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Düsseldorf
Gewerkschaftschef will bessere Chancen

Düsseldorf: Gewerkschaftschef will bessere Chancen
Nihat Öztürk bereitet die nächste Tarifrunde der Metaller vor. FOTO: D. Young
Düsseldorf. Seit zehn Jahren ist Nihat Öztürk 1. Vorsitzender der IG Metall Düsseldorf-Neuss. Toleranz und individuelle Freiheit sind dabei bis heute die zentralen Motive seiner gewerkschaftlichen Arbeit. Von Julia Chladek

Bildung, Qualifikation, Teilhabe am Arbeitsmarkt. Diese drei Schlagworte sind es, die in Nihat Öztürks Augen die Lebenschancen eines Menschen bestimmen. Und die noch immer ungerecht verteilt sind. In seiner vierten Amtszeit als erster Bevollmächtigter und Geschäftsführer der IG Metall Düsseldorf-Neuss sind es daher vor allem diese Themen, die dem 61-Jährigen am Herzen liegen.

"Das Resumée der Amtszeit 2012 bis 2016 fällt überwiegend positiv aus", so Öztürk. "Wir haben mehr tarifgebundene Betriebe und mehr Betriebe mit demokratischen gewerkschaftlichen Strukturen." Auch die Wahlbeteiligung bei den diesjährigen Wahlen habe bei mindestens zwei Drittel gelegen, in einigen Betrieben sogar zwischen 80 und 90 Prozent. "Aber natürlich gibt es auch Negatives zu berichten. Die Schließung der Werke von Thyssen Krupp Presta 2012, von Whitesell 2015 und die geplante Schließung von Nirosta 2017 machen uns zu schaffen. Viele Arbeitsplätze sind damit unwiderruflich weggefallen", erklärt Nihat Öztürk.

Ausschlaggebend für die negativen Entwicklungen seien vor allem externe Faktoren. "Die Betriebe hier in Düsseldorf und Neuss sind sehr innovativ und global vernetzt. So werden sie aber von der schlechten Konjunktur in Südeuropa und den Schwellenländern, dramatisch sinkenden Öl- und Gaspreisen und den geopolitischen Konflikten in Osteuropa und dem Mittleren Osten besonders getroffen". Doch nicht nur international gibt es Probleme. Besonders bewegt Öztürk das Thema leistungsgerechte Bezahlung, das in vielen Betrieben nur unzureichend umgesetzt werde. In den nicht tarifgebundenen Betrieben liege die Bezahlung von Frauen mit mittlerer Qualifikation um 14,2 Prozent unter der der Männer, bei Frauen mit hoher Qualifikation sogar um 21,5 Prozent. Selbst bei den tarifgebundenen Betrieben seien es es noch 3,7 bzw. 9,5 Prozent. Für Öztürk skandalös.

Er selbst kam 1973 aus dem türkischen Antakya nach Deutschland, arbeitete zunächst als Gießerei-Hilfsarbeiter und Elektroschweißer, bevor er in Hamburg Soziologie und VWL studierte. "Ich bringe jedem Menschen, ob religiös oder nicht, endlose Toleranz entgegen - verstanden als Respekt, Wertschätzung und Anerkennung. Der Mensch ist das Maß der Dinge. Wenn Frauen oder prekär Beschäftigte nicht leistungsgerecht bezahlt werden, ist das Ausbeutung. Auch wenn das Vorgehen der Betriebe durch gesetzliche Schlupflöcher gedeckt sein mag, so bleibt es politisch und moralisch illegitim", sagt Nihat Öztürk.

Ein wichtiges Langzeitprojekt der IG Metall ist daher die Erschließung bisher noch nicht tarifgebundener Betriebe und die Stärkung der gewerkschaftlichen Strukturen vor Ort. "Denn ohne die Mitarbeit der Belegschaft können wir nichts bewegen", erklärt Nihat Öztürk.

In den kommenden Wochen jedoch steht zunächst die turnusgemäße Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie auf dem Programm. 5 Prozent mehr Lohn fordert die IG Metall, noch bis zum 28. April läuft die Friedenspflicht. Wenn bis dahin keine Einigung gelingt, drohen Warnstreiks. Eine große Verantwortung für Nihat Öztürk.

Als Belastung empfindet er die jedoch nicht. "Die Arbeit in der Gewerkschaft und die Möglichkeit, politisch-soziales Engagement als Beruf auszuüben, empfinde ich als Privileg", sagt der 61-Jährige.

Quelle: RP
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