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Serie "Mein Tag"
Frau Spürkel und ihre Tageskinder

Serie "Mein Tag": Frau Spürkel und ihre Tageskinder
Mit dem Frühstück fängt der Tag um kurz nach acht an: Ein bisschen Butter klebt an Lenas (wird im August 2 Jahre alt) Händen. "Gar nicht schlimm", sagt Tagesmutter Ute Spürkel. Acht Stunden sind die Kinder von Montag bis Donnerstag bei ihr. FOTO: privat/Jörg Janßen
Düsseldorf. Wir begleiten Düsseldorfer durch einen für sie typischen Tag. Heute: Ute Spürkel (59), die als Tagesmutter in Unterrath drei Kinder betreut.

7.45 Uhr Ute Spürkel greift zum Messer, schmiert Butter auf die kleinen Graubrotecken. "Kommt Kinderkäse drauf", sagt sie. In der Tupperdose daneben liegt schon alles parat. Fleischwurststückchen, Käse ohne Brot und bereits fertige Graubrot-Happen. Es muss schnell gehen, denn gleich wird es hektisch.

8 Uhr Die Klingel geht. Vor der Türe der Einliegerwohnung am Herforder Weg in Unterrath steht Stefanie Tolksdorf. Im Schlepptau hat sie Julian, ihren Ältesten. Der war, bevor er in die Kita kam, auch schon bei "Ute", wie Frau Spürkel von allen genannt wird. Jetzt ist seine kleine Schwester Lena an vier Tagen in der Woche bei der Tagesmutter. "Wir sind froh, dass wir Ute haben. Die Kinder lieben sie", sagt die junge Mutter, die gleich gegenüber wohnt und seit einiger Zeit wieder im elterlichen Betrieb arbeitet. Beinahe gleichzeitig steht Annika Jeckel vor der Türe. Ihr Sohn Nico wird in ein paar Wochen zwei. "Er bleibt auf jeden Fall bis Sommer 2017. Für die Kita war Nico mir zu jung, hier ist es familiärer, da ist er einfach besser aufgehoben", sagt die Mutter.

8.15 Uhr Zum ersten Mal an diesem Tag singt Ute Spürkel "aram sam sam, aram sam sam, gulli, gulli, ram sam sam". Nico und Lena gefällt's. Sie klatschen in die Hände und rufen "nochmal". Nico greift nach einem Bilderbuch. "Auto, Auto", ruft er beim Blick auf ein großes Gefährt. "Betonmischer", sagt Ute Spürkel, vorsichtig bemüht, den Wortschatz des Jungen zu erweitern. "Mischer", antwortet der prompt. "Er ist schon weit", freut sich Spürkel, die früher Arzthelferin war. Als ihr letzter Chef in Pension ging, entschied sie sich umzusatteln. "Mit 50 war es nicht so einfach, eine neue Praxis zu finden", meint die heute 59-Jährige. Da sie Kinder mag, sich intensiv um die heute zwölfjährige Enkelin Fabienne kümmerte, entschied sie für den Job als Tagesmutter.

8.45 Uhr Es klingelt wieder. Vor der Türe der separaten Einliegerwohnung am Herforder Weg in Unterrath steht Gábor Papp mit seinem Sohn Daniel. Der Vater ruft ihm noch ein paar Worte in einer fremden Sprache zu. Papp ist Ungar, praktiziert mit seiner Frau Christina eine zweisprachige Erziehung. Meist bringt er Daniel am Morgen, sein Job als Fechttrainer lässt das zu.

9 Uhr Das Frühstück wird serviert. Die vorbereitete Tupperdose mit den Broten wird geöffnet. Gleich daneben steht noch ein Behälter mit Gurken und Tomaten. Lena greift nach der Trinkflasche mit dem Schnabel. Jedes Kind hat ein Frühstücksbrettchen mit Tiermotiv. 60 Euro nimmt Ute Spürkel für die Mahlzeiten. Dazu zählt neben dem Frühstück auch das Mittagessen und ein Nachmittagssnack, zu dem auch immer frisches Obst zählt.

10 Uhr Die Kinder vertragen sich gut. Lena hat es eher auf Puppen abgesehen. Die Jungen sind von den Spielautos fasziniert. Richtig aneinandergeraten sie an diesem Vormittag nicht. Sie haben Spaß miteinander. Nur einmal zerren sie beide an einem Spielhund, den man an einer Schnur über den Teppich ziehen kann und dessen Kopf dabei fleißig wackelt. "Jeder darf mal", sagt die Tagesmutter. Acht Stunden hat sie ihre Schützlinge bei sich. Von Montag bis Donnerstag. Immer von morgens acht bis kurz nach vier. "Den Freitag halte ich mir frei. Das finden manche Eltern nicht so gut, die kommen dann auch nicht zu mir, aber mir gibt es ein Stück Freiheit, auf das ich nicht mehr verzichten möchte", sagt Ute Spürkel. Die Freiheit kann sich die gebürtige Ratingerin leisten. Denn die Nachfrage nach einem Tagesmutter-Platz ist enorm. In Düsseldorf fehlen trotz ambitionierter Ausbau-Programme Betreuungsplätze. Wenn sie wollte, könnte Ute Spürkel auch fünf Kinder nehmen. Doch das möchte die Tagesmutter nicht. "Vier ginge vielleicht, aber mehr nicht. Dann würde ich vielleicht nicht mehr jedem Kind gerecht", sagt sie.

