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Streitgespräch
Gerresheim: Ideologischer Blödsinn oder gute Lösung?

Streitgespräch: Gerresheim: Ideologischer Blödsinn oder gute Lösung?
Redakteur Torsten Thissen: ",Autos raus' ist Blödsinn von Öko-Faschisten." FOTO: Bretz, Andreas (abr)
Düsseldorf. Das Glasmacherviertel wird anders erschlossen als ursprünglich geplant. Das führt zu Kontroversen, auch in dieser Redaktion.

Gerresheim Das Glasmacherviertel wird umgeplant. Statt auf Autos setzen die Planer auf Bus und Fahrrad Ein grober Fehler, findet RP-Redakteur Torsten Thissen. Sein Kollege Thorsten Breitkopf sieht das anders.

Thorsten Breitkopf: "Die Zukunft gehört, Rad, Bahn und Bus." FOTO: Bretz

Thissen Ich finde es verwunderlich, wie sehr das Auto in der Stadtplanung verteufelt wird. Wie im Glasmacherviertel, wo 3000 Menschen vorgeschrieben wird, wie sie denn bitte von A nach B zu kommen haben, während die Entscheidungsträger sich mit ihren Dienstwagen durch die Stadt kutschieren lassen. Zumal das Auto heute ja nicht das Auto der Zukunft sein wird.

Breitkopf Die Zahl der Menschen, die in der Stadt leben und ein Auto haben, sinkt doch rapide. Viele Menschen in meinem Alter fahren kein eigenes Fahrzeug, sondern sind nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Für die wenigen Wege, die man damit nicht bewältigen kann, nehmen sie ein Carsharing-Auto. Damit sparen sie sich den immensen Unterhalt. Du musst akzeptieren, dass die Zeit des Autos als Statussymbol endgültig vorbei ist.

Thissen Das sollte den Menschen überlassen bleiben, ob und welche Autos sie kaufen. Erkläre mal einer Familie mit drei Kindern, sie müsse sich in diese Carsharing-Büchsen pressen. Tatsache ist, dass früher oder später emissionsfreie Autos kommen werden. Ein eigenes Auto bedeutet Freiheit. Ein Viertel ist ja nicht nur für 20 Jahre geplant. Dass das Auto keine Zukunft in unseren Städten hat, ist ideologischer Blödsinn.

Breitkopf Das wird nicht den Menschen überlassen, weil das Benzin dank steigender Ölpreise so teuer wird, dass sich keiner mehr ein Auto leisten kann. Deine E-Autos sind ein Marketing-Gag der Autobauer und Versorger. Die Kraftwerke, die den Strom erzeugen, sind nicht mindere Dreckschleudern als dein alter Volvo. Außerdem sind E-Flitzer so teuer, dass sie sich nur Besserverdiener leisten können. Carsharing-Autos sind keine Büchsen, DriveNow-Autos haben fünf Sitze. Auf Wunsch gibt's 'nen SUV, BMW X1. Da kannst Du auch vier Kinder reinkriegen und bist noch kö-stylish unterwegs.

Thissen Den SUV darf ich dann suchen, wenn ich im Stress die Kinder in die Schule bringe, und die Kindersitze klemm' ich mir unter den Arm, oder was? Man merkt, dass Du keinen Familienalltag bewältigen musst. Zurzeit sind E-Autos zu teuer, ja. Aber in 20 Jahren wird das nicht mehr so sein, Kraftwerke werden grünen Strom produzieren, Sonne, Wind, Wasser, und vielleicht ja auch wieder Atomstrom. In Gerresheim wird keine rationale Stadtplanung gemacht, sondern Ideologie und Gutmenschentum in Asphalt gegossen - auf Kosten der Investoren, die wegen veränderter Machtverhältnisse nicht bauen können und danach Wohnungen vermarkten dürfen, die nur nach einem ewigen Fußmarsch erreichbar sind. Und komm mir nicht damit, dass mir ein Fußmarsch mal gut täte...

Breitkopf Du musst nicht gleich zu Fuß gehen. Der Forstlehrer Karl Drais hat im 19. Jahrhundert ein Gerät namens "Fahrrad" erfunden. Es besitzt zwei Räder, die mit einem Metallgestell verbunden sind - und man kann sich damit durch Strampeln fortbewegen. Das Rad verursacht keine Emissionen, den Atomausstieg müssen wir also nicht absagen. Was Deine Liebe zur E-Mobilität angeht: Es gibt auch E-Bikes.

Thissen Ich hab nichts gegen Fahrräder. Es ist gut, Radwege zu bauen. Aber man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Du baust Fronten auf, wo keine sein müssten. Radler gegen Autofahrer, Vegetarier gegen Fleischesser, Raucher gegen Nichtraucher. Dabei geht es um ein Miteinander. "Versöhnen statt spalten", war das Motto von Johannes Rau. Das ist heute auch meins.

Breitkopf Du verkennst: Man kann nicht gleichzeitig Rad- und Autofahren. Deswegen beschimpft auch der leidenschaftliche Porschefahrer, wenn er auf einem Rad sitzt, einen Autolenker, der ohne zu Blinken rechts abbiegt. Völlig zu Recht. Wenn "Versöhnen statt Spalten" ein sinnvolles Motto wäre, dann gäbe es diese Kolumne nicht. Autos in der Innenstadt sind wie Dinosaurier im Mesozoikum - es gibt sie noch, aber ihre Tage sind gezählt. Die Zukunft gehört Bus, Bahn, Rad und jenen Menschen, die nicht zu faul sind, diese zu benutzen.

Thissen Ich wünsche Dir viel Spaß beim Warten auf den Bus.

Breitkopf Laut Rheinbahn-Anzeige kommt der "sofort".

Quelle: RP
 
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