| 16.52 Uhr

Kraftwerk-Konzert zum Grand Départ
Die Mensch-Maschine zeigt Heimatgefühle

Kraftwerk-Konzert: Mensch-Maschine mit Heimatgefühl
Kraftwerk-Konzert: Mensch-Maschine mit Heimatgefühl FOTO: Endermann
Düsseldorf. Mit zwei Stunden 3D-Bühnenprogramm und einer Neuauflage ihres Stücks "Tour de France" sorgten Kraftwerk für das musikalische Highlight des Grand Départ. Die Fans im Düsseldorfer Ehrenhof waren begeistert. Von Philipp Holstein

Rechts über der Bühne lachte der halb volle Mond, als Kraftwerk das Stück "Tour de France" aus dem Jahr 1983 begann. Und  weil das ein besonderer Abend war, drehten sie die Bässe auf, damit man das Lied fühlen konnte. "Tour de France" ist ja das menschlichste Lied von Kraftwerk, man hört darin ein Stöhnen, man hört einen Körper schwitzen, so etwas gibt es sonst nicht im Werk der Sound-Ingenieure, deren Ziel es ist, allen Klang bis auf seine Essenz herunterzukühlen.

Sie verlängerten und bearbeiteten das Stück, sie feierten die Dynamik des Pelotons, das Drängeln und Ausreißen, und dann zeigten sie den deutschen Fahrer Tony Martin auf den drei großen Leinwänden, und sie zeigten sein Fahrrad: "Canyon Speedmax CF SLX" heißt es. Pechschwarz mit weißen Linie, sehr cool, und das Tollste daran ist, dass Kraftwerk-Kopf Ralf Hütter es entworfen hat. Radfahren helfe beim Musikmachen, weil es nur eine Richtung kenne, hat Hütter mal gesagt: vorwärts.

Kraftwerk in Düsseldorf wie Beatles in Liverpool

Kraftwerk trat Open Air im Ehrenhof auf, 15.000 Fans hat der Veranstalter gezählt, und tatsächlich wurde es ein großer Abend. Den ganzen Tag hatte es geregnet, die Vorband Air sorgte dann aber für die Sommersonnenwende. Die von Kraftwerk inspirierten Weltraumgleitflüge der weiß gekleideten Franzosen bereiteten sehr schön auf den Auftritt der Düsseldorfer vor, die dann mit "Nummern" begannen und "Computerwelt" hinterherschickten, den einzigen Pophit, in dem das Wort "Eigenheim" vorkommt.

Kraftwerk in Düsseldorf, das ist wie die Beatles in Liverpool, und irgendwie spürte man, dass die Mensch-Maschine Heimatgefühle hatte. Bei dem Stück "Spacelab" zeigte Kraftwerk die Welt von oben, Düsseldorf markierten sie mit einer Ortsnadel. Dann zoomten sie hinein und ließen ein Raumschiff vor der benachbarten Tonhalle landen. Alles in 3D natürlich, und wer sich mal kurz von der Bühne wegdrehte und ins Auditorium blickte, sah eine Szenerie wie aus einem Science-Fiction-Film von früher: so viele Menschen mit 3D-Brillen.

Szenenapplaus für den Bass

Man stand dicht gepackt, viele Fans trugen Radfahrer-Mützen mit hochgeklapptem Schirm, manche hatten sogar die typischen Handschuhe ohne Finger angezogen; das sah man, wenn sie das Handy hochhielten, um zu fotografieren. Einige erschienen auch in rotem Hemd mit schwarzer Krawatte, der "Signature Look" von Kraftwerk, zu bewundern auf dem Cover der LP "Mensch Maschine".

Kraftwerk spielte ein Best-of-Programnm, die Lautstärke war enorm, und für den Bass bei "Autobahn" und "Radioaktivität" gab es Szenenapplaus, weil er so so unerbittlich gegen die Brust drückte, dass man schnaufen musste. Bei "Autobahn" ging einem neuerlich auf, dass Kraftwerk eigentlich romantische Lyriker sind, "die Fahrbahn ist ein graues Band / weiße Streifen, grüner Rand", sang Hütter mit der Stimme eines Schwärmers. Und als die Sonne untergegangen war, ließ sich Kraftwerk von den Maschinen vertreten: Roboter mit den Konterfeis der vier Bandmitglieder brachten das Stück "Wir sind die Roboter".

Kraftwerk gucken heißt, die Zukunft zu sehen. "Es wird immer weitergehen / Musik als Träger von Ideen" lautete der letzte Satz, bevor nach rund zwei Stunden das Licht anging. Die Fans nahmen die 3D-Brillen ab, deren scharfe Kanten bei vielen einen roten Streifen an der Nasenwurzel hinterließen. Es war das Erkennungszeichen der Eingeweihten. 

Viele Fans verfolgten das Konzert von draußen. Lesen Sie hier eine Reportage dazu.

 
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