeer Sharifi ist ein praktischer Mensch. Wenn er etwas Neues lernt, dann wird es geübt, bis es sitzt. Gerade hat man ihm erklärt, wie die Fotoboxen am Hauptbahnhof funktionieren, da springt er gleich selbst als Retter in der Not ein. Zwei Frauen mit Kopftuch studieren die Anleitung in einer der Kabinen, da fragt sie der 23-jährige Flüchtling auf Arabisch, ob er helfen kann. Kann er. Denn für viele Flüchtlinge und Migranten ist Deutschland bei ihrer Ankunft ein Buch mit sieben Siegeln. Sie kennen das deutsche Alphabet nicht, manche können nicht lesen und schreiben. Umso wichtiger, dass sie nicht nur die Sprache lernen, sondern auch wie sie eine Fahrkarte kaufen, Fahrpläne lesen, was die Schilder im Supermarkt bedeuten und welche Gesetze und Umgangsformen hier gelten.

Sharifi ist Schüler in einer Institution, in der all das auf dem Stundenplan steht. In der privaten Bildungseinrichtung "Die Schule für Berufe mit Zukunft" in Bilk werden eigentlich Ergo- und Physiotherapeuten ausgebildet. Doch wenn in den Ämtern und Einrichtungen wie Awo oder Caritas alle Kurse voll sind, kommen Einrichtungen wie diese zum Zuge. Neben Infoveranstaltungen für Arbeitssuchende gibt es seit Kurzem auch die Sprach- und Integrationskurse für Flüchtlinge. 13 Wochen lang nehmen diese am Unterricht teil. "Sie lernen auch etwas über Verhaltensregeln, Rechtsgrundlagen, unser Frauenbild und unsere Streitkultur", erklärt Projektmitarbeiter Florian Stock.

Fotos: #ZufluchtNRW: So leben Flüchtlinge in unserer Region FOTO: RPO, Laura Sandgathe

Wie wichtig auch Kenntnisse über die Umgangsformen in Deutschland sind, wird seit den Übergriffen in Köln in der Silvesternacht in ganz Deutschland diskutiert. "Bei uns war das noch kein Thema", sagt Stock, "aber wir überlegen, wie wir vor Karneval mit den Flüchtlingen über den richtigen Umgang mit Frauen sprechen." Man sei darum bemüht, dabei nicht den Eindruck zu erwecken, man wolle jemanden bevormunden oder habe Vorurteile.

Bei ihrem Ausflug zum Hauptbahnhof, bei dem Dolmetscher Riad Mousa mit den Schülern der Einrichtung Alltagsprobleme löst, beweisen die Flüchtlinge, dass sie einen respektvollen Umgang nicht erst lernen müssen. In der Straßenbahn räumen Nazeer Sharifi und Naweed Etemadi (24) ihre Plätze für zwei Frauen. Beide Männer kommen aus Afghanistan und haben eigentlich kein Recht auf Beschulung in der Bildungseinrichtung. "Voraussetzung für die Teilnehmer ist, dass sie aus Syrien, Eritrea, dem Iran oder dem Irak kommen und eine Aufenthaltsgestattung oder eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender haben", erklärt Stock. Nur dann bekommt die Einrichtung die Kosten erstattet. "Wir schicken aber niemanden weg. Es ist schwierig, zu erklären, warum der eine teilnehmen darf und der andere nicht."

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Fünfmal in der Woche kommen die Flüchtlinge für täglich vier Stunden zum Lernen nach Bilk. Es gibt zwei Kurse mit maximal 25 Teilnehmern. Einige sind Analphabeten, andere sprechen gleich mehrere Sprachen, nur eben kein Deutsch. "Die meisten sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland", sagt Stock. Mit der Bahn geht es an diesem Tag zum Hauptbahnhof. Dort erklärt Dolmetscher Mousa verschiedene Schilder. "Jetzt verstehe ich auch, wie sich die gelben und die weißen Aushänge unterscheiden - der eine ist für die Abfahrt, der andere für die Ankunft", sagt Nahed Najem (42). Eine arabische Übersetzung finden sie nicht. Nur wenige Kursteilnehmer sprechen Englisch und können sich im Notfall verständigen.

Es sind Kleinigkeiten, die den Flüchtlingen den Alltag erschweren. "Ich habe nie verstanden, ob die Obstpreise im Supermarkt für das Kilo oder das Stück Obst ausgezeichnet sind", sagt eine Kursteilnehmerin. Für Hanin Moustfa sind die Übungen eine große Hilfe. Die 26-Jährige ist mit ihren beiden Kindern aus Syrien nach Deutschland gekommen und hier auf sich alleine gestellt. Die Flut von Informationen, die sie hier erhält, sei alleine kaum zu bewältigen.

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

Dass bei der Integration von Flüchtlingen auch die Mithilfe der Einheimischen gefragt ist, wird beim Obstkauf im marokkanischen Viertel hinterm Hauptbahnhof deutlich. "Sind das Marokkaner", fragt ein Mann, als er die Gruppe mit drei Frauen und acht Männern sieht. "Wir haben nämlich ein großes Problem mit denen." Am Wochenende hatte die Polizei dort eine Razzia durchgeführt und 40 Personen verhaftet. "Wir sind hier, um zu lernen, wie Deutschland funktioniert", rechtfertigt sich die Gruppe - wohl nicht zum letzten Mal. Dafür aber in immer besserem Deutsch.

Quelle: RP
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