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Tour de France 2017
Lasst mich in Ruhe mit der Tour!

Tour de France 2017: Lasst mich in Ruhe mit der Tour!
Mönchengladbach im Regen. Im Vordergrund: die eingegitterte Strecke. FOTO: Sabine Kricke
Mönchengladbach. Unser Autor dachte in den vergangene Wochen, die Tour könne ihn nicht noch mehr nerven als ohnehin schon. Doch dann kam dieser Sonntag - und seine Begeisterung rutschte sogar noch unter null. Abrechnung eines genervten Anwohners. Von Ludwig Jovanovic

Seit 15 Jahren wohne ich in der Mönchengladbacher Innenstadt. Mitten im Zentrum. Und ich genieße es. Denn ich bin ein Stadtmensch, den nichts an den angeblichen Vorzügen des Landlebens reizt.

Aber meine Einstellung ändert sich langsam. Seit ein paar Wochen und vor allem in den vergangenen Tagen: Tourfieber! Die Tour de France kommt! Was für ein besonderer Tag! Nun, es ist ein Sonntag. Und der ist für mich tatsächlich besonders. Weil ich genau an der Strecke der Tour wohne, fühle ich mich seit Samstagnachmittag wie ein Tier im Zoo. Danke dafür.

Tour de Doping mit armseligem Karnevalszug-Ersatz

Zugegeben, ich habe keinen Draht zum Radsport. Mir erschließt sich die Begeisterung nicht, anderen dabei zuzusehen, wie sie in die Pedale treten. Das kann ich auch im Fitnessstudio haben. Da macht aber keiner einen besonderen Tag draus. Und die Tour de France, die große Tour de France, ist mir nur als Wettbewerb moralisch flexibler Mediziner aufgefallen. Egal, wer am Ende ein grünes, gelbes oder was auch immer für ein Trikot trägt. Am Ende ist es nichtig, weil der gewinnt, dessen Ärzte am geschicktesten chemische Hilfsmittelchen verabreicht haben.

Ich bin da bestimmt unfair, aber das ist es, was in meinem Gedächtnis aufgrund mangelnden Interesses haften geblieben ist. Und damit bewegt sich die Veranstaltung für mich eher auf dem Niveau von Wrestling – eine große Show ohne jeden Wert. Dazu passt der armselige "Karnevalsumzug", der als sogenannte Werbekarawane an meinem Fenster vorbei fährt. Also sorry, wenn ich die Begeisterung nicht teile.

Städtisch verordneter Radsportspaß für alle

Das Ganze könnte mir egal sein - wenn ich nicht mittendrin wäre statt nur dabei. In Mönchengladbach. Nicht freiwillig. Ich wurde von der Stadt zwangsbeglückt. Ich habe nichts gegen Großveranstaltungen. Ich wohne auch wegen ihnen mitten im Zentrum. Aber ich möchte als Anwohner die Freiheit haben, darüber zu entscheiden, ob ich teilnehme oder nicht. Die habe ich aber nicht. Am Samstag um 16 Uhr hat man die Sperrungen aufgebaut, mich eingepfercht im Zentrum und gezwungen, dabei zu sein. Und dass man portable Toiletten quasi vor meiner Haustür aufgestellt hat, hat meine Laune nicht gebessert.

Die Stadtoberen entscheiden für mich, was Spaß ist. Aber das ist er für mich eben nicht. Auch dann nicht, wenn ein sportbegeisterter Oberbürgermeister das so möchte. Auch dann nicht, wenn viele eitle Stadtpolitiker auf Selfies hoffen – und darauf, dass der scheinbare Glanz dieser Veranstaltung auf sie ausstrahlt.

Es geht so weit, dass die Stadt einen verkaufsoffenen Sonntag beschlossen hat, den die Einzelhändler aus diversen Gründen gar nicht wollen. Aber die Stadt will es so. Punkt! Auch dann, wenn viele Geschäfte an dem verkaufsoffenen Sonntag gar nicht öffnen.

Was kostet diese Zwangsbeglückung mit Sicherheitskonzept eigentlich?

Seit Sonntagmittag laufen Ordner herum, von denen sich einige offenbar für sehr wichtig halten. Die paar Besucher an der Ecke Bismarck- und Hindenburgstraße werden kontrolliert. Auch die Kinderwagen mit Kleinkindern. Das gehört zum Sicherheitskonzept. Ebenso, dass an der Post-Filiale die Briefkästen bereits am Freitag zugeklebt worden sind. Nun, ich bin kein Experte, aber warum hat man die Papierkörbe dann alle hängen lassen? Die sind nicht nur näher an der Strecke, sondern bieten Platz für größere Taschen.

Aber ich bin kein Experte, ich bin kein Radsportfreund, ich bin nur ein Anwohner. Und der fragt sich auch, was das alles kostet. Den Überblick habe ich da etwas verloren, weil es ständig teurer geworden ist – auch weil es nicht genug Sponsoren gab, die sich an der Tour beteiligen wollten. So groß scheint das Interesse also nicht zu sein. Zuletzt standen 450.000 Euro im Raum, die allein von der Stadt Mönchengladbach für die Tour ausgegeben werden. Dafür macht man die Milchmädchenrechnung auf, dass die Stadt im Fernsehen ist – und wenn man das in Werbeminuten umrechnen würde, dann rechne sich das. Also, ich zumindest kann mich nicht reich sparen, wenn ich Geld ausgebe. Es ist weg.

So wie das Geld für die Tour de France, die beim nächsten Mal einen großen Bogen um Mönchengladbach macht. Und vor allem um mich. Hoffentlich.

 
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