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Eine Abschiebebeobachterin berichtet
"Diese Menschen werden in eine ungewisse Zukunft geschickt"

Flughafen Düsseldorf: Dalia Höhne beobachtet Abschiebungen
Dalia Höhne (34) arbeitet als Abschiebebeobachterin am Düsseldorfer Flughafen. FOTO: Diakonie RWL
Düsseldorf. Die Zahl der Abschiebungen in NRW hat sich 2015 verdoppelt. Dalia Höhne kommt der Verzweiflung und Resignation der Flüchtlinge näher als sonst jemand. Ein Gespräch über die Schicksale hinter den Ziffern. Von Franziska Hein

Dalia Höhne hat Erfahrung mit Flüchtlingen. Die 34-Jährige hat schon mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR in Malawi und Äthiopien gearbeitet und in Südafrika einen Abschluss in Flüchtlingsstudien gemacht. Seit 2012 arbeitet sie für die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe am Düsseldorfer Flughafen als unabhängige Abschiebebeobachterin. 2015 hat sie an 224 Rückführungen teilgenommen. 3656 Asylbewerber wurden vom Düsseldorfer Flughafen zurück in ihre Herkunftsländer oder sichere Drittstaaten gebracht. Die Zahlen haben sich verdoppelt im Vergleich zu 2014. Doch hinter jeder Ziffer verbirgt sich ein Schicksal. Was Menschen, die abgeschoben werden, erleben, erzählt Dalia Höhne im Gespräch. Sie ist eine von derzeit vier Abschiebebeobachterinnen an deutschen Flughäfen. 

Frau Höhne, wie würden Sie Ihre Rolle als Abschiebebeobachterin beschreiben? 

Dalia Höhne: Ich unterstütze Asylsuchende, deren Antrag abgelehnt wurde. Für mich sind diese Menschen immer noch Flüchtlinge, die aus unterschiedlichen Gründen auf ein besseres Leben gehofft haben. Im Vergleich zu dem, was ich früher gemacht habe, sind meine Möglichkeiten eingeschränkt. Da gerate ich immer wieder an Grenzen.

Haben Sie ein Beispiel dafür? 

Dalia Höhne: Beispielsweise im Zusammenhang mit gesundheitlichen Problemen, wenn ich eine Person vor mir habe, die trotz Flugtauglichkeitsbescheinigung nicht so wirkt, als ob sie die Rückreise ohne Schaden übersteht. Diese Menschen werden in eine ungewisse Zukunft zurückgeschickt. 

Wie ist denn die  Bandbreite solcher Fälle – von Reiseübelkeit bis zu Herzproblemen? 

Dalia Höhne: Es gibt noch Fälle, die weit über Reiseübelkeit hinausgehen. Es geht darum, ob eine Person reisetauglich ist und ob in dem Zielstaat die medizinische Versorgung theoretisch möglich ist. Es stellt sich dann schon die Frage, wie lange die Personen noch menschenwürdig leben können. Ich hatte auch schon Personen mit Aids oder Tuberkulose. Wenn in der Abschiebesituation eine Vorerkrankung akut wird, kann das auch zum Abbruch führen. 

Was sind das für Fälle?

Dalia Höhne: Ich hatte schon Menschen mit Diabetes, die nicht richtig eingestellt waren, oder Menschen mit Bluthochdruck, der lebensbedrohlich in die Höhe schnellte, so dass der Notarzt kommen musste. Kürzlich hatte ich einen Fall, in dem die Abschiebung abgebrochen werden musste, weil sich am Flughafen Anzeichen eines Herzinfarkts zeigten. Der Arzt konnte einen Herzinfarkt nicht ausschließen. Die Maßnahme wurde daraufhin sofort abgebrochen und die Person ins nächste Krankenhaus gebracht. Wenn man solche Fälle mitbekommt, ist das schon heftig. Allerdings muss man sagen, dass im vergangenen Jahr nur 24 Maßnahmen aus medizinischen Gründen abgebrochen wurden. 

Was sind denn Ihre Möglichkeiten in einem solchen Fall? 

Dalia Höhne: Ich kann nicht entscheiden, ob abgebrochen wird, aber ich kann zwischen Ärzten, den verantwortlichen Behörden und der Polizei vermitteln. Natürlich bin ich dann im Austausch mit Ärzten. Bei Sammelabschiebungen, wenn ein ganzes Flugzeug gechartert wird, sind immer ein Arzt und eine Arzthelferin anwesend, die mitfliegen. In diesem Fall hat der Arzt dann entschieden, die Abschiebung abzubrechen, und die zuständige Ausländerbehörde hat dem zugestimmt. Natürlich kann ich im Nachhinein nochmal nachfragen, was schon vorher von der Erkrankung bekannt war und warum die Schwere nicht vorher festgestellt wurde.

