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Düsseldorf
Gespräche in Gebärden

Düsseldorf: Gespräche in Gebärden
Die schwerhörige 24-jährige Atousa (links) unterhält sich in Gebärdensprache mit der gehörlosen Mircan (21). FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Ganz leise ist es im Gebärdensprache-Treff im Hauptbahnhof. Gefühle werden hier anders ausgedrückt. Von Gabriel Goldberg

Hauptbahnhof Düsseldorf, Gleis 11, die S-Bahn hat wieder einmal Verspätung. Wartende stehen herum, vertreiben sich die Zeit mit ihren Smartphones und Gesprächen. Unter den Wartenden ist auch eine kleine Gruppe junger Männer, einige tragen Baseballkappen, "coole Jungs" eben - und sie gestikulieren wild. Sie bewegen ihre Hände aber nicht gleichzeitig, sondern einer nach dem anderen, und wenn einer die Hände bewegt, schauen die anderen ihn konzentriert an - ein Gespräch, bei dem man den Sprechenden ausreden lässt - ohne Ton, mit den Händen.

Einer von ihnen kann auch von den Lippen lesen, sich daher mit einem Außenstehenden verständigen, der auf die Gruppe zugeht und nachfragt: Schon öfter sei ihm aufgefallen, dass am Hauptbahnhof Grüppchen von Gehörlosen per Gebärdensprache miteinander reden. Warum kommt das hier so oft vor? Die Antwort: Im Hauptbahnhof gibt es einen Treff für Gehörlose, die aus ganz Nordrhein-Westfalen dorthin kommen. Betrieben wird der Deutsche Gebärdensprache-Treff (DGS) von der Graf-Recke-Stiftung, und er befindet sich an dem Quergang an Gleis 11. Ein mittelgroßer Raum, Fotocollagen an den Wänden, eine Sofaecke mit Tisch zur rechten, halbrechts ein Tischkicker. Zwei Computer mit Internetanschluss, am Tisch sitzen eine junge Frau und ein junger Mann und machen Hausaufgaben. Gemütlich ist es hier, bedenkt man, dass man im Hauptbahnhof ist. Und still.

Zwei Jugendliche spielen Tischkicker - man hört nur das Geklacker des Balles. Regt sich jemand von den Spielern auf, hört man fast nichts, man sieht die Aufregung und die Enttäuschung im Gesicht und an den Gesten. Eine Jugendliche schießt ein Tor - und reißt vor Freude die Hände in einer Halbdrehung hoch. Leise. Vergleicht man dieses Tischkickerspiel mit gewöhnlichen in Kneipen - es ist so wie der Vergleich eines startenden Flugzeugs mit einer Dorfstraße. Thomas Paul Gluch, Leiter des DGS-Treffs, sieht den Grund der Stille im Besuch des Journalisten: "Jetzt benehmen sie sich gut, beim Kickern wird normalerweise geschrien! Auf eine bestimmte Weise ist es hier manchmal sogar lauter als neben einem startenden Flugzeug!" Schreien kann man eben auch ohne Worte.

Wofür braucht es denn solch einen Treff? Menschen möchten miteinander kommunizieren, sich austauschen - wenn jedoch die meisten anderen nicht die Sprache sprechen, die man versteht, wenn man weit weg von anderen Gehörlosen lebt, dann rutscht man in die Isolation - nur mit den Wenigsten reden können, immer allein mit den eigenen Erlebnissen, Gedanken, Gefühlen. Da viele Jugendliche ohnehin weit zu den Gehörlosenschulen und Berufskollegs fahren müssten und auf dem Weg über den Düsseldorfer Hauptbahnhof fahren würden, habe sich dieser angeboten, erklärt Regina Klippel, Heilpädagogin bei der Graf-Recke-Stiftung.

Die 21-jährige Mircan ist die Frau, die vor Freude über ein Tor am Kicker die halbe Pirouette gedreht hat. Sie kann auch mit Hörenden gut kommunizieren, die keine Gebärdensprache können: "Ich kann von den Lippen lesen und auch reden", sagt sie - trotzdem ist ihr der Treff wichtig. "Ich habe hier viele unterschiedliche Freunde gefunden - theoretisch könnte ich im gesamten Bundesgebiet bei ihnen übernachten." Freunde finden, Spaß haben - und sich bilden: Das ist wichtig für Ahmed, 25, der vor zwei Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen ist und nun in internationaler Gebärdensprache erklärt: "Ich konnte vorher gar nicht schreiben, jetzt hilft mir Atousa, das zu lernen."

Die 24-jährige Atousa macht im DGS-Treff ein Freiwilliges Soziales Jahr, sie ist stark schwerhörig und träumt davon, BWL zu studieren. Sie erzählt von ihrem Lehrer, der ihr sagte: "Du schaffst das nicht, du bist ja gehörlos", die Verbitterung hierüber steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Gegen solche Rückschläge möchte der DGS-Treff angehen, die Jugendlichen stärken, ihnen das Gefühl geben, "nicht allein zu sein, wir zeigen den Leuten, dass sie viel erreichen können", erklärt Gluch. Der Treff versucht, die Grenze zwischen Hörenden und Nicht-Hörenden zu lockern - so gab es im vergangenen Jahr einen "Poetry Slam", bei dem Gehörlose ihre Poesie in Gebärdensprache dargestellt haben, verständlich auch für Passanten, die die Sprache nicht beherrschen. Die Resonanz war sehr positiv.

Regina Klippel freut sich, dass der Treff auch das Selbstverständnis der Jugendlichen beeinflusst: "Ganz am Anfang vor zehn Jahren haben sich die gehörlosen Jugendlichen in den Ecken des Raums aufgehalten, sie wollten bloß nicht auffallen. Jetzt haben sie das Selbstbewusstsein, auch an der Fensterfront zu gebärden." Doch neben der Stärkung der Identität, des Selbstbewusstseins entsteht oft noch etwas anderes. Gluch schmunzelt, während seine Hände diesen Satz formen: "Ich könnte ganze Liebesromane über den DGS-Treff schreiben!"

Quelle: RP
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