11.30 Uhr Heute gibt es Nudeln mit Bolognese-Sauce. "Einmal die Woche, immer mittwochs", sagt die Unterratherin. Daniel und Nico schmeckt's. Dass die Nudeln ab und zu vom Löffel plumpsen, stört sie nicht. Auch Lena hat Freude am Essen. Zwischendurch hilft Ute Spürkel ein wenig nach.

12.15 Uhr Mittagsschlaf ist angesagt. Die Tagesmutter lässt die Rollläden herunter, zieht den drei Kindern ihre Schlafsäcke an. "Fische", ruft Nico. "Ach ja, die muss ich noch einschalten", sagt Ute Spürkel. Kinder brauchen Rituale, das weiß sie. Und die Wandlampe gehört dazu. Genau wie die Stoffpuppe Manni, ohne die Nico nicht einschläft. Jeden Morgen bringt er die mit und packt sie nachmittags auch wieder ein. "Vergessen geht nicht, der Junge braucht den ,Manni' auch bei sich zuhause", erzählt die Tagesmutter, während sie die Gitter vor den Nischen mit den Bettchen verschließt. In der Hand hält sie das Babyfon. Beim geringsten Geräusch der Kinder meldet es sich. Die Zeit nutzt Spürkel für Erledigungen in der Hauptwohnung oder für eine kurze Pause.

13 Uhr Das Babyfon bleibt stumm. Zeit für einen Latte Macchiato mit Mann Klaus. Der 60-jährige war bei der Flughafen-Feuerwehr, ist seit kurzem in der passiven Phase der Altersteilzeit. Das mehrfach modernisierte Haus mit dem 1000 Quadratmeter-Grundstück stammt aus den 1930er Jahren. "Meine Großeltern wohnten schon hier", sagt der Unterrather. Den Job seiner Frau findet er gut, ab und an liest er den Kindern was vor. Sie mögen ihn. "Den Verdienst einer Tagesmutter sollte man nicht überschätzen", meint er. Das sieht auch seine Frau so. 5,50 pro Stunde und Kind erhält sie über das Jugendamt. Ihren Monatsbeitrag entrichten die Eltern direkt an die Stadtkasse. Auf etwas mehr als 2000 Euro kommt Ute Spürkel bei drei Kindern und der Vier-Tage-Woche. Minus Sozialabgaben, minus Versicherungen. Auch die Vorbereitungen am Morgen, das Aufräumen am späten Nachmittag, das Wäschewaschen oder die Einkaufsfahrten sind mit dem Stundensatz abgegolten. "Ein Zuverdienst ist es, aber Idealismus gehört eben auch dazu", sagt Spürkel.

14.05 Uhr Im Babyfon knarzt es. Einer der beiden Jungs regt sich. Ute Spürkel geht hinüber, drückt auf einen Schalter. Ganz dezent ist Rolf Zuckowski zu hören. Die Kinder stehen auf. Draußen blitzt und donnert es. Es gießt in Strömen. Doch mit Lego und Bobbycar vergeht die Zeit bis zum Obst-Snack um 15 Uhr wie im Fluge.

16.05 Uhr Es klingelt. Christina Papp steht in der Tür, Daniel läuft ihr in die Arme. "Ich glaube, meine Schwester und ich waren fast fünf, als wir in die Kita kamen. Ich weiß nicht, wie meine Mutter das so viele Jahre nur mit uns zuhause hinbekommen hat", sagt die junge Frau, die Vollzeit in der Logistikbranche arbeitet. Minuten später kommt auch Stefanie Tolksdorf. Bei Nico wird noch einmal rasch die Windel gewechselt. Dann geht alles ganz flott. "Tschüss Ute, bis morgen", rufen die drei Mütter.

17 Uhr Ute Spürkel hängt das Spültuch an den Haken. Wirklich Feierabend hat sie nicht. "Ich koche gleich für uns", sagt sie. Und wann geht sie in Pension? "Vor 65, aber ein bisschen mache ich noch", sagt sie. Und dann? Ute Spürkel zeigt auf ein großes Wohnmobil, das in der Garagenauffahrt steht. "Wir wollen reisen", sagt sie. Ihre Augen leuchten.

Quelle: RP
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