Wann beginnt denn Ihre Tätigkeit und wo endet sie?

Dalia Höhne: Sie beginnt, wenn die abgelehnten Asylbewerber am Flughafen der Bundespolizei übergeben werden und endet an der Flugzeugtür. Ich komme nicht mit ins Flugzeug. Aber in Einzelfällen bleibe ich an der Tür stehen und höre noch, was drinnen passiert. Dann bekomme ich auch mit, ob es zum Beispiel Widerstand gibt. 

Das heißt, Sie bekommen von der Abholung und vom Flug nichts mit? 

Dalia Höhne: Nur das, was mir die Beteiligten erzählen. Optimal wäre es, wenn ich schon bei der Abholung an der Unterkunft bis zur Übergabe an die Behörden im Zielstaat dabei sein könnte. 

Wie laufen denn Abschiebungen grundsätzlich ab? 

Dalia Höhne: Bei Einzelabschiebungen werden die Betroffenen etwa zwei Stunden vorher zur Bundespolizeiinspektion am Flughafen gebracht, dann werden ihre Unterlagen geprüft, die Flugtauglichkeit festgestellt und das Gepäck kontrolliert. Dann gibt es eine Luftsicherheitskontrolle, Handgepäck ist nicht erlaubt. Handy und Portemonnaie werden der Bundespolizei am Flughafen übergeben, dort während der Wartezeit in einer Box aufbewahrt und in aller Regel den Betroffenen bereits während der Fahrt zum Flugzeug wieder ausgehändigt. Die Betroffenen warten in einem Warteraum in der Polizeiinspektion. Sie steigen noch vor den anderen Passagieren ins Flugzeug, oft sitzen sie ganz hinten im Flieger, damit die anderen Passagiere das nicht so mitbekommen. In besonderen Situationen werden die Betroffenen auch begleitet, Straftäter oder psychisch Kranke, die sich selbst gefährden könnten. Sammelabschiebungen sind immer begleitet. 

Wie erleben Sie die Menschen, die abgeschoben werden? 

Dalia Höhne: Es gibt Extremfälle: Es gibt Menschen, denen es egal ist. Und dann gibt es Menschen, die zusammenbrechen, wenn sie realisieren, es ist alles vorbei. Die vielleicht in ihrer Heimat ihr Haus verkauft haben, sie haben Kinder, die in Deutschland zur Schule gehen. Es gab sogar schon den Fall, dass jemand aus dem Flugzeug über das Vorfeld gerannt ist. Zwischen diesen beiden Extremen ist vieles möglich. Natürlich sind viele verzweifelt oder haben resigniert. Das ist schwer mitanzusehen. Ich habe häufig auch das Gefühl, dass einige gar nicht genau verstanden haben, was mit ihnen passiert. 

Das heißt, Ihnen fällt das nicht schwer, sich in solchen Situationen zurückzuhalten? 

Dalia Höhne: In Situationen, die sich vor Ort nochmal ganz anders darstellen, als sie vorher angegeben wurden, fällt das natürlich schwer. Zum Beispiel bei Personen, die hier zur Schule gegangen sind und kurz vor dem Abitur standen, hier studieren wollten und die dann mit ihrer Familie abgeschoben werden. Oder bei Familientrennungen. Es gab eine Frau, die sehr darunter gelitten hat, dass ihr Mann zum Zeitpunkt der Abschiebung bei der Nichte in einem anderen Ort war. Sie kam aus einem konservativen Dorf in Albanien und meinte, sie könne nicht zurück, weil sie nicht wisse, wo sie hin solle, wenn ihr Ehemann jetzt nicht mitkomme. Da habe ich die Ausländerbehörde natürlich gefragt, ob das nicht möglich ist, die Abschiebung zu vertagen. Nach Albanien wird ja sehr häufig abgeschoben, manchmal finden ein- bis zweimal im Monat Sammelabschiebungen dorthin statt. Das war nicht erfolgreich. Das geht natürlich nicht spurlos an mir vorbei. Wir konnten aber organisieren, dass die Frau über mein Handy mit ihrem Mann sprechen konnte. Der kam zwei Tage später nach. Solange ist sie in Tirana (Hauptstadt von Albanien, Anm. d. Red.) in einem Hotel geblieben. 

Stellen Sie das System als solches in Frage?

Dalia Höhne: Ich beobachte, aber ich werde mich nicht in eine Abschiebung einmischen. Natürlich kann ich manchmal deeskalierend wirken. Aber ich werde mich nicht neben eine Person setzen und sie beruhigen, damit sie flugfähig ist. Was ich letztlich von dem System halte, ist meine persönliche Meinung. Was meinen Job betrifft, verhalte mich demgegenüber neutral. Man kann das hinterfragen, aber das ist nicht meine Aufgabe. 

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