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Düsseldorf
Forschung für die Kitteltasche

Düsseldorf: Forschung für die Kitteltasche
Rehabilitations-Forscherin Bettina Studer hat den Erfolg von Therapien im hohen Alter untersucht. FOTO: Bretz, Andreas (abr)
Düsseldorf. Mit ihrer Forschung an der Uni wollen Wissenschaftler viele Probleme angehen, beispielsweise Volkskrankheiten besiegen oder mit neuartigen Pflanzen den Hunger in der Welt bekämpfen. Daneben aber gibt es auch gut 250 aktuelle Forschungsprojekte, die häufig von der Öffentlichkeit fast unbemerkt bleiben. Von Ute Rasch und Andreas Bretz (Fotos)

Es wurde lange Zeit unterschätzt: das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Letztlich ist es jedem Doktor überlassen, welche Fragen er stellt, ob er auch Nicht-Gesagtes heraushört und vor allem, ob er eine Diagnose verständlich erklären kann. Dabei gilt als erwiesen, dass der Erfolg einer Behandlung stark davon abhängt, wie beide Seiten miteinander reden und sich verstehen. Aber wie bringt man Ärzten bei, mit Patienten richtig zu sprechen? "Das muss während des Studiums erlernt werden", weiß André Karger vom Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er hat erforscht, wie sich solche Fähigkeiten am besten vermitteln lassen.

"Na, wie geht's Ihnen, Frau Müller" - "Gar nicht gut, Herr Doktor." In den nächsten Minuten wird es von den Fragen des Arztes abhängen, wie viel er erfahren wird von Frau Müllers Lebenssituation und ihren Problemen. "Aber wie gut oder schlecht er kommuniziert, darf nicht nur von seinem Talent abhängen. Das muss man lernen wie operieren", so Karger. Deshalb trainieren künftige Mediziner an der Uni Düsseldorf das Patientengespräch ab dem ersten Semester in einem Prüfungsfach: Kommunikative Kompetenz.

Für ihre Tierforschung bekam Petra Wester eine Wildkamera von der Betz-Stiftung. FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Dabei lernen sie, auch nach der allgemeinen Lebenssituation und nach den Gefühlen ihrer Patienten zu fragen, nach Schlafqualität und Appetit. Sie trainieren, wie schlechte Nachrichten überbracht werden sollten und wie sie ein Gespür für Alkoholmissbrauch und Suizidgedanken entwickeln können, um auch solche heiklen Themen anzusprechen. "Wir stellen bei den Prüfungen fest, dass sich angehende Mediziner gern auf das Terrain der Fakten begeben, auf dem sie sich sicher fühlen", so Karger. Es habe sich bewährt, wenn Schauspieler bei den Seminaren den Part der Patienten übernehmen. Sprachwissenschaftler, mit denen die Mediziner kooperieren, werten die Gespräche aus, "denn da kommt es oft auf Kleinigkeiten an." Doch nicht nur bei angehenden Medizinern, sondern auch bei langjährigen Praktikern hapert es oft mit der Kommunikation. Zumal wenn Sprachprobleme wie nach einem Schlaganfall das Verständnis erschweren.

Barbara E. Weißenberger, Professorin für Betriebswirtschaft, hat die Kostenfallen bei Großbauprojekten erforscht. FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Für schwierige Situationen hat Karger soeben die neuen "Kitteltaschenkarten" entwickelt, die Verhaltensregeln in Kurzform vermitteln. Dazu nutzt der Fachmann auch die modernen Kommunikationsmittel. "Über sein Smartphone kann der Arzt ein kurzes Video anklicken", das ihm vor einer mutmaßlichen schwierigen Situation auf die Sprünge hilft.

Aber Forschung treibt nicht nur neue Ansätze voran, sie kann auch alte Vorurteile abbauen. So ist die Meinung weit verbreitet, es lohne sich nicht, sehr alte Menschen nach einem Schlaganfall intensiv zu therapieren. Sie profitierten davon eh nicht mehr, man würde sie vielmehr überfordern. Nun aber hat die Rehabilitations-Forscherin Bettina Studer (Institut für Klinische Neurowissenschaften und Medizinische Psychologie) mit Kollegen von der Mauritius-Klinik in Meerbusch nachgewiesen: Therapie ist in hohem Alter ebenso erfolgreich wie bei jüngeren Menschen. Das Team wurde soeben mit dem renommierten Forschungspreis der Fürst-Donnersmarck-Stiftung ausgezeichnet.

Der Bio-Chemiker Christian Schwarz hat ein Verfahren entwickelt, mit dem kostengünstiger und umweltschonender produziert werden kann. FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Der Alltag in den Kliniken spiegelt die bisher gängige Einschätzung: "Alte Menschen haben schlechtere Chancen auf Rehabilitation. Wenn überhaupt, dann kommen sie seltener in den Genuss einer intensiven Neurorehabilitation, die darauf spezialisiert ist, die verloren gegangenen Funktionen wieder zu aktivieren", so Bettina Studer. Bei einer Studie mit 2300 Patienten, von denen 1400 über 65 Jahre und knapp 500 über 80 Jahre alt waren, konnte sie nachweisen: "Alte Menschen erholen sich mithilfe intensiver Therapie genauso gut wie Jüngere." Und vor allem: Dank einer Reha sind sie deutlich seltener pflegebedürftig, was wiederum die Kosten senkt. In einem zweiten Schritt beschäftigen sich die Wissenschaftler nun mit der Frage: Wie kann man alte Menschen dazu motivieren, nach dem Ablauf der Reha zuhause weiter zu trainieren und die Übungen in ihren Tagesablauf einzuplanen.

Dazu sollen jetzt spezielle Methoden entwickelt werden. Bettina Studer: "Aber das ist eine Herausforderung auch für Jüngere."

Quelle: RP
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